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26. November 2012

«Die Schweizer dürfen stolz sein auf ihr Land»

Jean-Claude Biver kam als Zehnjähriger aus Luxemburg in die Schweiz. Als Jugendlicher arbeitete er in den Sommerferien bei den Bauern in der Umgebung, heute ist er Verwaltungsratspräsident der Luxusuhrenmarke Hublot.

Jean-Claude Biver
Seit Jean-Claude Biver 2004 bei Hublot eingestiegen ist, hat sich 
die Zahl der 
Angestellten verzehnfacht, und aus einem Verlustgeschäft ist eine Erfolgsgeschichte geworden.

Wie erfolgreich sind die Einwanderer im Arbeitsmarkt? Die Infografik zum Thema.

Wer als Kind irgendwo verwurzelt war, findet auch als Erwachsener immer sein inneres Gleichgewicht.» Davon ist Jean-Claude Biver (63) überzeugt. Er erinnert sich an den Bauernhof seiner Grosseltern im Burgund, die Gerüche, die Tiere. «So etwas prägt. Die ersten Kindheitsjahre sind entscheidend.»

Der Verwaltungsratspräsident von Hublot residiert mit seiner Familie in einem schlossartigen Gebäude über Montreux VD mit prächtigem Blick auf den Genfersee und umgeben von einer Parkanlage. «Ich bin privilegiert, und es ist mir sehr wohl bewusst, wie ungerecht das ist. Die Ungerechtigkeit des Lebens fängt damit an, wo man geboren wird und mit wem.» Dazu sei er mit guter Gesundheit, Optimismus und einem starken Willen gesegnet, habe also auch noch mit den Genen Glück gehabt. «Es gibt kaum Erfolge ohne Glück.»

Als Scheidungskind mit zehn in ein Internat bei Lausanne

Biver sagt, er hätte keine besseren Eltern und keine bessere Jugend haben können. Und dies, obwohl sich seine Eltern scheiden liessen, als er zehn Jahre alt war. Deshalb landete er auch mit seinem jüngeren Bruder 1959 in einem Internat in Morges bei Lausanne. Vier Jahre später kam die Mutter nach und zog mit den beiden Söhnen in ein kleines Dorf in der Nähe, wo sie auch die Schule besuchten. Ab dann habe er sich in der Schweiz zu Hause gefühlt, obwohl ihm der Umzug ursprünglich nicht leicht gefallen sei.

Im Nachhinein ist er seinen Eltern dafür dankbar. «Ich wäre heute sonst nicht der, der ich bin.» Als Ausländer hat er sich nie gefühlt, und weil er die Sprache konnte, wurde er auch nicht als Fremder wahrgenommen. Wichtig war sicher sein Wille, sich zu integrieren: Er spielte bei der Fussballmannschaft im Dorf mit, ging in den Skiclub und arbeitete während der Sommerferien bei den lokalen Bauern. «Man will als Kind so sein wie die anderen, will dazugehören.»

VR-Präsident Biver in seinem Büro – natürlich mit einer Hublot-Uhr am Handgelenk.
VR-Präsident Biver in seinem Büro – natürlich mit einer Hublot-Uhr am Handgelenk.

Hilfreich bei seiner Integration war auch, dass Biver ein sehr geselliger und kommunikativer Mensch ist. «Wenn man so jung in die Schweiz kommt und die Schulen hier durchläuft, baut man ein grosses Beziehungsnetz auf. Man lernt die Kultur, wenn man mit den Menschen zusammen ist, und integriert sich automatisch.» Entsprechend verblüfft waren die Reaktionen, als er sich 2011 einbürgern liess. «Was, du bist kein Schweizer?, hiess es überall.»

Als Biver 1982 mit einem Partner die stillgelegte Uhrenmarke Blancpain übernahm und erfolgreich wiederbelebte, galt er plötzlich als Retter einer Schweizer Tradition. Später verkaufte er die Marke an Nicolas Hayek, einen anderen Ausländer, der sich um die Schweizer Uhrenindustrie verdient gemacht hat.»

Biver fühlt sich der Schweiz stärker verbunden als Luxemburg

2004 stieg Biver als Chef bei Hublot ein. Damals hatte das Unternehmen 36 Mitarbeiter und machte 26 Millionen Umsatz sowie 2,6 Millionen Verlust, kaum einer kannte den Namen. Vier Jahre später waren es über 200 Millionen Umsatz und fast 50 Millionen Gewinn. Laut Biver ist der Umsatz seither weiter gestiegen; die Mitarbeiterzahl beträgt rund 350 Personen, knapp die Hälfte sind Ausländer, darunter viele französische Grenzgänger. «Ohne diese Arbeitskräfte hätte sich die Uhrenindustrie hier gar nie so erfolgreich entwickeln können.» Letzten Mai wurde Hublot vom internationalen Markenberater Interbrand zur Nummer 40 der wertvollsten Schweizer Markennamen erkoren.

Biver empfindet die Schweiz und Luxemburg als seine Heimat, fühlt sich der Eidgenossenschaft jedoch stärker verbunden. Neben allen Geschäftserfolgen hat er hier auch fünf Kinder aus zwei Ehen. Der Jüngste ist zwölf, der Älteste 32 und alle sind sie Schweizer. In Luxemburg ist er vier-, fünfmal pro Jahr, meist privat, ab und zu auch geschäftlich. Pläne, aufs Alter wieder dorthin zurückzukehren, hat er keine. «Ich hoffe, dass ich hier sterbe, hier auf der Terrasse meines Hauses mit Blick über den Genfersee.»

Schweizer schämen sich oft ein bisschen, Schweizer zu sein. Zu Unrecht.

Biver ist ein grosser Fan der Schweiz. «Schweizer sind treu, fleissig, respektvoll, ordentlich, ehrlich, sie machen nicht viele Worte, im Gegensatz zu den Franzosen. Und sie sind bereit, kulturelle Differenzen und andere Mentalitäten zu akzeptieren. Deshalb leben auch so viele Ausländer im Land.» Natürlich gibt es auch die andere Seite: Er empfindet die Schweizer manchmal als etwas stur, als zu kurz denkend. «Und sie schämen sich oft ein bisschen, Schweizer zu sein, sie sind nicht speziell stolz auf ihr Land. Zu Unrecht.»

Insbesondere die Entwicklung der Exportindustrie findet Biver brillant. «Damit hat es die Schweiz geschafft, ihre Produkte auf der ganzen Welt bekannt und begehrt zu machen, das ist die Grundlage des Wohlstands — die Eroberung der Welt nicht durch Krieg, sondern durch Wissen und Innovation.» Basis dafür seien das gute Bildungssystem und die Gesundheitsversorgung. «2010 und 2011 entstanden in keinem Land mehr neue Patente als hier. Die Schweizer dürfen wirklich stolz sein auf ihr Land.» Dennoch wäre die Schweiz heute nicht das, was sie ist, ohne all die vielen Ausländer, die am Wohlstand mitgebaut haben, davon ist Biver überzeugt. «Und das vergisst man gerne.»

Fotograf: Annette Boutellier