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19. August 2013

Die Spick-Vorbereitung lohnt sich

Spicken ist für Täter riskant und dazu unfair gegenüber jenen, die es nicht tun. Den Spickzettel schreiben aber bringt viel! Ein paar Hinweise zum regelkonformen Nutzen des Spick-Effekts.

Die Pädagogikexperten sind sich einig: Betrügen in der Schule ist aus Gründen der Leistungsgerechtigkeit oder der (zum Teil) sabotierten Lernziele nicht tolerierbar. Lehrkräfte und das Umfeld der Schüler(innen) sollten alles Mögliche unternehmen, damit sich keine entsprechende Kultur im Umgang mit Prüfungen in der Klasse oder gar Schule durchsetzt. Gerade die Lehrer(innen) können vor allem mit zwei Ansätzen dafür sorgen, die auch bereits im Artikel des Migros-Magazins vom 19. August 2013 zu entnehmen sind:

A) Zum einen gestalten sie den Prüfungsstoff in einer Form, die nicht nur aufs gleichförmige Abfragen von Stoff als Einzelwissen abzielt. In den meisten Fächern bereitet es keine Mühe (aber natürlich einiges an Aufwand), Zusammenhänge herzustellen und die Schüler zur Verknüpfung des lern- und einfach spickbaren Wissens zu zwingen. So finden diese nur umständlicher die Möglichkeit, ohne eigenen (Denk-)Aufwand an die richtigen Antworten zu gelangen.

Der heute üblichste Spickversuch
Der heute üblichste Spickversuch: Mit dem Smartphone. (Illustration Melk Thalmann)

B) Daneben benötigen Lehrpersonen generell, verstärkt jedoch in wichtigen, stark ins Zeugnis und damit eine Promotion einfliessenden Prüfungen eine andere, weit unelegantere Methode: die Überwachung der Schüler während der Prüfung. Zu früheren Spicktechniken auf Papierfetzen & Co. gesellt sich heute speziell die Kontrolle, ob nicht jemand im Smartphone Wörter (bei Sprachfächern), Formeln (in Chemie, Physik oder Mathematik) oder Geschichtsdaten auf entsprechenden Fachportalen nachschlägt oder schlicht googelt. Deshalb kann die/der Lehrer(in) während der Prüfung kaum etwas anderes erledigen und muss versuchen, von Auge stets die ganze Klasse zu überblicken und zwischendurch aus wechselnden Blickwinkeln (etwa von zuhinterst im Zimmer und mit Ablaufen der Gänge zwischen den Pulten) Betrugsversuche zu erschweren.
Und die Schüler?
Für die (leid-)geprüften Kinder und Jugendlichen hat sich das Problem damit noch nicht erledigt. Im Gegenteil. Einige von ihnen haben vielleicht überhaupt Mühe mit bestimmten Fachgebieten und Lernstoffen, fühlen sich sehr unsicher und setzen deshalb öfters zur Absicherung aufs Spicken. Andere lernen generell zu spät oder fast gar nicht, bei ihnen ersetzt das Spicken letztlich wirklich vollumfänglich die Vorbereitung.
Der zweiten Gruppe kann schwerlich anders geholfen werden, als dass sie … zuerst lernt: dass es keinen Ersatz für Aufmerksamkeit in der Schule, einen Grossteil erledigter Aufgaben und ein Mindestmass an Prüfungsvorbereitung gibt, will man den Totalabsturz in den Schulnoten verhindern.
Der ersten Gruppe, den grundsätzlich auch leistungsbereiten Schülern, kann aber mindestens teilweise mit ein paar Tipps geholfen werden.
Wie man das Spicken ersetzt
Drei Punkte, die bei Prüfungen unsicheren Schüler(inn)en helfen können, ohne Betrügen auszukommen:

1. Die erste und beste Prüfungsvorbereitung, die Betrügen am Tag X weitgehend unnötig macht, ist wenig spektakulär, geht aber neben Schwatzen mit besten Kamerad(inn)en und anderen Ablenkungen oft vergessen: dem Unterricht voll konzentriert folgen. Jede Minute und jeder Teil des Schulstoffs, der während der Lektionen verpasst wird, muss mit dem Mehrfachen des ursprünglichen Aufwands wieder aufgeholt werden. Ansonsten fehlt die nötige Basis, die Bedingung für Hausaufgaben und noch mehr das letzte Lernen vor Tests oder Prüfungen ist. Bevor also bei schlechten Leistungen die Lernzeit vor der Prüfung zu Hause verdoppelt wird, stellt man am besten sicher, dass in der Schule nichts Wichtiges verpasst wird.
2. Ausser den ein bis zwei Klassenbesten haben die meisten Schüler(inn)en an bestimmten Stellen des Stoffs Mühe. Oft getrauen sie sich aus Scham oder falscher Bequemlichkeit aber nicht, bei Verständnisfragen den Unterricht zu unterbrechen oder danach die Lehrkraft oder (sofern verfügbar) die/den geniale(n) Mitschüler(in) zu fragen. Also unbedingt Scheu ablegen und sich mit Handerheben in den Unterricht einschalten oder die Begriffe zu Lücken im Stoff notieren und nachträglich zu schliessen versuchen.

3. Spicken ist riskant und unfair (siehe oben), die Vorbereitung für den «Bschiss» dafür aber sehr oft hilfreich. Bedingung: Es braucht einen Schritt der Verarbeitung des abgefragten Stoffs, damit es wirkt. Wird der nämlich gründlich erledigt, erübrigt sich in der Stresssituation glatt das Spicken selbst. Denn der Lerneffekt der Zusammenstellung von ungesichertem Wissen, das es allenfalls zu spicken gälte, ist meist gross genug, so dass das Hilfsmittel zu Hause oder auf dem abgeschalteten und versorgten Smartphone gelassen werden kann.
Vier Dinge sollten bei der Erarbeitung von Spickmaterial – egal ob eine als Bild gespeicherte Übersicht oder ein klassischer Spickzettel von Hand oder mit Computer geschrieben, beachtet werden:

a) Es braucht besonders bei grossem und komplexem Stoff eine kleine Übersicht, welche Themenbereiche es überhaupt gibt und wie diese zusammenhängen.

b) Im Zentrum stehen gesammelte Fragen und Antworten, bei denen man auf Anhieb in der Klasse oder beim ersten Durchgehen zu Hause Mühe hatte.

c) Hat man die Übersicht und die problematischen Wissensgebiete zusammengestellt, heisst es, sie genug früh (nicht eine Nacht, sondern möglichst mehr als zwei Tage im Voraus) nochmals durchzugehen. Nicht einmal schon zum Memorieren, sondern um nochmals etwas nicht Einleuchtendes verorten zu können, sofern so etwas noch existiert.

d) Zuletzt prägt man sich die Spickvorlagen kurz vor der Prüfung ein letztes Mal ein.
Danach kann man sie weglegen oder gar schon löschen respektive wegschmeissen.

Autor: Reto Meisser

Fotograf: Melk Thalmann