Archiv
13. Januar 2014

Die Schweiz im Konkurrenz- und Dichtestress

Beim Arbeiten, Wohnen, Pendeln, für die Vorsorge oder den sozialen Kitt hat die Immigration auch negative Folgen. Was fällt ins Gewicht – und wovon sind Sie betroffen?

Die Wissenschaftler sind sich weitgehend einig: Sicher trägt die Zuwanderung nicht allein Verantwortung für den knapper und teurer werdenden (Wohn-)Raum, die stärker beanspruchten Infrastrukturen und Institutionen oder den Lohndruck in gewissen Branchen und Berufsbildern.
Dennoch verstärkt das Bevölkerungswachstum – für 2013 auf über 80'000 Menschen geschätzt – in einigen Regionen des Landes fünf aktuelle Hauptprobleme in Wirtschaft, Gesellschaft und Ökologie zweifelsfrei. Auch wenn es zu bedenken gilt, dass es daneben weitere grosse Probleme mindestens kurz- bis mittelfristig markant lindert: den Mangel an Fachkräften sowie an billigen Arbeitskräften einiger Branchen zuallererst. Welches der in der Folge kurz beschriebenen Phänomene betrifft oder beschäftigt Sie am meisten (siehe Abstimmung rechts)?
1. DER ARBEITSMARKT
Grundsätzlich holen sich die Arbeitgeber dank der Personenfreizügigkeit jene Arbeitskräfte aus dem Ausland, die sie brauchen. Allerdings haben bestimmte Wirtschaftszweige selbst dann öfters Interesse an fremden Fachkräften, wenn möglicherweise ein arbeitsfähiger Schweizer für dieselbe Stelle verfügbar wäre. Dies geschieht fast immer aus einem der zwei folgenden Gründe (oder beiden zugleich):
a) Die zugewanderte Person ist für die Arbeit besser qualifiziert.
b) Sie oder er kosten das Unternehmen weniger Geld.
Laut Studien betrifft das Phänomen nicht das Topmanagement. Ebenfalls selten tritt es im Billiglohnsektor auf, weil da etwa im Reinigungswesen oder der Gastronomie, häufig auch in der Pflege gar nicht genügend Schweizer(innen) verfügbar wären. Hingegen gerät seit ein paar Jahren wegen der hohen Anzahl an mehrheitlich hoch gebildeten Einwanderern der (gehobene) Mittelstand in direkte Konkurrenz zu Arbeitswilligen aus dem Ausland. Er bekommt im einen oder anderen Fall eine erhoffte Stelle nicht mehr.

Einfluss der Immigration: Insgesamt ist sicher keine massenweise Vertreibung Einheimischer aus dem Arbeitsmarkt feststellbar. Dennoch können bei einigen Fachkräften mit höherer Ausbildung sowie vereinzelt im Niedriglohnbereich einiger Branchen Verdrängungstendenzen beobachtet werden. Laut neusten Studien hat die Personenfreizügigkeit insgesamt zu einer um geschätzt 0,2% höheren Arbeitslosigkeit geführt, bei Arbeitskräften mit höheren Qualifikationen ist es annähernd das Doppelte (0,36%). Allerdings verhindert die Zuwanderung gebildeter Ausländer in etlichen Fällen auch die Abwanderung von Unternehmen, sprich den Verlust von Arbeitsplätzen, oder stärkt zumindest deren Wettbewerbsfähigkeit. Diese positiven Konsequenzen lassen sich allerdings noch schwerer bemessen als die negativen.
Im Übrigen beklagen einige Angestellte und ihre Vertreter eine unterdurchschnittliche Lohnentwicklung aufgrund ausländischer Konkurrenz. Letzteres liess sich statistisch bisher jedoch nicht nachweisen.

Diskutierte Massnahmen (neben genereller Zuwanderungsbegrenzung): Denkbar wäre als radikaler Ansatz ein vom Arbeitgeber mit ausländischen Angestellten verlangter Nachweis, keine Schweizer Arbeitskraft für die ausgeschriebene Stelle gefunden zu haben. Der administrative Aufwand für Unternehmen und Staat wäre allerdings beträchtlich, die Vereinbarkeit mit den Freizügigkeitsabkommen fraglich.
2. DER IMMOBILIENBEREICH
In attraktiven Gebieten in der Nähe von boomenden Wirtschaftsregionen am Genfersee, um Zürich, etwa auch in Zug oder einigen Gebieten des Kantons Schwyz, wird das verfügbare Bauland immer knapper. Und die Preise für neu erstellten oder auch gut erhaltenen älteren Wohnraum vor allem im mittleren und Hochpreissegment nahmen in den letzten Jahren rapide zu. Erst in den letzten Monaten sind gerade bei sehr teuren Immobilien erste Tendenzen zu einer stagnierenden oder leicht rückgängigen Preisentwicklung absehbar. Etliche Spezialisten warnen aber noch immer vor einer gefährlichen Immobilienblase mit entsprechenden Risiken des späteren Zusammenbruchs.

Einfluss der Immigration: Der jährlich zunehmende Verbrauch von Bauland und ein bedeutender Anstieg der Preise begann schon vor Einsetzen der für die EU geltenden Personenfreizügigkeit. Unbestritten haben aber die letzten sechs bis sieben Jahre mit zwischen gut 50'000 bis gar über 100'000 (2008) Zuwanderern, grösstenteils aus dem EU-Raum, die Entwicklung beschleunigt und klar verstärkt.

Diskutierte Massnahmen: Generell strengere Zonenregelungen (z.B. mit höheren Hürden für Umzonungen) sowie im Eigenheimbereich die Verschärfung eingrenzender Bestimmungen bei Verkauf an nicht ständige Bevölkerung respektive solche mit Zweitwohnsitz, allenfalls mit höheren Hürden für Nicht-Schweizer. Mit höheren vorgeschriebenen Sicherheiten könnte über den Bankensektor die Vergabe von Hypothekarkrediten etwas gedrosselt werden.
3. DER VERKEHR UND DAS ÖFFENTLICHE LEBEN
Im Mittelland, speziell in den Agglomerationen mit einer Mehrheit der Arbeitsplätze, ist auf etlichen Strecken sowohl der öffentliche (Beispiel: Bahn Zürich-Winterthur) wie der private (A1 von Zürich bis in den Aargau, Lausanne - Genf) Verkehr zu Stosszeiten hoffnungslos überlastet. Dies führt zu volkswirtschaftlichem Schaden, verminderter Lebensqualität und weiter steigenden Staatsausgaben für die Verkehrsinfrastruktur. Denn je nach Rechnungsweise deckt der Privatverkehr nicht alle verursachten Kosten, beim öffentlichen sieht die Bilanz noch weit schlechter aus.

Einfluss der Immigration: Auch diese Entwicklung setzte eine Weile vor dem jährlichen Einwanderungsstrom von jeweils 0,7 bis 1% der Bevölkerung ein, wurde durch diesen zuletzt aber sicher weiter verschärft.

Diskutierte Massnahmen: Denkbar wäre das staatliche Fördern von mehr Heimarbeit oder zeitlich versetzten Arbeitszeiten, damit nicht alle zwischen 6 und 9 Uhr morgens und 16 Uhr 30 bis 19 Uhr pendeln. Oder auch die aktuell diskutierte Einschränkung steuerlicher Abzüge für den Pendleraufwand. Allerdings könnte die Förderung von näher beim Arbeitsort gelegenen Wohnorten den Wohnraum an zentralen Lagen nochmals knapper werden lassen, sicherlich aber verteuern (siehe 2.).
4. DAS SOZIAL- UND VORSORGEWESEN
Ein zentrales Thema in der Diskussion von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lasten ist die Finanzierung der Altersvorsorge oder von Leistungen an in der Arbeitsfähigkeit Eingeschränkte oder gar teilweise von Fürsorge lebende Personen. Hierbei gilt es mit Blick auf die zunehmende Immigration der vergangenen Jahre zwei Dinge festzuhalten:
a) Kurz- und mittelfristig helfen die neu Zugewanderten klar bei der Finanzierung von Renten, IV- oder (über Steuern und Beiträge) weiteren Sozialleistungen.
b) Die langfristigen Auswirkungen der Zuwanderung auf die Vorsorge und das Sozialwesen sind kaum prognostizierbar. Es gibt schlicht zu wenig Erfahrungswerte von Personen in vergleichbarer Situation. Was geschieht, wenn sie einmal den Job verlieren und keinen neuen finden sollten; wenn sie krank würden oder verunfallen? Auch von Sozialleistungen des ursprünglichen Heimatlandes oder ihrer Verankerung in der Schweiz dürfte es abhängen, ob sie dann in der Schweiz bleiben und wie viel der selbst geleisteten Lohnabzüge und anderen Beiträgen wiederum selbst in Anspruch genommen würden.

Einfluss der Immigration: Äusserst unsicher.

Diskutierte Massnahmen: Keine (ausser verstärkte Abschottung oder Ungleichbehandlung arbeitender EU-Ausländer bei Lohnabzügen usw.).
5. DIE KULTUR UND DER GESELLSCHAFTLICHE ZUSAMMENHALT
Bei allen diskutierten Folgen der Zuwanderung für die Arbeits- oder Wohnwelt sowie die Staatskasse geht oft vergessen, dass Einwanderung auf dem Niveau der Jahre 2007 bis 2013 auch für das Zusammenleben längerfristig Änderungen mit sich bringen kann. Am markantesten bereits in der Kommunikation, Hierarchie und überhaupt Kultur von Firmen mit einem hohen Anteil an Zugewanderten. Jedoch auch ausserhalb, in Institutionen, dem Einkaufsladen oder auf dem Spielplatz.

Einfluss der Immigration: In Firmen mit viel binnen weniger Jahre eingetretenen Immigranten sowie in entsprechenden Gemeinden hoch.

Diskutierte Massnahmen: Einerseits Zuwanderungs-Hürden wie unter 1., zum andern jedoch auch die lokale und/oder kantonale Gewährung von passivem und/oder aktivem Wahlrecht deutlich vor Erlangung der Schweizer Nationalität. Sonst können etwa Parlamente oder Regierungen immer weniger Einwohner wirklich vertreten und die zu Austausch oder gar unentgeltlicher Arbeit bereiten Menschen auf Dauer verlieren. Weiter könnten betroffene Gemeinden und Regionen verstärkt an Sprachkurse und Formen des Austausches mit den ‚Alteingesessenen‘ denken, um nicht mit der Zeit Einwohner zweier ganz unterschiedlicher Klassen zu kennen. Klar ist: Dies benötigt alles auch die Bereitschaft der Neuzuzüger, die zwar meist gebildet sind, aber oft unsicher, wie lange sie überhaupt bleiben wollen (oder können).

HOHER BILDUNGSSTAND DER EU-EINWANDERER
Unabhängig von der Anzahl Einwanderer ist an der Immigrationsbewegung der Jahre 2007 bis 2013 neu, dass ein Grossteil über eine Hochschul- oder höhere Berufsbildung verfügt: 53%.
Vor 30 Jahren waren es gerade einmal 20%.

Anteil Einwanderer mit höherer Bildung
Vor 30 Jahren verfügte jeder fünfte Einwanderer über eine Universitäts- oder höhere Berufsbildung, heute ist es mehr als jeder zweite.

Autor: Reto Meisser