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18. Juni 2012

Die Schweiz und ihre Umweltbilanz

Vor 20 Jahren erklärten die Teilnehmerstaaten am Erdgipfel in Rio de Janeiro ihre Ziele für die nächsten Jahrzehnte. Wo steht die Schweiz 20 Jahre später, vor dem nächsten Gipfel? Einige Zahlen und Fakten.

Das Ziel des Kyoto-Protokolls wird nicht erreicht.
Das Ziel des Kyoto-Protokolls wird nicht erreicht.
Jede(r) Schweizer(in) braucht 2,5 mal zu viel Raum.
Jede(r) Schweizer(in) braucht 2,5 mal zu viel Raum.
Wie viel Kilowattstunden verbraucht eine Person: Die Menge ging leicht zurück.
Wie viel Kilowattstunden verbraucht eine Person: Die Menge ging leicht zurück. (Quelle: BfS)
Der Anteil erneuerbarer Energie nimmt zu, aber noch (zu) langsam.
Der Anteil erneuerbarer Energie nimmt zu, aber noch (zu) langsam. (Quelle: BfS)
Rückläufig: CO2-Ausstoss beim motorisierten Privatverkehr.
Rückläufig: CO2-Ausstoss beim motorisierten Privatverkehr. (Quelle BfS)
Die Abfallmenge steigt mindestens bei anziehender Konjunktur weiter an.
Die Abfallmenge steigt mindestens bei anziehender Konjunktur weiter an. (Quelle BfS)
Die Ozonbelastung entwickelt sich leicht rückläufig, doch der Gradmesser ist primär Wetter und Hitze.
Die Ozonbelastung entwickelt sich leicht rückläufig, doch der Gradmesser ist primär Wetter und Hitze. (Quelle BfS)
Die Feinstaubmenge ging zuletzt mindestens teilweise auch ohne vorteilhaftes Wetter zurück.
Die Feinstaubmenge ging zuletzt mindestens teilweise auch ohne vorteilhaftes Wetter zurück. (Quelle: BfS)
Der Brutvogelbestand hat sich in 18 Jahren wieder etwas erholt.
Der Brutvogelbestand hat sich in 18 Jahren wieder etwas erholt. (Quelle Vogelwarte Sempach)

Gemessen an den in der Agenda 21 festgelegten Zielen ist die Umweltbilanz der Schweiz durchzogen. Fortschritte gibt es gemäss dem Bericht über nachhaltige Entwicklung 2012 bei der Biodiversität und beim Abfallrecyling; die Mobilität und der motorisierte Individualverkehr hingegen haben stetig zugenommen, genauso wie der Energieverbrauch. Und auch die im Kyoto-Protokoll von 1997 festgelegten Treibhausgasziele sind nicht erreicht, auch wenn Industrie und Haushalte ihren CO2-Ausstoss leicht reduzieren konnten.
(Anmerkung: Mit einem Klick auf die Grafik vergrössern Sie die Ansicht)KLIMA
Aus den allgemeinen Zielen des Erdgipfels in Rio von 1992 ergaben sich fünf Jahre später die Beschlüsse des Kyoto-Protokolls.
Mehrheitlich erfüllt die Schweiz dabei selbst gesetzte Ziele nicht, wie - neben dem CO2-Ausstoss, der von 1992 bis 2009 erst um gut 5% gesenkt werden konnte - auch das folgende Beispiel der Treibhausgase illustriert:

Treibhausgasemissionen: Zwar gibt es bei der Reduktion des Ausstosses von Treibhausgasen leichte Fortschritte, dennoch verfehlt die Schweiz das Ziel, zu dem sie sich 1997 im Kyoto-Protokoll verpflichtet hatte. (Quelle: Bundesamt für Umwelt)
RESSOURCEN
Würde die ganze Welt auf demselben 'grossen Fuss' leben wie die Schweizer, würden Ressourcen von zweieinhalb Erdbällen statt von einem verbraucht.
Ökologischer Fussabdruckder Schweiz im Vergleich zur Biokapazität der Welt: Die Schweiz lebt klar auf zu grossem Fuss. Eigentlich dürfte jeder Schweizer, jede Schweizerin mit ihrer Lebensweise nur knapp 2 globale Hektaren beanspruchen. Tatsächlich werden pro Person etwa 5 Hektaren benötigt – Tendenz steigend. (Quelle: Global Footprint Network)
ENERGIE
Trotz bereits etwas effizienterer Energiesysteme und steigendem Anteil erneuerbarer Energie nahm die insgesamt benötigte Energie zuletzt weiter zu. Grund ist einerseits das Bevölkerungswachstum, andererseits auch die neuen Geräte und energieintensive neue Anwendungen im Haushalt oder unterwegs (etwa Kommunikations- und Unterhaltungselektronik).
Energiebedarf pro Person: In den untersuchten 20 Jahren sank der Energieverbrauch pro Kopf um rund 4% auf noch 32'000 kWh im Jahr 2010. Leider frisst jedoch bei einer Analyse des schweizerischen Gesamtenergieverbrauchs der Bevölkerungszuwachs die Einsparung pro Person wieder auf. Gesamthaft wird also trotz effizienter werdenden Geräten und Herstellungsprozessen nicht weniger Energie verbraucht. (Quelle: BfS)
Anteil erneuerbarer Energien: Die Kurve sieht nicht spektakulär aus, dennoch schaffte man die von der Energiestiftung Schweiz vorgegebenen Ziele für die Zeitspanne von 2000 bis 2010 locker: Statt nur um 1% stieg der Anteil erneuerbarer Energie bei der Stromproduktion um 10%, bei den Heizsystemen statt um 3% gleich um 48%. Gemessen an den heutigen Anforderungen im Zusammenhang mit dem beschlossenen Atomausstieg reicht das Tempo jedoch noch nicht. (Quelle: BfS)
MOBILITÄT
Insgesamt nahm der Anteil des öffentlichen Verkehrs beim Personentransport seit dem letzten Rio-Gipfel klar zu, er durchbrach 2010 erstmals die Schwelle von 20% auf Schiene und Strasse. Doch noch immer verursachen Personenwagen im Gesamtverkehr 70% des CO2-Ausstosses, die Bahn gerade einmal 0,2%! Im Güterverkeht verharrt der Anteil der Schiene bei 40%, insgesamt stieg die Menge transportierter Güter in den letzten 20 Jahren um 40%, währenddem die Wirtschaftsleistung im selben Zeitraum 'nur' um 30% zunahm.
CO2-Ausstoss im Individualverkehr: Das Jahrestotal an beim motorisierten individuellen Personenverkehr freigesetztem CO2 sank in den 17 untersuchten Jahren seit dem letzten Rio-Gipfel von 140 auf rund 130 Gramm pro Personenkilometer. Das Problem: Die Menge der zurückgelegten Kilometer nahm aufgrund wachsender Mobilität und Bevölkerungszahl insgesamt dennoch zu. (Quelle: BfS)
ABFALL
Insgesamt stieg die Recyclingquote in den letzten 20 Jahren von kanpp 30% auf etwas über 50%. Sie meint jedoch entgegen einem verbreiteten Missverständnis nicht den Anteil wirklich wieder neu verarbeiteter Stoffe aus dem Abfall, sondern schlicht den Anteil an nach Material und Herkunft separat gesammeltem Material. Ebenfalls positiv, dass die Materialintensität von 1990 bis 2010 um 4% sank. Gemeint ist damit das Verhältnis von bei der Produktion entstehendem Abfall zum generierten Brutto-Inland-Produkt (BIP).
Menge der Siedlungsabfälle:Die negative Nachricht betrifft schlicht das Gesamtgewicht der Siedlungsabfälle. Dieses nahm innert 20 Jahren um satte 34% (!) auf nunmehr 5,6 Millionen Tonnen zu. (Quelle BfS)
LUFTQUALITÄT
Bei den gemessenen Werten ergibt sich beinahe ein einheitliches Bild. Der Ausstoss vieler Schadstoffe konnte etwas gebremst werden respektive ging leicht zurück, doch die Abhängigkeit von der Wettersituation und natürlich dem Ausland bleibt hoch.
Ozonbelastung in der Luft: Die Ozonbelastung hängt auch nach der Jahrtausendwende stark von äusseren Faktoren ab, die nichts mit besseren Filtersystemen im Strassenverkehr oder der produzierenden Industrie zu tun haben. Bestes Beispiel ist auf der Grafik der Ausschlag im Hitzejahr 2003. Besagter Sommer wies im Schnitt das Doppelte der Grenzüberschreitungen auf. (Quelle: BfS)
Feinstaubmenge in der Luft: Im Jahresmittelwert konnte die Feinstaubbelastung gerade im städtischen Gebiet zwischen 1996 und 2010 markant gesenkt werden. Hier sank sie um praktisch 40% auf nunmehr 24 Migrogramm pro Kubikmeter. Auch in ländlichen Gebieten oder den Voralpen betrug der Rückgang 20 bis 30%.
ÖKOSYSTEM
Die Entwicklung der Artenvielfalt in der Schweiz ist schwer generell zu beurteilen. Nehmen in einigen Ökosystemen die Arten eher ab, gibt es zum Beispiel bei den Brutvögeln gesamtschweizerisch einen positiven Trend zu notieren:
Bestand an Brutvögeln: Für das Jahr des Erdgipfels in Rio zählte die Vogelwarte Sempach in der Schweiz noch 171 Bruvögel-Arten. Bis zum Jahr 2010 vermochte sich der Bestand immerhin um 16 Exemplare wieder zu erholen. (Quelle: Vogelwarte Sempach)

DIE STUDIE DES BUNDES
Alle Erhebungen und Daten des Bundesamts für Statistik (BfS) zur nachhaltigen Entwicklung 2012 in einem PDF-Dokument. Darin finden sich neben den oben erwähnten Themen noch weitere Gebiete:
Gesundheit; Lebensbedingungen; sozialer Zusammenhalt; internationale Zusammenarbeit; Bildung und Kultur; Forschung und Technologie; Arbeit und Wirtschaftssystem.

Autor: Reto Meisser