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10. September 2012

Die Sinne im Dauerstress

Es gibt Kinder, bei denen immer alle Antennen auf Empfang geschaltet sind. Sie nehmen Stimmungen und Reize intensiver wahr als ihre Kameraden. Tipps, wie Eltern ihre hochsensiblen Töchter und Söhne unterstützen können.

Sinneseindrücke: Für Hochsensible zu intensiv.
Sinneseindrücke: Für hochsensible Kinder oft viel zu intensiv. (Bild: Getty Images)

Woran können Eltern hochsensible Kinder erkennen? Die Merkmale.

Martin ist auf der Geburtstagsparty seines Freundes Tim. Bisher war alles so wie im letzten Jahr: Geschenke, Kerzen, Kuchen. Doch nun sollen die Kinder ein Spiel spielen, bei dem es darum geht, Luftballons zum Platzen zu bringen. Diese Vorstellung gefällt Martin überhaupt nicht. Während die anderen kleinen Gäste vor Freude johlen, verkriecht sich der Sechsjährige in ein anderes Zimmer. Dort setzt er sich in eine Ecke, hält sich die Ohren zu und harrt aus, bis auch der letzte Ballon zerplatzt ist.

Martin ist kein Angsthase. Er mag es einfach nicht, wenn es laut knallt. Das tut ihm in den Ohren weh. Martins Sinnesorgane nehmen alle Reize verstärkt wahr. Er hat auch sehr feine Antennen fürs soziale Geschehen. Es scheint so, als würde sich Martins Gehirn länger und sorgfältiger mit allen Wahrnehmungen und Erlebnissen beschäftigen.

Der Junge ist hochsensibel. Das ist keine Krankheit, sondern eine Besonderheit, die bei 15 bis 20 Prozent der Menschen vorkommt. «Unsere nomadisch lebenden Vorfahren schätzten Begleiter mit feinen Antennen, damit beispielsweise Gefahren rechtzeitig erkannt wurden», sagt Helene Schudel (48), Beraterin und Coach aus Winterthur mit Spezialgebiet Hochsensibilität. «In der heutigen Zeit finden solche Menschen viel seltener einen geeigneten Platz.»

Reizüberflutung macht manche Kinder aggressiv

Wenn ein Kind immer alle Veränderungen in der Umgebung wahrnimmt, kann dies dazu führen, dass sich sein Verhalten plötzlich ändert. Durch die Reizüberflutung reagieren manche aufbrausend und aggressiv, andere schotten sich ab und sind kaum noch ansprechbar. Im Gegensatz etwa zu Mädchen und Jungen mit Aufmerksamkeitsstörungen können sich hochsensible Kinder intensiv, ausdauernd und konzentriert mit einem Thema beschäftigen.

«Kinder mit besonders feinen Antennen neigen dazu, alles in ihrer Umgebung auf sich zu beziehen», erklärt die Expertin, die selbst drei hochsensible Töchter hat. Wenn ein Erwachsener beispielsweise gestresst wirkt, glaubt das hochsensible Kind oftmals, schuld daran zu sein. Auf Dauer wirkt sich das negativ auf sein Selbstwertgefühl aus. Für ein gesundes Gedeihen ist es wichtig, dass die Eltern um die Empfindsamkeit ihrer Kleinen wissen, ihre Bedürfnisse erkennen und ihnen helfen, mit der Reizüberflutung umzugehen. Die besondere Fähigkeit bleibt nämlich auch im Erwachsenenalter erhalten.

Autor: Bettina Leinenbach