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16. Juli 2012

«Die Schweiz hat etwas Mysteriöses»

Andrew Evans ist der einflussreichste Reiseblogger der Welt. Der Amerikaner in Diensten des «National Geographic» bereist zurzeit die Schweiz. Dem Migros-Magazin hat er gesagt, was ihm gefällt und was er verbessern würde.

Reiseschriftsteller Andrew Evans
Ist zum ersten Mal in der Schweiz: Reiseschriftsteller Andrew Evans auf einer Alp bei Pontresina GR.

Die Ausflugstipps der Redaktion zu Andrew Evans' Schweizer Top 10-Reisezielen

Es regnet in Strömen, als Andrew Evans auf seinem E-Bike beim Alprestaurant der Sennerei Pontresina ankommt. Zwar ist er nass bis auf die Knochen, aber Evans hat schon so einiges erlebt auf seinen Reisen und lässt sich von ein bisschen Wasser nicht stören. Minuten später schon steht er neben Käser Peter Maurer und einem gewaltigen Topf Milch und lässt sich in die Geheimnisse der Käseproduktion einweihen. Weitere Minuten später hat er bereits mit seinem iPhone ein Foto und ein paar Worte dazu für seine über 17'000 Followers getwittert. Nun steht er selbst am Topf, rührt in der Masse und will von Maurer weitere Details zum Heutaler Käse hören.

In Pontresina hilft Andrew Evans mit bei der Produktion des Heutaler Käses.
In Pontresina hilft Andrew Evans mit bei der Produktion des Heutaler Käses.

Andrew Evans (36) ist kein Reisejournalist wie jeder andere, er selbst bezeichnet sich als Reiseschriftsteller. Evans lässt sich Zeit, wenn er ein Land bereist, er will eintauchen, nicht nur touristische Highlights sehen, sondern verstehen, wie ein Land tickt, was es ausmacht. Er hat schon über 100 Länder besucht und ist seit Januar 2010 als Digital Nomad, als digitaler Nomade, für das «National Geographic»-Magazin auf dem Erdball unterwegs. Angefangen hatte es mit der Idee, mit dem Bus von der Haltestelle vor den Büros der Zeitschrift in Washington DC in die Antarktis zu reisen — ohne zu planen, zu reservieren, einfach drauflos, ein Abenteuer erleben. Evans reiste durch 14 Länder, 16'000 Kilometer in 40 Tagen, bis zur Südspitze Südamerikas, alles mit öffentlichen Bussen, dann nahm er ein Boot. Und von unterwegs twitterte er ohne Unterlass, was er alles erlebte. Die Resonanz war derart überwältigend, dass «National Geographic» beschloss, daraus ein festes Gefäss zu machen. Der Digital Nomad war geboren — ein Reisender, der aus aller Welt online berichtet, was er jetzt gerade macht.

Die Schweiz wirkt wie drei verschiedene Länder

Eine Reise in die Schweiz ist natürlich nicht ansatzweise so abenteuerlich wie eine Bustour in die Antarktis, und es ist auch einiges mehr vorgeplant für diesen Monat. Nicht zuletzt erhofft sich Schweiz Tourismus gute Werbung für den US-Markt (siehe Interview mit Alex Hermann). «Aber ich nehme mir immer wieder die Freiheit, das Programm über den Haufen zu werfen», sagt Evans. «Mir ist wichtig, spontan zu sein, Ideen und Impulsen zu folgen. Ich will nicht nur das sehen, was mir die Tourismusbüros zeigen möchten.» Die Schweiz hatte er schon länger im Auge. «Für mich hatte das Land immer etwas Mysteriöses. Es ist die Ausnahme zu allen Regeln Europas, es funktioniert ganz anders und wirkt wie drei verschiedene Länder. Es ist das Herz Europas und doch unabhängig davon, und alles, was man von der Schweiz weiss, sind Klischees: Käse, Schokolade, Banken, Uhren, Berge. Ich wollte wissen, was da noch so ist.»

Hinzu kommt eine gewisse familiäre Vorbelastung. Evans’ Mutter verbrachte in ihrer Jugend einige Zeit in Neuenburg und brachte das Rezept für richtig gutes Käsefondue zurück in die USA. Später durfte sich jedes ihrer Kinder jeweils zum Geburtstag wünschen, was es zu essen gab, und Andrew forderte jedes Jahr zuverlässig das Käsefondue. Es wurde also höchste Zeit, dieses in seinen Augen «göttliche Gericht» endlich mal an seinem Ursprung zu probieren.

Die Vielfalt von Schweizer Käse macht Evans glücklich

Was den Käse betrifft, könnte Evans nicht glücklicher sein. «Die Vielfalt ist unvergleichlich. Ich bin wirklich beeindruckt, wie sehr man sich um regionale Authentizität bemüht. Die Gräser und Pflanzen, welche die Kühe vor Ort fressen, die Luftfeuchtigkeit, die Höhe, all das beeinflusst den Geschmack des jeweiligen Käses. Und das schmeckt man wirklich!» In der Käserei nahe Pontresina probiert Evans einige Sorten durch und darf dem Käser dabei helfen, die mittlerweile fest gewordene Masse aus dem Topf hinauszuwuchten, um anschliessend die Flüssigkeit herauszupressen.

Reiseschriftsteller Andrew Ewans inmitten der malerischen Landschaft von Pontresina.
Reiseschriftsteller Andrew Ewans inmitten der malerischen Landschaft von Pontresina.

Zum Brunch ist auch der 66-jährige Guido Ratti gekommen, der Evans in die rätoromanische Sprache einführt. Eine Stunde lang fragt der Amerikaner den Bündner aus und beweist dabei einiges an Vorwissen. Ratti erklärt, dass es nur noch rund 100'000 Menschen gibt, die die vierte Landessprache der Schweiz beherrschen, ist aber optimistisch, dass sie nicht so schnell aussterben wird. Evans lässt sich ganze Sätze von ihm aufschreiben, die er anschliessend twittert. «Sprachen haben mich schon immer fasziniert, und ich versuche, in jedem Land einige Worte zu lernen.»

Schwiizerdütsch erweist sich für Evans als harte Nuss

Neben Englisch spricht Evans fliessend Französisch und Russisch und hat auch schon einige Brocken Deutsch gelernt. Schwiizerdütsch hingegen erweist sich als harte Nuss. «Ich habe Sprachlektionen auf meinem iPod, aber die Leute verstehen mich nie so recht, wenn ich es ausprobiere.» Er hat inzwischen realisiert, dass es viele verschiedene Dialekte gibt, die von Tal zu Tal variieren können, und ist äusserst fasziniert davon.

Als der Regen endlich nachlässt und die Wolkendecke aufreisst, geht es weiter mit dem E-Bike und einem Guide durch die liebliche Landschaft Richtung Celerina, die ihm sichtlich gefällt. Evans’ Beiträge zu seiner Schweizer Reise im Blog oder auf Twitter sind denn auch praktisch alle positiv. Er liebt das Essen, die kulturelle Vielfalt, die Ruhe, die unerwartet grosse Gastfreundlichkeit, die Velokultur, die vielen Brunnen mit dem sauberen Trinkwasser; er ist begeistert von der wilden Ursprünglichkeit der Natur, der Leben-und-leben-lassen-Mentalität der Menschen — und er staunt, wie gut alles organisiert ist.

«Manchmal ist mir die Schweiz beinahe zu effizient. Ich möchte einmal erleben, dass ich an einem Ort ankomme und das Empfangskomitee noch nicht dasteht, weil es sich verspätet oder den Termin verschwitzt hat.» Ab und zu sind die Preise zu hoch, und das Wetter könnte etwas freundlicher sein, aber sonst findet Evans nicht viel zu klagen.

Allerdings gesteht er auch ein, dem Mysterium Schweiz noch nicht auf die Spur gekommen zu sein. Im Gegenteil: «Je mehr ich hier erlebe und erfahre, desto mehr Fragen tauchen auf, desto beeindruckender finde ich, dass dieses Land mit seinen vielfältigen Kulturen überhaupt entstehen konnte und wie erfolgreich es sich aus allen Querelen in Europa hat heraushalten können.»

200 Tage war Andrew Evans letztes Jahr unterwegs, dieses Jahr wird es wohl ähnlich werden. «Zum Glück gibt es heutzutage mit Skype, Mail, Facebook so viele Möglichkeiten, mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben.» Mit seinem Mann skypt Evans praktisch jeden Abend. Er ist Biologe, erforscht bedrohte Frösche im Urwald und ist auch häufig unterwegs. «Wir versuchen unsere Reisen wenn möglich zu koordinieren.» Auch wenn er in letzter Zeit nicht oft zu Hause in Washington DC war, ist er doch immer sehr gerne dort. «Für mich ist das wie Ferien machen. Viele Leute denken, meine Reisen seien konstante Ferien, aber man unterschätzt gerne, wie anstrengend das ist und wie viel Arbeit dahintersteckt.»

Der dauernd Reisende vermisst seinen Ehemann und das Kochen

Wenn er am 19. Juli zurückfliegt, freut sich Andrew Evans nicht nur auf seinen Mann, sondern auch auf das Kochen, eine andere grosse Leidenschaft, die beim Reisen fast immer zu kurz kommt. Und er wird dann auch einige Wochen in den USA sein, die nächste grosse Reise beginnt erst im Herbst. Die Destination darf er allerdings nicht verraten, denn es gehört zum Konzept des Digital Nomad, dass seine Leserinnen und Leser erraten müssen, wo es diesmal hingeht. Nur eines lässt er sich schliesslich entlocken: «Es wird ganz anders sein als die Schweiz.»

http://digitalnomad.nationalgeographic.com

Fotograf: Claudio Bader