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17. August 2015

«Die Schweiz macht ihrem Ruf als Hort der Stabilität alle Ehre»

Die Angst des Mittelstands vor dem Abstieg ist deutlich grösser als das reale Risiko, sagt der deutsche Soziologe Holger Lengfeld – jedenfalls in West- und Nordeuropa. Und die Schweiz ist wieder mal ein Sonderfall.

Holger Lengfeld
Der deutsche Soziologe Holger Lengfeld beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Zustand der Mittelschicht.

Holger Lengfeld, schrumpft der Mittelstand denn nun oder nicht? Einige Studien behaupten das eine, andere das andere. Was stimmt?

Das variiert von Land zu Land, selbst in der westlichen Welt. Grundsätzlich ist die Mittelschicht etwa in den USA deutlich kleiner als in Deutschland oder in der Schweiz. Wo sie kleiner ist, sind die Ränder grösser, es herrscht also mehr Ungleichheit in der Gesellschaft. Für Deutschland haben Studien gezeigt, dass die Mittelschicht in der ersten Hälfte der 00er-Jahre tatsächlich etwas geschrumpft ist.

Und nach 2005?

Seit etwa acht Jahren ist die Lage stabil, hat sich sogar eher wieder verbessert.

Wie definieren Sie eigentlich die Mittelschicht?

Mit einer Definition der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung): Zur Mittelschicht gehören all jene, deren verfügbares Einkommen zwischen 70 und 150 Prozent des Durchschnittseinkommens pro Kopf liegt. Daran gemessen ist der Mittelstand in Deutschland zwischen 2000 und 2005 von 62 auf 55 Prozent geschrumpft. Das ist der grösste Einbruch, seit uns Einkommensdaten zur Verfügung stehen, also seit Mitte der 70er-Jahre. Über die Zeit davor können wir keine Aussagen machen.

Nicht nur ist der Mittelstand in der Schweiz – anders als in Deutschland – nie geschrumpft, es gibt auch keinerlei Anzeichen, dass sich daran etwas ändert.

Und in der Schweiz?

Sie ist im internationalen Vergleich ein sehr interessanter Fall. Nicht nur ist der Mittelstand – anders als in Deutschland – nie geschrumpft, es gibt auch keinerlei Anzeichen, dass sich daran etwas ändert. Er war all die Jahre stabil und ist sogar etwas grösser als in den anderen Ländern Europas; rund 57 Prozent gehören dazu. Die Schweiz macht also ihrem Ruf als Hort der Stabilität alle Ehre.

Aber auch hier gibt es die Angst vor dem Abstieg.

Es gibt sie, aber sie liegt seit Anfang der 00er-Jahre konstant auf einem extrem niedrigen Niveau. Je nach Jahr machen sich nur 6 bis 12 Prozent Sorgen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. In Deutschland hingegen sind die Abstiegsängste seit Mitte der 90er-Jahre in allen Schichten stetig gewachsen, und besonders stark in der Mitte. Dieser Kontrast ist bemerkenswert, ebenso, dass es trotz der komfortablen Lage in der Schweiz eine Mediendebatte zum Thema gibt.

Gibt es dafür eine Erklärung?

Die Schweiz beobachtet sehr genau, was in ihrer Nachbarschaft passiert. Und ich vermute, dass die steigenden Sorgen dort quasi übergeschwappt sind: Wenns den Franzosen schlecht geht, wirkt sich das auch auf uns aus. Aber tatsächlich gibt es dafür keinerlei Anhaltspunkte.

Die Medien präsentieren die Wirklichkeit häufig vom Einzelfall her. Man interviewt zwei, drei Unzufriedene und schliesst von denen auf das Ganze. Aber das ist ein Fehlschluss.

Dennoch spürt der Schweizer Mittelstand speziell ab 50 die Folgen der starken Zuwanderung der letzten Jahre. Es ist schwieriger geworden, einen Job zu finden – ein Mitgrund für das Ja gegen die Zuwanderung letztes Jahr.

Das betrifft aber nicht den Mittelstand, sondern ist eine Reaktion einiger Menschen, die dem Mittelstand angehören. Natürlich gibt es unter den vielen Millionen Menschen der Mitte einige Unzufriedene, die sich lautstark und sichtbar artiku­lieren – sei es nun an der Urne oder bei Demonstrationen. Bei uns hat letzten Winter die Pegida mit ihren Märschen für Aufmerksamkeit gesorgt. Da hiess es auch, das sei nicht mehr der rechte Rand der Gesellschaft, sondern da laufe die Mitte mit. Aber auch hier zeigen unsere Daten: Die grosse Mehrheit der Mitte ist da nicht dabei. Die Medien präsentieren die Wirklichkeit häufig vom Einzelfall her. Man interviewt zwei, drei Unzufriedene und schliesst von denen auf das Ganze. Aber das ist ein Fehlschluss. Einer, der sehr häufig passiert. Das, was man selbst sieht und erlebt, das, was Medien berichten, repräsentiert nicht zwingend die gesamte Bevölkerung.

Wie sieht es in anderen Ländern Westeuropas aus?

Die Datenlage lässt nicht überall Aussagen zu. Aber in einigen Ländern Nord- und Westeuropas sehen wir in den letzten Jahren sogar reale Einkommenszuwächse in der Mitte, dank einer anziehenden Konjunktur. In den europäischen Krisenstaaten sieht es natürlich anders aus.

Die Globalisierung setzt den Mittelstand unter Druck, sagt Holger Lengfeld.
Die Globalisierung setzt den Mittelstand unter Druck, sagt Holger Lengfeld.

Dennoch ist der Druck auf den Mittelstand gewachsen.

Seit den 90er-Jahren gibt es einen generellen internationalen Trend, der im Zuge der Globalisierung eingesetzt hat: Die Arbeitsmärkte sind flexibler und durchlässiger geworden, Entlassungen sind leichter möglich, es gibt Zeitarbeit und Minijobs, die Rentenbeiträge sind gestiegen, gleichzeitig müssen wir mit niedrigeren Rentenzahlungen rechnen. Diese Entwicklungen haben auf die Mittelschichten vieler Länder einen ökonomischen Druck ausgeübt, den sie bisher nicht gewohnt waren. Trotzdem wäre es völlig übertrieben, nun von einer dramatischen Unsicherheit für die Erwerbstätigen der westlichen Welt zu sprechen. Zumindest in Deutschland nimmt die Angst vor dem Abstieg seit 2008 sogar wieder ab, besonders stark in der mittleren Mitte.

Alles nur halb so schlimm also?

Ja, der Druck ist etwas gewichen. Aber das ist keine Aussage für die Ewigkeit, wir wissen nicht, was in fünf Jahren ist. Und anders als Ökonomen machen wir Sozialwissenschaftler auch keine Zukunftsprognosen. Dazu ist das Handeln von Menschen zu wenig berechenbar.

Weshalb fing die Mitte an, sich vor dem Abstieg zu fürchten?

Bei uns hat die Sorge, dass man das aktuelle Niveau in näherer Zukunft nicht mehr halten kann, seit Mitte der 90er-Jahren zugenommen. Auch wenn der reale Abstieg gemessen am Einkommen primär am unteren Rand des Mittelstands statt findet. Das betrifft oft nur durchschnittlich qualifizierte Arbeiter mit einem Einkommen, das gerade so reicht, um eine Familie zu ernähren und sich einen regelmässigen Urlaub zu leisten. Wenn dieses Einkommen für eine längere Zeit wegfällt, reicht es plötzlich an allen Ecken und Enden nicht mehr. Die mittlere Mittelschicht ist kaum je betroffen, aber gerade bei ihr ist die Angst vor dem Abstieg stark gestiegen. Das sind Angestellte im Dienstleistungsbereich mit mehrjähriger Qualifikation aber ohne Führungsverantwortung, oft mit vielen Routinetätigkeiten wie Krankenpfleger oder Bankangestellte. Interessanterweise machen sie sich mehr Sorgen als jene mit geringen Qualifikationen, die viel eher betroffen sind.

Wir hatten in fast allen europäischen Ländern seit Mitte der 50er- Jahre eine historisch einmalige Stabilität - und diese Gewissheit wird nun durch die aktuellen Trends und Ereignisse erschüttert.

Weil Letztere daran gewöhnt sind, sich Sorgen machen zu müssen?

Genau. Sie haben vielleicht schon ein paar Mal ihren Job verloren und mussten sich etwas Neues suchen. Der mittlere Mittelstand hingegen beobachtet die generellen Trends und macht sich Sorgen, dass all das auf sie überschwappt. Psychologisch ist das umso belastender, weil weder sie noch ihre Eltern so was jemals erlebt haben. Wir hatten in fast allen europäischen Ländern seit Mitte der 50er- Jahre eine historisch ­einmalige Stabilität – wenn man sich ­bemühte, ging es immer ein bisschen aufwärts. Damit ist die Generation zwischen 30 und 50 aufgewachsen, und diese Gewissheit wird nun durch die aktuellen Trends und Ereignisse erschüttert. Die Menschen in der mittleren und oberen Mitte fürchten sich vor einer Situation, die sie überfordert, während der untere Mittelstand aus Erfahrung weiss, dass es auch nach einem Jobverlust irgendwie weitergeht.

Ein derzeit beliebtes Medienthema: Die zunehmende ­Automatisierung dürfte künftig weitere gute Jobs kosten – eine tatsächliche Bedrohung für die Mittelschicht?

Nein. Diese Debatten gibt es seit Anfang der 80er-Jahre, aber es passiert immer das Gleiche: Neue Technologien verändern die Anforderungen in der Arbeitswelt, gewisse einfache Tätigkeiten fallen weg, es kommen neue Berufe hinzu, die es vorher nicht gab. Für die Erwerbstätigen heisst das, sie müssen sich neue Qualifikationen erarbeiten, und das tun sie auch. Gewisse Industrien und Berufe wandern ab in günstigere Länder, das ist so. Aber wenn man bereit ist, sich weiterzubilden und Neues zu lernen, muss man sich in der gut qualifizierten Mitte keine Sorgen machen. Hingegen wächst das Risiko der Niedrigqualifizierten, arbeitslos zu werden. Sie geraten noch stärker unter Druck.

Und wie gehen wir damit um?

Es wird tatsächlich mehr Menschen geben, die in unseren Gesellschaften keine angemessene Tätigkeit mehr finden. Die müssen wir als Gemeinschaft unterstützen, entweder mit dem Wohlfahrtsstaat, durch die Familie oder mit zivilgesellschaftlichem Engagement. Aber wir sind ganz klar verpflichtet, diese Leute mitzutragen.

Steigende Ungleichheit begünstigt rechts- und linkspopulistische Parteien, sagt Lengfeld.
Steigende Ungleichheit begünstigt rechts- und linkspopulistische Parteien, sagt Lengfeld.

Was wären denn die Folgen, wenn die Mittelschicht tatsächlich deutlich schrumpfen würde? Wie wirkt sich das auf eine Gesellschaft aus?

Eine Gesellschaft mit moderater Ungleichheit, also einer grossen Mitte mit wenigen Reichen und wenigen Armen sowie einer gewissen Durchlässigkeit nach oben, ist insgesamt relativ stabil. Man weiss, wenn man sich anstrengt, lohnt sich das auch. Wenn die Mitte schrumpft, wächst die Ungleichheit, ebenso wie die Zahl der Unzufriedenen, die sich an den Rand gedrängt fühlen. Einige ziehen sich zurück, werden apathisch, wählen nicht mehr, die anderen suchen sich ein Ventil – rechts- und linkspopulistische Parteien erhalten mehr Zuspruch, auch von enttäuschten Mittelstandswählern. Das sind aber meist langsame Prozesse, die sich in Europa derzeit ja auch beobachten lassen, teils schon seit längerer Zeit, teils erst seit kurzem und überraschend schnell wie in Griechenland.

Die Stimmung in der westlichen Welt ist generell nicht gut. Es herrscht grosse Verunsicherung und Zukunftsangst, obwohl es den Menschen in Europa vermutlich so gut geht wie kaum je zuvor.

Seit Mitte der 00er-Jahre gibt es global eine Häufung von Krisenherden, über welche die Medien ausführlich berichten. Auch wer die Krise nicht selbst erfährt, wird dauernd damit konfrontiert. Einige wirken sich auch in Westeuropa aus oder sind nahe herangerückt, die Eurokrise, der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, der Migrationsdruck aus Afrika, Kriegsflüchtlinge aus Syrien. Die EU wirkt ratlos und zerstritten. Hinzu kommt die bange Frage, ob eine so lange Periode von Frieden und Wohlstand, wie sie weite Teile Europas in den letzten Jahrzehnten geniessen durften, einfach immer so weitergehen kann. Historisch betrachtet wäre es ein Novum, dass eine ganze Menschheitsgeneration völlig von Krieg verschont bleibt. Alle diese Dinge führen zu dieser Verunsicherung und Zukunftsangst, ich finde das durchaus nachvollziehbar.

Der aktuell zu beobachtende Zulauf für die Rechtspopulisten Europas ist eine direkte Folge dieser Ängste, oder?

Es ist sicher ein Mitgrund. Aber es gibt in jedem Land Menschen, welche die zentralen Werte der westlichen Demokratien nicht teilen. Auch in Deutschland finden Sie 15 bis 20 Prozent, die zum Beispiel antisemitisch denken. Das ist kein neues Phänomen, und solange es nicht mehr werden, muss man sich eigentlich keine grösseren Sorgen machen. Aber nun gibt es da tatsächlich Bewegung. Die vielen Flüchtlinge an Europas Grenzen führen zu Abwehrreaktionen. Einige Leute fühlen sich bedroht in ihrer wirtschaftlichen Situation, vor allem aber in ihrer Kultur. Dies gilt zwar nicht für die Mehrheitsgesellschaft, aber es sickert in sie ein. Plötzlich werden auch aufgeklärte Liberale zu Protestlern, weil in ihrer Nachbarschaft ein Flüchtlingsheim entstehen soll. Das sind politische Konflikte, die man aushalten muss. Aber die Politik muss auch dafür sorgen, dass gewisse Befürchtungen nicht eintreten. Und die hoch entwickelten Demokratien Europas haben im Lichte ihrer Vergangenheit eine Verpflichtung gegenüber Flüchtlingen. Sie müssen mehr tun, als sich nur zu überlegen, wo und wie man Zäune baut.

Der real beste Schutz gegen den Absturz sind ­Bildung und Weiterbildung – genügend Geld da reinzustecken, wäre also ein gutes Mittel gegen die Angst.

Wie können wir als Gesellschaft bei all diesen Ängsten Gegensteuer geben?

Die Politik hat da nur beschränkt Einfluss. Man kann den Menschen die Ängste nicht ausreden, sie müssen selbst entsprechende Erfahrungen machen. Der real beste Schutz gegen den Absturz sind ­Bildung und Weiterbildung – genügend Geld da rein­zustecken, wäre also ein gutes Mittel gegen die Angst. Auch mit sozialen ­Sicherungsnetzen kann man den Menschen Ängste nehmen – notfalls können sie sich darauf verlassen und gewinnen Zeit, sich wieder aufzurappeln. Zudem dürfte die psychologische Lage der nächsten Generation schon anders aussehen: Die Kinder der heute 30- bis 50-Jährigen wachsen in Zeiten grösserer Unsicherheit auf, sie werden damit auch besser umgehen können als ihre Eltern. Ich gehe davon aus, dass sich bei gleich bleibender wirtschaftlicher und politischer Lage das Sorgenniveau längerfristig auf einem niedrigen Niveau stabilisieren wird.

Wieso haben Sie sich eigentlich gerade auf dieses Thema spezialisiert? Und warum in Leipzig?

Ich beschäftige mich jetzt seit zehn Jahren damit, und angefangen hat es wie so oft: Ich habe Zeitung gelesen und dachte, das kann ja gar nicht sein. Es gab damals diverse Artikel über die Abstiegsangst, die angeblich in die Mitte eindringt. Und ich wollte wissen, ob das wirklich stimmt. Dass das hier in Leipzig passiert, ist Zufall, ich habe halt von Hamburg hierher gewechselt.

Was tun Sie sonst so, zum Spass und zur Entspannung?

Ich spiele Gitarre und mache Langstreckenlauf, bin allerdings bei Letzterem nicht sonderlich talentiert, wie meine Laufzeiten eindrücklich belegen. Aber ich mache es gern, derzeit bereite ich mich auf den Berlin-Marathon Ende September vor. Der Andrang darauf ist aber so gross, dass man sich ein Jahr vorher online bewerben muss, dann entscheidet das Los. Oder man trickst: Ich als Berliner habe online eine Reise nach Berlin gebucht, bei der ein Ticket inklusive war. Und nun trainiere ich also fleissig.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Kai Jünemann