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05. März 2012

«Die Schweiz hat ein Harmoniebedürfnis»

Vor genau zehn Jahren sagte das Stimmvolk Ja zum Uno-Beitritt. Paul Seger, Schweizer Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York, über das Diplomatenleben, zähe Reformen und warum er immer extra für die Basler Fasnacht nach Hause kommt.

Diplomat Paul Seger trägt vorzugsweise eine Fliege.

Paul Seger, die Schweiz fühlt sich von der internationalen Gemeinschaft wegen Bankgeheimnis und Steuerflucht unter Druck. Wie werden wir in New York wahrgenommen?

In der Uno hat unser Image nicht gelitten. Auch nicht wegen der Minarett-Initiative. Bei der Uno zählt, dass man ehrlich bereit ist mitzuarbeiten. Ein Staat, der sich solidarisch und initiativ ernsthaft für die Gemeinschaft einsetzt, hat ein gutes Image. Wenn ich die Schweizer Medien lese, habe ich den Eindruck, dass wir mit uns selbst viel kritischer umgehen als das Ausland. Ich finde, die Schweiz hat einfach ein extrem ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. Dabei sind wir ein Land wie jedes andere auch, mit Vorzügen und Fehlern.

Ihr Vorgänger, Peter Maurer, sagte, man könne sehr viel erreichen mit genügend guten Freunden, genügend Geld und guten Ideen.

Das stimmt. Wobei Geld nicht so entscheidend ist wie gute Ideen und Anliegen, die man glaubwürdig vertreten kann. Wir gelten als Land mit grosser humanitärer Tradition. Wenn wir uns dafür einsetzen, nimmt man uns das ab. Das Gleiche gilt für Grundfreiheiten und unser vorbildliches Verhältnis zur Natur. Es ist nicht so, dass am Schweizer Wesen die Welt genesen muss, aber mit originellem Input kann man einiges bewegen.

Aber es liegen bloss Mikro-Erfolge drin?

Die Uno ist ein Forum für 193 Staaten, alle mit sehr unterschiedlichem ideologischen, geschichtlichen und wirtschaftlichen Hintergrund. Allein schon, dass man all diese Länder an einen Tisch bringt, ist eine grossartige Leistung. Vergessen wir nicht: Die Schweiz ist extrem abhängig vom Rest der Welt, wir verdienen jeden zweiten Franken mit dem Ausland. Uns kann also nicht egal sein, wenn es zum Beispiel an der Elfenbeinküste zu Unruhen kommt. Wenn wir von dort keinen Kakao mehr bekommen, können wir keine Schokolade mehr produzieren. Deshalb ist für uns eine friedliche, gerechte Weltordnung wichtig.

Die sachliche Ebene ist das eine. Es sind zwar Länder, die miteinander kommunizieren, aber Menschen, die am Verhandlungstisch tagen.

Die menschliche Ebene wird stark unterschätzt. Es sitzen sich Individuen gegenüber, mit all ihren Eigenheiten, Charakteren und Egos. Eine politische Verhandlung funktioniert gleich wie eine Sitzung in irgendeiner Firma. Es steht und fällt mit der zwischenmenschlichen Chemie, die stimmt oder eben nicht.

Mit wem kommen Sie besonders gut aus?

Einige Kollegen wurden wirklich Freunde, etwa die Botschafter von Costa Rica oder Jordanien. Auch den Iren und den Südafrikaner mag ich ausgesprochen.

Wen weniger?

Ein Problem ist es, mit Ländern zu verkehren, mit denen man politische Schwierigkeiten hat. Aktuell Syrien. Ich kenne den Botschafter noch von meiner Zeit in Genf und finde ihn als Person eigentlich durchaus nett. Aber langsam habe ich Mühe, mit ihm einen normalen Umgang zu pflegen, weil er ein Regime vertritt, mit dem ich mich schwertue.

«Im Sicherheitsrat geht es oft zu wie im Kardinalskonklave im Vatikan.» Uno-Botschafter Paul Seger.
«Im Sicherheitsrat geht es oft zu wie im Kardinalskonklave im Vatikan.» Uno-Botschafter Paul Seger.

Laden Sie Vertreter mächtiger Nationen wie der USA oder Chinas öfters zum Essen ein?

Ja, aber die kommen nicht so oft, weil alle sie einladen. Es ist viel einfacher, sich diesen Botschaftern an Empfängen zu nähern.

Sie verpacken also Ihr Anliegen in Small Talk?

Genau. Man versucht, mit einer bestimmten Person kurz ins Gespräch zu kommen und seine Message zu plazieren. Dafür hat man fünf, zehn Minuten Zeit, dann wandert man zum Nächsten.

Auch Sie müssen die Positionen der offiziellen Schweiz vertreten, obwohl Sie privat vielleicht eine andere Meinung haben.

Ich habe das Glück, ein Land repräsentieren zu dürfen, hinter dem ich voll und ganz stehen kann.

Und an dem es nichts zu kritisieren gibt?

Es gibt kein perfektes Paradies. Aber mit den Anliegen, die ich an der Uno vertrete, habe ich keine Mühe. Ich mag persönlich etwas andere Auffassungen haben, was unsere Exportpolitik von Rüstungsgütern angeht. Aber das darf für einen Botschafter keine Rolle spielen. Als ich beispielsweise in Argentinien stationiert war, musste ich für Armasuisse, die Kanonen verkaufen wollte, die Werbetrommel rühren. Ich bin nun nicht gerade einer, der von Natur aus gerne Waffen verkauft. Aber ich tat es trotzdem. Denn ich arbeite für diesen Staat, mit all seinen Vorzügen und Schattenseiten.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Am ehesten kann man meine Arbeit mit der eines Parlamentariers vergleichen. Nur dass ich keine politische Partei vertrete, sondern einen Staat. Man betreibt viel Networking und versucht, sich mit Gleichgesinnten zu einer Gruppe zusammenzuschliessen. So haben wir gemeinsam mit anderen kleinen Ländern Empfehlungen eingereicht, um die Arbeit des Uno-Sicherheitsrats transparenter zu machen. Dort geht es oft zu wie im Kardinalskonklave im Vatikan. Man weiss nicht, wie die Beschlüsse zustande kommen — obwohl sie verbindlich sind und alle 193 Staaten betreffen.

An solchen Reformen wird seit Jahren gearbeitet. Ist das nicht frustrierend?

Bei der Reform des Uno-Sicherheitsrats ist das Frustpotenzial verhältnismässig gross. Die aktuelle Zusammensetzung reflektiert die Machtkonstellation und den Geist nach dem Zweiten Weltkrieg. Die fünf ständigen Sicherheitsratsmitglieder sind die damaligen Siegermächte. Doch Schwellenländer wie Brasilien und Indien, aber auch Südafrika, Japan und Deutschland machen Druck. Sie wollen mehr ständige Mitglieder im Sicherheitsrat.

Im Sicherheitsrat geht es oft zu wie im Kardinalskonklave im Vatikan.

Will die Schweiz das auch?

Wir sind für eine Vergrösserung der Mitgliederzahl. Aber wir wollen keine Erweiterung des Vetorechts, wie das einige verlangen. Denn unser kleiner Machteinfluss besteht darin, dass wir Leute in den Sicherheitsrat wählen können.

Je mehr Länder das Vetorecht haben, desto schwieriger werden Entscheide.

Richtig. Wir versuchen, das Vetorecht wenigstens zu beschränken, wenn es um Verbrechen gegen die Menschlichkeit geht, also Kriegsverbrechen oder Genozid. Bestünde diese Regelung schon, hätten China und Russland im Fall von Syrien das Veto nicht ergreifen können.

Es gab einen internationalen Aufschrei.

Wir hoffen, dass genau dies unseren Vorschlägen Auftrieb gibt. Viele Staaten sind mit uns einer Meinung, dass die Uno nicht untätig zuschauen kann bei offensichtlichen Verletzungen der Menschenrechte, wie in Syrien.

Wie können Sie die Grossmächte auf die Problematik in Syrien ansprechen?

An Cocktailpartys und Empfängen kann man in zwangloserem Rahmen diskutieren und zu einem Botschaftskollegen sagen: Schau mal, wollt ihr da nicht eine etwas konziliantere Haltung an den Tag legen? Netzwerke und gute Beziehungen auf persönlicher Ebene spielen in der Diplomatie eine zentrale Rolle. Letzten Endes will jeder vor den Augen der Weltöffentlichkeit gut dastehen.

Weltmächten ist das nicht egal?

Oh nein. Man merkte es jetzt auch wieder in Bezug auf Syrien. Kritik und Angriffe von anderen Staaten und den Medien lässt niemanden gleichgültig.

Sie leben alle paar Jahre in einem anderen Land. Wo ist Ihr Zuhause?

Ich fühle mich sehr stark mit meiner Heimatstadt Basel verbunden. Wir haben uns dort ein kleines Pied-à-terre gekauft, denn es ist uns wichtig zu wissen, wo wir hingehören.

Wie wohl fühlen Sie sich in New York?

Sehr wohl. Es ist eine tolle Stadt. Ich bedaure, dass aufgrund des Arbeitspensums das Kulturelle zu kurz kommt.

Worauf könnten Sie dort verzichten?

Auf den Lärm. Vor allem in den Restaurants sind Gespräche fast unmöglich. Andererseits schätze ich die positive Lebenseinstellung und Kreativität.

Gefällt es auch Ihren 16 und 18 Jahre alten Söhnen im Big Apple?

Jein. Sie sind fasziniert von den Möglichkeiten, gerade beim Shopping. Aber sie sind weniger frei als in der Schweiz. An Silvester etwa wollten wir auf einem Schiff feiern. Weil aber dort getanzt und Alkohol ausgeschenkt wurde, hatten unter 21-Jährige keinen Zutritt.

Und die Schule?

Meine Söhne finden, dass sie in der Schweiz als junge Erwachsene behandelt werden, in den USA hingegen als grosse Kinder. Sie werden zwar umsorgt und umarmt. Andererseits wird Wert auf Disziplin gelegt, mit Massnahmen, die uns reichlich übertrieben vorkommen.

Autor: Ruth Brüderlin, Ralf Kaminski