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04. November 2013

Die Schweiz hat viele Gesichter

Junge Menschen mit fremden Gesichtszügen, die in breitestem Berndeutsch reden? Viele Secondos sind gut integriert. Wie lebt es sich mit zwei Welten im Herzen?

Jenifer Morais.
«Eigentlich gefällt es mir in der Schweiz besser als auf Sri Lanka, denn dort wäre ich nicht so frei.» – Jenifer Morais.

JENIFER MORAIS

Die Srilankesische Aargauerin

Das Mädchen auf den Fotos sieht mit ihren pechschwarzen Haaren und dem orangen, glitzernden Sarikleid aus wie einem Bollywood-Film entsprungen. Die Bilder in dem Fotoalbum stammen jedoch nicht von einem Jungstar der indischen Filmindustrie, sie zeigen Jenifer, ein ganz normales 14-jähriges Mädchen aus einem ganz normalen Dorf namens Lupfig bei Schinznach Bad AG. Das Album wurde zu Jenifers Pubertätsfest produziert.

«Die Schweiz ist das grösste Geschenk unseres Lebens», sagen ihre Eltern, katholische Tamilen aus Sri Lanka, über ihre neue Heimat. Jenifer wurde im Stadtzürcher Triemlispital geboren, wuchs in Zürich auf und lebt mit ihren Eltern und Bruder Stefan (16) seit 2007 in Lupfig. Obwohl sie «nur» einen Schweizer Pass besitzt (weil Sri Lanka doppelte Staatsbürgerschaften nicht erlaubt), lebt sie in zwei Welten. So geht die ganze Familie immer am ersten und dritten Sonntag in eine Messe nach Zürich, die von einem tamilischen Seelsorger auf Tamilisch gehalten wird. Stefan spielt Orgel, Jenifer ministriert. Und am Mittagstisch redet die Familie Tamilisch, was der Wunsch des Vaters ist. Er will, dass seine Kinder auch in Zukunft mit den Grosseltern kommunizieren können.

Manchmal können die beiden Welten schon anstrengend sein, sagt Jenifer. «Wenn es Leute gibt, die einen wegen der Hautfarbe oder Herkunft runtermachen, finde ich das nicht lustig.» Sie selbst sei davon zwar weitgehend verschont, aber in der Schule riefen die Mitschüler einem Kollegen mit tamilischen Wurzeln «Curry» hinterher. In Jenifers Klasse haben nur knapp ein halbes Dutzend von rund 20 Schülern keinen Migrationshintergrund. Ihre beste Freundin ist aber Schweizerin. Jenifer vergleicht: «Eigentlich gefällt es mir in der Schweiz besser als auf Sri Lanka, denn dort wäre ich nicht so frei.» Dreimal schon besuchte sie die frühere Heimat ihrer Eltern. Dort liebt sie das Meer, den frischen Fisch und die vielen Tiere.

Tamilisches Essen mag die Sekundarschülerin hingegen nicht besonders, weil es ihr zu stark gewürzt ist. Sie zieht Spaghetti Bolognese vor – und Justin Bieber und Bruno Mars. Für den nächsten Sommer sucht sie eine KV-Lehrstelle. Danach möchte sie zumindest nebenberuflich als Visagistin arbeiten — also doch noch ein Hauch von Bollywood.

Arda Sönmez.
«In der Türkei bin ich für viele nur <der Europäer>.» – Arda Sönmez.

ARDA SÖNMEZ

Der Türkisch-Italienische Berner

Arda Sönmez (20) hat gleich drei Pässe — einen türkischen, einen italienischen und den Schweizer Pass. Den türkischen verdankt er seinem Vater, die anderen beiden Pässe der Mutter, die Doppelbürgerin ist. «Den italienischen nutze ich aber nicht, ich reise entweder mit dem türkischen oder mit dem Schweizer Pass.»

Der Elektrikerlehrling, der im Berner Ostring-Quartier lebt, fühlt sich momentan am wohlsten in der Schweiz, «weil ich hier als Schweizer angeschaut werde. In der Türkei bin ich für viele nur <der Europäer>.» Klar, er müsse sich von Kollegen Sprüche anhören, er sei nur «Papierlischwiizer». «Aber ich sage dann, dass ich hier aufgewachsen und zur Schule gegangen bin und mich wie ein Schweizer fühle. Bern ist meine Heimat.» Sein Vater Hasim ist SP-Stadtrat und führt das Restaurant Parlament in der Nähe des Münsters. «Ich bin stolz auf meinen Vater», sagt Arda. «Er ist seit 1990 hier und hat sehr viel erreicht.»

Ausländer oder Schweizer mit Migrationshintergrund würden hier nicht diskriminiert, sagt Arda. Wirklich nicht? Arda zögert und erinnert sich dann doch an ein paar Erlebnisse: «Wenn ich mich im Bus zu einer alten Dame setzen möchte, kann es sein, dass sie zusammenzuckt und ihre Handtasche auf die andere Seite legt.» Und einmal habe sein Kollege einer betagten Frau über die Strasse helfen wollen, worauf diese befürchtete, sie werde ausgeraubt. Arda gehen diese Erlebnisse aber nicht besonders nah. «Ich vergesse so was rasch wieder.»

Der 20-Jährige ist ein Stadtmensch. Insbesondere Istanbul hat es ihm angetan, weshalb er sich zwischen der 7. und 9. Klasse einen Wunsch erfüllte und bei Verwandten in der türkischen Grossstadt lebte. «Die Menschen in der Türkei sind wärmer», findet er. «In Bern hat jeder seinen eigenen Kollegenkreis.» Diese Abschottung macht ihm nebst dem Schweizer Wetter am meisten Mühe. Auch deshalb reist er mehrmals pro Jahr an den Bosporus.

Das Wichtigste in seinem Leben ist aber sein zweijähriger Bruder. Kommt Arda zur Türe rein, will der Kleine sofort mit ihm «schutte». Er selbst, Fan von Galatasaray, spielt in der zweiten Mannschaft der AS Italiana (4. Liga). Arda will sich nach der Lehre weiterbilden und nach Istanbul auswandern, wo er in der Architekturfirma seines Onkels als Zeichner arbeiten könnte. «Es wäre schwierig, mich von den Kollegen und der Familie zu trennen. Und trotzdem möchte ich irgendwann übersiedeln.»

DARIYUSCH POUR MOHSEN
«Gerade für uns mit Migrationshintergrund ist es wichtig zu zeigen, dass wir kaum anders sind» – Dariyusch Pour Mohsen.

DARIYUSCH POUR MOHSEN

Der persische Aargauer

Als Kind habe er lange nicht realisiert, Teil einer anderen Kultur zu sein, sagt Dariyusch Pour Mohsen (22). «In der Primarschule hat sich dies geändert.» Im Skilager teilte der Lehrer ihn nämlich automatisch in die schlechtere Gruppe ein — wohl weil er dachte, Dariyusch hätte keine Ahnung vom Skifahren. Der schweizerisch-iranische Doppelbürger stand jedoch bereits als vierjähriger Knirps regelmässig auf den Ski. Sein Vater kommt ursprünglich aus Teheran, die Mutter ist Schweizerin. Dariyusch wuchs in Erlinsbach SO auf. Ein weiteres, einschneidenderes Erlebnis hatte er in der zweiten Sekundarschule. Dariyusch spielte die Hauptrolle in einem Theaterstück und wollte eine persönliche Note in seinen Charakter einbringen, was dem Regisseur jedoch missfiel: «Wenn es dir hier bei den Proben nicht passt, kannst du rausgehen und deine Bombe zünden», musste er sich anhören. «Ich rannte nach Hause, weinte und erzählte alles meinem Vater», sagt Dariyusch. Es kam zum Gespräch zwischen den Eltern und dem Regisseur. Dieser entschuldigte sich und erklärte, seine Aussage sei doch nur als Scherz gemeint gewesen. Diese Auseinandersetzung habe ihn geprägt, sagt Dariyusch Pour Mohsen. Heute ist der Maturand Mitglied der Jungsozialisten Aargau, im Vorstand der Secondos Schweiz und bloggt auf seiner Internetseite über gesellschaftspolitische Themen. Obwohl er als Schweizer geboren wurde und perfekt Schweizerdeutsch spricht, muss er sich immer wieder einmal anhören, dass man «nichts gegen Ausländer habe. Meine Integration sei gelungen.» Wegen seines muslimischen Vaters werde er dann und wann als ein anderer Teil der Gesellschaft betrachtet. Eine solche Klassengesellschaft empfindet der junge Mann als «zutiefst rassistisch».

Seine Erfahrungen bei der Lehrstellensuche bestätigen ihn darin. Gegen 100 Bewerbungen für eine Ausbildung als Haustechnikplaner habe er nach der Sekundarschule schreiben müssen – wegen seines exotischen Namens. Schliesslich hat er eine KV-Lehre in einer Handelsschule absolviert, inklusive Praktikum im Sozialdienst.

«Gerade für uns mit Migrationshintergrund ist es wichtig zu zeigen, dass wir kaum anders sind. Ich bekomme sogar schneller einen Sonnenbrand als die meisten anderen Schweizer!» Wenn ihm heute jemand sage, er sei Ausländer, zücke er als Antwort seine ID. «Dann heisst es: Aber du hast keinen Schweizer Namen. Ich frage zurück, ob ich Meier oder Müller heissen müsse, um Schweizer zu sein.»

Der Aargauer Single, der mit seiner 26-jährigen Schwester in Lenzburg AG wohnt, empfindet es als bereichernd, in zwei Welten aufgewachsen zu sein. Er sei noch immer daran, die persische und die schweizerische Kultur kennenzulernen. So reiste er Ende September mit Facebook-Freunden in den Iran, den er bereits als 18-Jähriger während eines dreimonatigen Sprachaufenthalts in Teheran kennenlernte. Inzwischen spricht er auch Persisch, allerdings mit Schweizer Akzent. Und er könnte sich vorstellen, einst nach seinem angestrebten Politik- und Geschichtsstudium im Ausland zu arbeiten wie sein Onkel, der sein Geld bei der österreichischen Botschaft in Teheran verdient.

Audrey Moreno Porträtbild
«In den Philippinen wird man nicht gefragt, was man arbeitet, sondern ob man schon gegessen hat.» – Audrey Moreno über die kulturellen Unterschiede zwischen der Schweiz und den Philippinen.

AUDREY MORENO

Die philippinische Winterthurerin

Zu ihren liebsten Speisen zählen sowohl Zürcher Geschnetzeltes als auch die Suppe Sinigang, die meist aus Fleisch, Tamarinde und Gemüse besteht. Ihre kulinarischen Präferenzen erzählen einen Teil von Audrey Morenos (20) Geschichte: Ihre Eltern sind aus dem Norden der philippinischen Hauptstadt Manila in die Schweiz eingewandert. Sie ist in Winterthur aufgewachsen, wo sie auch heute noch lebt.

Die katholische philippinisch-schweizerische Doppelbürgerin ist ein Energiebündel, 166 Zentimeter klein, mit vielfältigen Interessen: Als diplomierte Hochbauzeichnerin arbeitet sie in einem Architekturbüro in Zürich-Wollishofen. Ihre Leidenschaft gilt neben dem Billard vor allem dem Tanzen: Dreimal wöchentlich unterrichtet sie Hip-Hop New Style, an den anderen Tagen trainiert sie und kommt so auf weit über 20 Stunden, die sie pro Woche für den Tanzsport aufwendet. Und sie ist erfolgreich: Ihr Ensemble Bagesti, das nebst ihr aus einer weiteren Tänzerin und neun Tänzern besteht, hat den diesjährigen Tanzwettbewerb «Danceoff» in Bern gewonnen. «Bagesti» heisst in der philippinischen Sprache Tagalog «New Style» und beschäftigt nur Tänzer mit asiatischen Wurzeln — abgesehen von einem Mann aus der Dominikanischen Republik. «Es hat sich so ergeben, dass auch mein Freundeskreis vor allem aus Asiaten besteht, die hier geboren wurden», sagt Audrey. Auch ihr Freund Kevin (22) tanzt für Bagesti und hat philippinische Eltern. «Das ist aber Zufall. Mein erster Freund war halb Schwede, halb Schweizer», betont Audrey. Doch es gibt schon klare Unterschiede zwischen den beiden Welten: «In den Philippinen wird man nicht gefragt, was man arbeitet, sondern ob man schon gegessen hat.» Auch ihr sind Wohlfühlen, Essen und Spass wichtig. «Hier werden wir oft als Asiaten oder Chinesen abgestempelt, obwohl wir Schweizer Pässe haben. Mich stört das nicht, weil ich weiss, wer ich bin», erklärt Audrey. «Die Schweiz ist mein Zuhause. Ich schätze hier die Sicherheit.» Noch als Teenager fühlte sie sich angegriffen, wenn Passanten ihr «Jim-Jong» oder Ähnliches nachriefen. Inzwischen wisse sie, dass das nicht böse gemeint sei. Mindestens einmal jährlich reist sie nach Südostasien, das nächste Mal an Weihnachten. «In den Philippinen sind die Feiertage ein riesiges Fest. Es fühlt sich total anders an als in der Schweiz, weil alle so herzlich zueinander sind, selbst wenn sie sich nicht kennen.»

Autor: Reto E. Wild