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09. Januar 2012

«Die Schweizer Satire ist sowieso viel zu zahm»

28 Jahre lang parodierten Walter Andreas Müller und Birgit Steinegger Prominente. Nun wird «Zweierleier», die älteste Satiresendung im Schweizer Radio, eingestellt. Das Ende seiner Show ist aber nicht das Ende des Walter Andreas Müller. Der Zürcher wird weiter sticheln, seine Agenda ist randvoll. Von Altbundesrat Samuel Schmid, über Bünzli Adam Chifler bis TV-Wahrsager Mike Shiva: Oben sehen Sie Bilder der schönsten Parodien von Walter Andreas Müller.

Birgit Steinegger und Walter Andreas Müller als Eveline Widmer Schlumpf und Samuel Schmid
Birgit Steinegger als Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und Walter Andreas Müller (WAM) als Bundesrat Samuel Schmid: Die Satiresendung «Classe politique» auf SF 1 wurde 2008 aus Spargründen abgesetzt. Sie flimmerte jährlich rund ein halbes Dutzend Mal über den Bildschirm. (Bild: SRF)

Walter Andreas Müller, Mitte Januar wird die Radiosatiresendung «Zweierleier» abgesetzt. Welche Gefühle löst das bei Ihnen aus?

Eine gewisse Wehmut kommt auf. Birgit Steinegger und ich haben diese Sendung unglaublich gerne gemacht. Wir haben uns jedes Mal auf den Produktionstag im Studio gefreut. Nun sind wir natürlich traurig über das Ende.

Wie lief so ein Produktionstag ab?

Wir trafen uns alle 14 Tage um 13.30 Uhr, arbeiteten um 14 Uhr das Manuskript durch und gingen danach zur Produktion ins Studio. Je nach Anzahl der Figuren, die wir spielten, dauerten die Aufnahmen bis zu drei Stunden. In den 28 Jahren wurde es zur Tradition, dass wir abwechselnd einen exklusiven Kuchen aus renommierten Confiserien in Bern und Zürich mitbrachten. Den genehmigten wir uns jeweils als Auftakt – gemeinsam mit dem Redaktor, dem Regisseur und dem Techniker.

Kristallisierte sich über die Jahre ein kulinarischer Favorit heraus?

Nein, wir mögen die Vielfalt. Allerdings konnte ich Birgit mit einer Schwedentorte mit diesem grünen Marzipanüberzug jeweils auf die Palme bringen. Sie hat schwedische Wurzeln, und es gab endlose Diskussionen darüber, wie eine perfekte Schwedentorte zu sein habe. Ausserdem hat sie Panik vor Alkohol im Kuchen. Einmal brachte ich Tiramisu von Sprüngli mit. Da hat es wenig Schnaps drin. Sie behauptete, wegen des Desserts sei sie angesäuselt gewesen und habe ihre Rolle kaum mehr sprechen können. Ich habe sie gerne damit geneckt und bei Kuchen, den ich besonders mochte, behauptet, es sei bestimmt Alkohol drin. So blieb mehr für mich übrig…

«Zweierleier» lief 672-mal über den Äther. An welche Sendung erinnern Sie sich besonders?

Es gab viele Höhepunkte. Einer war sicher das von Lorenz Keiser geschriebene Stück zum Thema Ausverkauf: Eine Kundin nervt einen Verkäufer so lange mit Fragen, bis er zusammenbricht. Lorenz Keiser hat die Nummer sogar in eines seiner Bühnenprogramme aufgenommen.

Sie haben immer wieder Politiker aufs Korn genommen. Gab es Klagen?

Die Ombudsstelle musste sich ab und zu mit einer Beschwerde beschäftigen. Die Klagen kamen allerdings meist wegen religiöser Themen. Als ich den damals kranken Papst Johannes Paul II. nachahmte (Müller spricht plötzlich mit zittriger Stimme und polnischem Akzent), löste das negative Reaktionen aus.

Verwandlungskünstler Walter Andreas Müller beim Parodieren.
Verwandlungskünstler Walter Andreas Müller beim Parodieren.

Liessen Sie die Beiträge rechtlich prüfen?

Nein, nein, das wäre ja Zensur! Ich habe auch die ehemaligen Bundesräte Blocher oder Leuenberger nicht gefragt, ob ich sie parodieren dürfe. Es ist das Recht der politischen Satire, das zu tun. Im Vergleich zum Ausland sind wir sowieso viel zu zahm. Die SVP beschwerte sich mal beim Fernsehen, wir würden Ueli Maurer zu negativ darstellen. Dabei ist es eine Ehre, parodiert zu werden. Bei farblosen Politikern geht das nämlich nicht. Das ist momentan mein Problem: Didier Burkhalter, Johann Schneider-Ammann oder Alain Berset haben keine markanten Eigenschaften, an denen das Publikum sie gleich erkennen würde. Mir fehlen Charakterköpfe wie Furgler, Cotti, Leuenberger oder Blocher. Für mein Repertoire wäre es besser, wenn man Bruno Zuppiger oder Hansjörg Walter in den Bundesrat gewählt hätte.

Während Sie hier mit uns reden, schlüpfen Sie in Sekundenbruchteilen in die Rolle der Person, von der sie gerade sprechen: verblüffend.

Dieses Talent teile ich mit Birgit! Wir sind beide Vollblutschauspieler und verleiben uns die Figuren quasi ein. Das ist der Unterschied zu reinen Stimmenimitatoren – und das war auch unsere Stärke bei «Zweierleier». Wir konnten alle Beteiligten in einem Sketch meist auf Anhieb spielen.

Üben Sie zu Hause vor dem Spiegel?

Nur kein Spiegel! Ich kann mir nicht zuschauen und sehe mich übrigens auch nicht gerne im Fernsehen. Ich studiere die Person, die ich parodieren will, sehr genau. Dazu schaue ich mir möglichst viel Filmmaterial an. Politsendungen wie «Arena» sind hervorragend geeignet.

Verstehen Sie sich mit Ihrer Bühnenpartnerin Birgit Steinegger auch privat?

Sie wurde im Lauf der Jahre meine beste Freundin, ein unwahrscheinlich wichtiger Mensch in meinem Leben, zu dem ich grenzenloses Vertrauen habe. Wir sind zusammengewachsen, verstehen uns nonverbal. Ich weiss genau, wie sie reagiert – und umgekehrt. Wir sind fast wie siamesische Zwillinge, ein Team im besten Sinn des Wortes.

Mir fehlen Charakterköpfe wie Furgler, Cotti oder Blocher

Umso bedauernswerter, dass Birgit Steinegger für dieses Interview abgesagt hat.

Birgit gibt nicht gerne Interviews! Sie meint, sie könne das nicht, hat eine richtige Phobie davor. Und weil sie einen harten Kopf hat, lässt sie sich schwer von etwas abbringen, wovon sie überzeugt ist. Das muss man halt einfach akzeptieren.

Welche Akteure aus der Politik hat sie besonders gerne karikiert?

Ich finde, Birgit ist hervorragend als Micheline Calmy-Rey, Doris Leuthard oder Eveline Widmer-Schlumpf. Sie hat da momentan mehr Auswahl als ich.

Was passiert, wenn Sie mit Ihren «Opfern» zusammentreffen?

Grundsätzlich haben wir zu unseren Figuren einen guten Kontakt und bekommen positive Reaktionen. Wir zielen ja möglichst nicht unter die Gürtellinie. Altbundesrat Leuenberger sagte mir einmal, seit ich ihn parodiere, sage er nicht mehr so oft «äh». Als ich Christoph Blocher am Sechseläuten traf, meinte er, er fände es «cheibe luschtig»; dieses Jahr sei er gleich «zu zweit» am Umzug. Ich glaube, er hat begriffen, dass ich indirekt Werbung für ihn mache.

Wie wichtig ist Politik für Sie privat?

Als Bürger gehe ich möglichst einen Mittelweg.

Welche Partei steht Ihnen am nächsten?

Ich bin ein Mitte-links-Mensch und picke mir die Rosinen aus den Parteiprogrammen. Das trifft auf alle Parteien zu. Parteimässig lege ich mich bewusst nicht fest.

Eine breite Öffentlichkeit kennt Sie aus der TV-Soap «Fascht e Familie». Sie treten aber auch in Theaterstücken auf. Welche Bühne gefällt Ihnen besser?

Live-Autritte! Auf der Bühne zu stehen und den Atem der Zuschauer zu spüren, ist für mich am schönsten. Hier habe ich sofort ein Echo auf meine Arbeit.

Sie sind im AHV-Alter, machen aber keine Anstalten, kürzerzutreten. Weshalb?

Es gelingt mir einfach nicht (lacht).

Aus Begeisterung für Ihre Arbeit?

Ja – und weil immer wieder Anfragen für neue Projekte kommen.

Walter Andreas Müller ist im Sternzeichen Jungfrau geboren.

Beispielsweise?

Mitte Januar haben wir vier Auftritte mit einem «Best of» zu «Zweierleier» im Theater Ticino in Wädenswil. Leider waren wir zu spät dran, um eine ganze Tournee organisieren zu können. Bis Anfang September spiele ich in «Der eingebildete Kranke» von Molière im Schloss Hagenwil bei Amriswil, dann folgt das Musical «Bibi Balu» im Bernhard-Theater Zürich. Dort spiele ich wie einst Ruedi Walter rund 15 Rollen. Dazwischen muss ich Texte für eine neue Globi-CD schreiben, und ich moderiere weiterhin montags das Wunschkonzert auf DRS 1.

2011 spielten Sie mit «Tyfelstei» und der schwarzen Komödie «Himmelfahrts–kommando» gleich in zwei Filmen. Sind Sie auf den Geschmack dieses Genres gekommen?

Das Drehen hat mir riesigen Spass gemacht. Und ich wünsche mir, dass weitere interessante Projekte in dieser Richtung folgen.

Als Schauspieler leben Sie immer mit einer Ungewissheit.

Das gehört zum Beruf. Ich litt lange unter Existenzangst und begann darum schon in jungen Jahren als Sprecher beim Radio. Wenn das Theater nicht gut lief, arbeitete ich mehr fürs Radio und umgekehrt. Das funktionierte super.

Ist diese alte Existenzangst mit ein Grund für Ihren vollen Terminkalender?

Ein bisschen vielleicht noch immer. Und einmal mehr der Spass an der Arbeit: Nach 28 Jahren «Zweierleier», 40 Jahren Bühne und 35 Jahren Radio habe ich noch immer Lampenfieber, Emotionen und Freude wie am ersten Tag.

Ihre Existenzängste waren unbegründet. Heute fahren Sie einen Rolls-Royce.

Das war immer mein Traum. Ich habe einen alten 1978er Silver Shadow II. Er sieht blendend aus und hat weniger gekostet als mein Mittelklassewagen.

Wie reagieren die Leute, wenn Sie damit herumkurven?

Darum fahre ich nur nach Mitternacht! Nein, im Ernst, ich erlebe beides: neidische Blicke, aber auch Passanten, die den Daumen hochhalten, wenn ich vorbeigleite.

Sie wohnen in einem Erdhaus. Wie passt ein Bau ohne Ecken und Kanten zu Ihnen?

Ich bin im Sternzeichen Jungfrau geboren und versuche wohl deshalb, stets einen Konsens zu finden. Harmonie ist mir auch bei Produktionen wichtig. Das zeigt sich letztlich in meinem Haus, in dessen runden Wänden ich mich geborgen fühle.

Zu diesem Wunsch nach Harmonie passt, dass Sie seit 24 Jahren mit dem gleichen Partner liiert sind. Warum haben Sie früher nie über Ihren Freund gesprochen?

Ich hielt mich vor allem zum Schutz meines Partners zurück. Es hätte für ihn berufliche Nachteile gehabt. In meinem Beruf ist Homosexualität zwar kein Thema mehr, trotzdem wollte ich es nicht an die grosse Glocke hängen. Ich bin nicht der Typ, der seine Hochzeit in den Medien zelebriert. Ich rede lieber über meinen Beruf als über mein Privatleben.

Die 672. und letzte Folge «Zweierleier» gibts am Samstag, 14. Januar 2012, um 13 Uhr auf DRS 1. Am 18. Januar, ab 20.05 Uhr, strahlt DRS 1 eine Live-Sendung mit «Zweierleier»-Höhepunkten aus.

Autor: Reto Wild, Ruth Brüderlin

Fotograf: Nik Hunger