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03. Oktober 2016

Die schwierige Sache mit Mister Right

Die meisten Menschen lernen ihren Partner über Freunde, bei der Arbeit oder im Ausgang kennen. Für Tama Vakeesan, Schweizerin mit tamilischen Wurzeln, und die praktizierende Jüdin Esther Wohl sind Leben und Liebe etwas komplizierter. Dazu die Fakten der Heiratsstatistik: «Der Einfluss der Religion auf die Ehe wächst.»

Tama Vakeesan im Sari
Tama Vakeesan (28) möchte eines Tages im Sari heiraten.

Drei Jahre hat Tama Vakeesan (28) Vollgas gegeben als Moderatorin beim Jugendsender «Joiz». Sie ist für Interviews mit Stars herumgejettet, hat mit internationalen und Schweizer Musikern geplaudert und dabei Tontechniker, Kabelträger und Kameramann ganz vergessen. Seit «Joiz» im August Konkurs gegangen ist, verbringt sie viel Zeit zu Hause in Langenthal BE. Sie plaudert mit ihrer Mutter, kocht mit ihr Currys und sucht eine neue Stelle. Sie will wieder zurück in die Medienbranche, am liebsten vor die Kamera.

Tama Vakeesan war von Anfang an beides: Schweizerin und Tamilin. Ihre Eltern sind vor 30 Jahren vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka geflüchtet, und Tama hat ihren ersten Geburtstag im Flüchtlingszentrum Roggwil BE gefeiert. «In zwei Welten zu leben, bedeutet für mich keinen Kampf – ich kenne es nicht anders.» Sie ist sich gewohnt, je nach Situa­tion Tamilisch statt Deutsch zu ­sprechen und unterschiedliche ­ungeschriebene Gesetze zu respektieren. Vor anderen würde die junge Frau beispielsweise nie ihren Eltern widersprechen oder persönliche Konflikte austragen. Tama Vakeesan wohnt immer noch in ihrem Kinderzimmer. Ausziehen will sie erst, wenn sie verheiratet ist.

Zumba, Kino, ein Drink in der Bar – und Sabbath im Kreis der Familie

Esther Wohl (33) ist mit zwei Kindern, die sie als Nanny betreut, im Starbie, einer Spielhalle für Kinder in Dietikon ZH. Sie gibt den vierjährigen Zwillingen Anweisungen, wie sie das Elektroauto am besten um die Kurve steuern, folgt ihnen mit dem Blick auf die Hüpfburg, springt mit ihnen auf dem Trampolin um die Wette. Nach zweistündiger Action packt die Kleinkinderzieherin die Zwillinge in den Bus, fährt mit ihnen nach Hause und macht dort Pizza. Später backen sie zusammen einen Schokoladekuchen, spielen Memory und puzzeln. Der Feierabend variiert je nach Arbeitsschluss der Eltern, aber auch abhängig von den jüdischen Feiertagen.

Esther Wohl mit Kindern am Spielen
Esther Wohl (33) möchte auch nach ihrer Heirat arbeiten und als Nanny Kinder betreuen.

Esther Wohl (33) möchte auch nach ihrer Heirat arbeiten und als Nanny Kinder betreuen.

Die praktizierende Jüdin lebt in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Stadt Zürich. Zweimal pro Woche tanzt sie abends Zumba, manchmal geht sie mit einer Freundin ins Kino oder in eine Bar. Am Freitag ist sie, eine Stunde vor Sonnenuntergang, bei ihren Eltern, die ebenfalls in Zürich leben. Dort duscht sie, zieht sich schön an und hilft ihrer Mutter bei den letzten Vorbereitungen für den Sabbath. Dieser beginnt mit dem Entzünden von Kerzen, darauf folgen der Sabbathsegen und ein Festmahl im Kreis der Familie. Hie und da übernachtet sie auch bei ihren Eltern, um bei der Familie zu sein. Am Samstag fährt sie weder Tram, Bus noch Auto oder Velo.

Manchmal seien die Übergänge von der einen in die andere Welt schon seltsam, sagt Esther Wohl. Bisweilen fühle sie sich auch etwas ausgeschlossen von der nichtjüdischen Welt. «Aber ich glaube ans Judentum und lebe danach.» Sie hatte eine jüdische Primarschule besucht, bevor sie als 13-Jährige in eine öffentliche Oberstufe wechselte und dort die zweite Welt kennenlernte. Bisweilen sei sie wegen ihres Glaubens gefoppt worden: «In dem Alter gehört es nun mal dazu, dass man einander heruntermacht.»

«In einen Nichtjuden könnte ich mich nie verlieben»

Esther Wohl hat die Lehre als Kleinkinderzieherin in einer öffentlichen Krippe absolviert, später hat sie in einer jüdischen Krippe Kinder betreut. Heute arbeitet sie als Nanny für drei verschiedene Familien, eine jüdische, eine christliche und eine atheistische. Sie schätzt, wie flexibel und offen alle Elternteile ihr gegenüber sind. An jüdischen Feiertagen kann sie immer freinehmen, dafür arbeitet sie nach Bedarf auch gern sonntags oder begleitet eine ­Familie in die Ferien.

Esther Wohl in der Synagoge
In der Synagoge an der Löwenstrasse in Zürich kann Esther Wohl ihren Gedanken nachgehen.

Sie ist zwar integriert in der nichtjüdischen Welt, trotzdem gibt es klare Grenzen. Sex vor der Ehe ist im Judentum verboten.Aufreizende Kleidung tabu. Und als Ehemann kommt nur ein Jude infrage. Und wenn die Liebe anderswo hinfällt? «In einen Nichtjuden könnte ich mich nie verlieben», sagt die junge Frau bestimmt und fügt an: «Wie würden wir unsere Kinder erziehen?» Bei Eltern mit verschiedenen religiösen Traditionen würden sich die Kinder nirgends zugehörig fühlen. Eine schlimme Vorstellung, findet Esther Wohl.

Seit gut zehn Jahren ist sie nun auf der Suche nach dem passenden Ehemann, bisher erfolglos. Dabei hat sie viel unternommen. Sie hat Männer kennengelernt, die ihr Verwandte, Bekannte und Freunde vermittelt haben. Und sie hat an unzähligen Wochenenden für jüdische Singles teilgenommen. In Genf, Schuls, Sedrun, Basel, Lugano, Madrid, Brüssel, London, Paris und in New York. Diese laufen stets ähnlich ab. Man wohnt im selben Hotel, betet, isst gemeinsam und kommt – auch über Kennenlernspiele – ins Gespräch.

Einige auf den ersten Eindruck valable Männer hat Esther Wohl so getroffen und bei weiteren Dates näher kennengelernt. Wollten sie ihr aber zum Beispiel eine Uhr schenken oder machten andere Avancen in Richtung Verlobung, krebste sie jeweils zurück. «Es hat irgendwie mit keinem so richtig harmoniert», sagt sie. Dabei seien ihre Erwartungen nicht überrissen. Sie wünschtsich einen liebevollen Mann mit einem guten Ruf, der ähnlich denkt wie sie. Er soll einverstanden sein, dass sie auch nach der Heirat arbeitet. Und er soll den Sabbath einhalten, koscher leben und die Kinder auf eine jüdische Schule schicken wollen.

Mittlerweile sind die meisten ihrer Freundinnen «weggeheiratet», und Esther Wohl hat nicht mehr so grosse Lust auf diese «Datingdinger». Mit Vermittlungsagenturen hat sie schlechte Erfahrungen gemacht, und Onlinedating ist ihr nicht geheuer. Es gebe nicht so viele modern-orthodoxe Juden, die sich wie sie in der heutigen Welt bewegten und dennoch die Traditionen lebten. Die Hoffnung, den Richtigen doch noch zu finden, gibt sie nicht auf. «Ich hätte gerne ein paar Kinder.»

Immer hört sie dieselbe Frage: «Tama, wann ist es bei dir so weit?»

Auch Tama Vakeesan malt sich eine Zukunft mit Familie aus. Nach der «tamilischen Lebensuhr» sei sie mit der Partnerwahl aber nicht bloss spät dran. «Meine Zeit ist längst abgelaufen», sagt sie, lacht herzhaft. Sie ist an rund 10 000 tamilischen Hoch­zeiten im Sari Schlange gestanden, um als eine von 500 bis 700 Gästen ihr Geschenk dem Brautpaar zu überreichen, und hat dabei stets dieselbe Frage gehört: «Tama, wann ist es bei dir so weit?»

Tama Vakeesan
Tama Vakeesan (28) trägt am liebsten Jeans und Turnschuhe.

Sie hat schon unzählige Männer empfohlen bekommen. Leute aus der Community zeigen ihr Bilder von «begehrenswerten, jungen Tamilen», die in Sri Lanka, London oder der Schweiz leben. Und ihre Eltern haben auch schon «zufällige» Treffen mit potenziellen Ehemännern organisiert. Das nimmt Tama mit Humor. «Ich versuche, easy zu bleiben.» Den Druck der tamilischen Community spüre sie schon. Die Gleichaltrigen sind längst verheiratet. Und ihre Mutter muss sich ständig wegen ihr rechtfertigen.

Immer wieder gefällt Tama ein Mann, aber mit der Schwärmerei sei die Sache für sie schon erledigt. «In dem Thema bin ich nicht bewandert. Mein Fokus im Leben war immer anderswo.» Gelingt es ihren Freunden, sie in einen Club zu schleppen, trinkt und raucht sie nicht. In der tamilischen Kultur wäre das verpönt. «Ich muss mir keinen Mut antrinken, um zu tanzen», sagt sie. Und eigentlich sei sie ohnehin eher der «Kaffee- und Kuchen-Typ».

«Ich will nicht erklären müssen, warum ich nach der Arbeit noch an einen Apéro gehe»

Die Frage «Was will ich im Leben anstellen?» sei immer drängender gewesen für sie als die Partnersuche, erzählt sie. Tama Vakeesan hat die kaufmännische Lehre bei der UBS absolviert. Auch wenn sie dank des Jobs genug herumgekommen ist und viel gelernt hat, sei ihr stets klar gewesen: «Eigentlich ist das nicht meine Welt.» So kündigte sie ihre Stelle, um Seklehrerin zu werden. Sie hatte Spass mit ihren Schülern, fand das Vermitteln von Wissen befriedigend. Und doch poppte der alte Traum immer wieder auf. Sie wollte moderieren.

Nach der Moderation eines philippinischen Kulturanlasses und eines Hip-Hop-Contests in Bern hatte sie «Blut geleckt», wie sie sagt. Mit einem aufwendig produzierten Video bewarb sie sich für eine ausgeschriebene Stelle beim Jugendsender «Joiz». Sie ging gut vorbereitet ans Casting, machte dann aber das, was zu ihrem Markenzeichen geworden ist: mit Charme freestylen. Damit setzte sie sich gegen 300 Mitbewerber durch und moderierte drei Jahre die Sendung «Livingroom».

Sie ist zuversichtlich, dass sie bald wieder auf Achse sein wird. Und später, irgendwann, würde sie sich am liebsten in einen Tamilen verlieben, der wie sie in der Schweiz aufgewachsen ist. Das Leben mit einem Landsmann aus Sri Lanka wäre wohl ebenso eine Herausforderung wie das mit einem Schweizer. «Ich will nicht erklären müssen, warum ich mich blendend mit meinen männlichen Kollegen verstehe, warum ich manchmal nach der Arbeit noch an einen Apéro gehe. Und auch nicht, warum mir die tamilischen Feste so viel bedeuten und ich da hingehöre.»

Schliesst Tama Vakeesan ihre Augen und denkt an ihre Hochzeit, trägt sie einen Sari, und ihr Bräutigam legt ihr das Thaali um den Hals, einen goldenen Talisman, den sie nahe bei ihrem Herzen tragen wird.

Esther Wohl wiederum trägt ein weisses Kleid, schreitet unter dem Baldachin siebenmal um ihren ­Bräutigam, nimmt sieben Segenssprüche entgegen und geht dann Hand in Hand mit ihm in ihre ­gemeinsame Zukunft. 

Autor: Monica Müller

Fotograf: Daniel auf der Mauer