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23. Januar 2012

Die spinnen, die Römer!

Glauben Sie bloss nicht, wir Typen würden unter der Dusche über etwas anderes reden als die Frauen! Natürlich reden wir, wenn wir uns nach dem Training den Schweiss herunterwaschen, übers Gewicht. Gerade im Januar. «Du hast aber ordeli zugelegt!», frotzelt ein Splitternackter zum anderen. «Ja, gopf», jammert der Angesprochene, «ab vierzig hängt einem jedes Bier brutal an.» Über Festtagswampen wird geklagt, mit guten Vorsätzen plagiert: «Fünf Kilo müssen weg!» Nur einer, unlängst Vater geworden, überraschte uns nach dem Jahreswechsel mit seiner ranken Figur. Wie er all die Pfunde wegbekommen habe? Er schaue drum jetzt zwei Tage pro Woche zum Töchterchen. «Kein Kantinenfood mehr, weniger Geschäftsessen, weisst!», raunte er verschwörerisch.

Apropos Gewichtskontrolle … Nachdem ich mich über Gemüsegrabscher beschwert hatte, machte eine Leserin auf diejenigen aufmerksam, die einem mit «500 g Erdbeeren» angeschriebenen Gebinde nicht glauben, dass es tatsächlich 500 Gramm Beeren enthält, und es zur Kontrolle auf die Waage stellen. Noch ärger die, welche unliebsame Beeren aussortieren, durch solche aus anderen Körbchen ersetzen, so eifrig hantieren und umbüscheln, dass man sich als anständiger Kunde fremdschämen muss. Womit wiederum die Körbchenwäger recht bekämen, denn es kann ja sein, dass zuvor jemand Beeren aus ihrem Körbchen entfernt hat … Aber mich lässt all dies kalt: Zweitens, weil ich im Winter keine Erdbeeren kaufe. Und erstens, weil ich das Kleingedruckte ohnehin nicht lesen und daher nicht wissen kann, wie viele Gramm mein Gebinde enthalten sollte.

«Lasst uns die Unschärfe loben!»
«Lasst uns die Unschärfe loben!»

Schlechtes Sehen hat sein Gutes; echt, jetzt! Manch doofer Plakatslogan entgeht meiner Aufmerksamkeit, und viele YB-Spiele waren letzten Herbst weitaus erträglicher, weil ich von meinem Platz aus gar nicht so genau sah, was vor sich ging. Auch unser Hans verfährt nach dem Motto «Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss.» Unlängst musste ich ihn über die altrömische Kultur abfragen. «Ceres?» Er sagt: «Göttin der Fruchtbarkeit und des Dings … Ackerbaus.» Ich: «Pluto?» Er sagt: «Ähm …» Pause. «Das, was ich nicht weiss, müssen wir nicht können.» Fragte ich nach einer Toga, fand er: «Ich weiss, dass die Tunika ein einfaches Gewand war. Dann muss ich Toga nicht auch noch wissen.» Das mag ein bisschen selbstgerecht klingen — mir gefiel es trotzdem. Er liess sich nicht stressen und befand: Ich weiss genug.

Lasst uns die Unschärfe loben! Ihretwegen entdeckte ich letzte Woche im Berner Münster — der Pfarrer las gerade aus dem Römerbrief vor — in einem spätgotischen Kirchenfenster den Obelix. Ein Fetter in Latschen und blau-weiss gestreifter Hose, oben ohne, aber mit Flügelhelm. Daneben hing Jesus am Kreuz. Vermutlich war mein Obelix in Wahrheit irgendein Engel, der vor sich einen blau-weissen Wappenschild hielt. Von fern und dank meiner mangelnden Sehschärfe aber wars der dicke Gallier. Unverkennbar! Ich grinste in mich hinein und schämte mich dann, weil dies immerhin eine Beerdigung war, für einen kurzen Moment meines stillen Amüsements. Aber nur für einen Moment. Denn dann musste ich daran denken, wie sehr mein lieber Onkel, dessen Abdankung hier gefeiert wurde und der zeitlebens ein Faible für die Absonderlichkeiten des Alltags hatte, sich mit mir gefreut hätte: über Erzengel Obelix.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Bänz Friedli lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Bänz Friedli live: 24. 1. 2012 Hittnau ZH.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli