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11. März 2013

«Die Schweiz ist ein Sektenhort»

Georg Otto Schmid ist Mitarbeiter der Evangelischen Informationsstelle (Relinfo) in Rüti ZH. Er ist verheiratet und lebt und arbeitet in einem ehemaligen Gebäude der Heilsarmee. (Bild: zVg.)

Sekten gelten prinzipiell als problematisch. Sind in der Schweiz noch Gruppen aktiv, die Sie als gefährlich empfinden?

Problematisch sind Gemeinschaften mit steilen und starken Hierarchien, wo das einzelne Mitglied seine Autonomie weitgehend abgibt, sowie einem scharfen Gegensatz «wir hier drinnen gegen die da draussen». Typisches Beispiel einer umstrittenen Organisation ist Scientology. Sie dürfte diejenige Gemeinschaft sein, die den höchsten Anteil unzufriedener Ehemaliger produziert.

Welche anderen Gruppen dieser Art sind in der Schweiz aktiv?

Zum Beispiel die Organische Christusgeneration von Ivo Sasek, Werner Arns Freunde, die Munies, die Kinder Gottes, das Universelle Leben, Uriellas Orden Fiat Lux, die Zeugen Jehovas, einige also. Es kommen auch immer wieder mal neue hinzu, andere liberalisieren sich dafür, die Szene ist stetig im Fluss.

Von wie vielen Gruppen sprechen wir denn da?

In der Schweiz gibt es rund 1000 religiöse und weltanschauliche Gemeinschaften mit über 100 Mitgliedern, davon ist etwa ein Viertel sektenhaft strukturiert.

Klingt nach viel, aber ein grosses Thema sind Sekten irgendwie nicht mehr. Woran liegts?

Zumindest Scientology ist recht regelmässig in den Medien, kürzlich mit dem neuen Buch in den USA und natürlich den Schlagzeilen um die Scheidung von Tom Cruise. Aber Sie haben recht, in den 90er-Jahren hatten sich Sektendramen gehäuft, entsprechend intensiver wurden diese Gemeinschaften thematisiert. Das ist heute schon anders. Dennoch ist die Berichterstattung in den letzten zehn Jahren recht konstant, aus meiner Sicht hat sie seither nicht abgenommen.

Wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da?

Sie ist ein Sektenhort, nur die USA bringen es auf eine ähnlich hohe Zahl von Gemeinschaften. Das liegt daran, dass die Schweiz schon sehr lange sehr liberal ist, auch was Religionsgemeinschaften betrifft. Und dann finden sich in der Schweiz die zum Unterhalt einer Gemeinschaft nötigen finanziellen Ressourcen leichter als anderswo.

Warum tritt man einer solchen Gruppe bei?

Wenn junge Menschen sich für eine radikale Gemeinschaft entscheiden, dann spielt Einsamkeit recht oft eine Rolle. Dasselbe gilt zunehmend auch für Senioren. Die werden von einigen Gemeinschaften systematisch kontaktiert, etwa von den Zeugen Jehovas, aber auch von anderen Gruppen. Generell kann man sagen, dass Beitritte oft aus einer Krise heraus erfolgen. Die spirituelle Suche ist oft nebensächlich, ebenso wie die Weltanschauung der Gruppe.