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06. Juni 2016

Die Schwingen ausbreiten

«Morgane de toi» von Renaud Séchan
Die Platte «Morgane de toi» von Renaud Séchan.

Er war ein Held meiner Jugend, der französische Rocker Renaud Séchan. Als er «Morgane de toi» sang, war ich noch weit davon entfernt, Kinder zu haben. Doch ich merkte, dass der Sänger, der sonst immer den «blouson de cuir» gab, den harten Kerl, sich in dem Lied für einmal weich zeigte, besorgt und, ja, ein bisschen eifersüchtig.
Auf wen? Auf «diese kleinen Sandkastenmachos». Das Lied war an Renauds dreijährige Tochter Lolita gerichtet, und mit dem Refrain «Je suis morgane de toi» meinte er nichts anderes, als dass er vernarrt in die Kleine war. Rührend und auch ein bisschen ironisch war das, weil es ja auf ziemlich alberne Weise selbst machohaft ist, wenn ein Vater auf die dreikäsehohen Spielkameraden seiner Tochter eifersüchtig ist.

Bänz Friedli lernt loszulassen
Bänz Friedli (51) lernt loszulassen.

Aber es war ein wunderbarer Song. «T’envole pas!», beschwörte er die Tochter darin: Sie möge nie davonfliegen. Fragen Sie mich nicht, weshalb «Morgane de toi» mir gerade jetzt wieder in die Hände gefallen ist. Jüngere Musiker haben zu Renauds Ehren dessen Chansons interpretiert, ich höre «Morgane de toi» nach Jahrzehnten wieder, und das Lied geht noch immer ans Herz. «J’suis q’un fantôme quand tu vas où j’suis pas», summe ich leise mit: Ich bin ein Schatten meiner selbst, wenn du ohne mich weggehst. «T’envole pas!» – «Flieg nicht davon!», 33 Jahre später.

Doch, Moment mal – genau das tun sie, die Kinder. Renaud wird es inzwischen selber gemerkt haben: Lolita Séchan schreibt Bücher und verfasst Szenarien für Comics, sie lebt längst ein eigenes Leben. Und im Grunde tun sie das vom ersten Tag an. Wir begleiten sie nur. «Die Schwingen ausbreiten und durchstarten», dies war am Sonntag das Thema der Konfirmation unseres Sohnes. Und die Tochter, die eben ihren letzten Schultag erlebt hat, will bald auf Reisen gehen. «Flieg!», möchte ich ihnen und allen anderen Jugendlichen zurufen, die ihre Schulzeit beenden. Und dann vielleicht kleinlaut anfügen: «Aber bitte flieg nicht zu weit.» Weil ich mir sonst, wie Renaud, wie ein «fantôme» vorkäme.

Falsch. Das Glück soll überwiegen und der leise Stolz auf diese selbständigen jungen Menschen. Ich muss mich wohl eines anderen Songs behelfen. «From Here to Forever» von Kris Kristofferson etwa. Eins solle seine Tochter wissen, wenn sie fern voneinander seien, singt er darin: «I’ll love you from here to forever and be there wherever you go.» Dass er sie bis ans Ende der Welt liebe und immer bei ihr sein werde. Und wenn ich es mir recht überlege, lautet die richtige Übersetzung eben gerade nicht «bei dir sein», sondern: Ich werde da sein, wenn du mal zurückkehren möchtest, wenn du mich brauchst. 

Neues Programm: Bänz Friedli zeigt am 11. Juni erstmals sein neues Kabarettprogramm «Ke Witz! Bänz Friedli gewinnt Zeit».
Tickets für die Premiere am Zürcher Schauspielhaus Pfauen sind erhältlich über www.schauspielhaus.ch

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli