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25. Januar 2016

Der englische Schweiz-Erklärer

Schon zum dritten Mal hat der Brite Diccon Bewes ein Buch über seine neue Wahlheimat verfasst. Diesmal geht es um 80 Landkarten, die ein vielfältiges und aussagekräftiges Bild über das Wesen der Schweiz entstehen lassen. Unten finden Sie 14 ungewöhnliche Schweiz-Karten zum Porträt.

Diccon Bewes
Diccon Bewes im Kartenarchiv der Zentralbibliothek Zürich, wo er viele der Karten für sein neues Buch entdeckt hat.

Man schreibt das Jahr 1941, in Europa tobt der Zweite Weltkrieg. Und was tut die Schweiz? Sie beschäftigt sich mit ihrer Schweinepopulation. Und zwar bis ins kleinste Detail. Das Eidgenössische Statistische Amt erhebt auf die Bezirke genau die Verbreitung der Schweinerassen. So ist das Edelschwein (Grand porc blanc) im Westen der Schweiz deutlich stärker vertreten, derweil im Osten und in der Zentralschweiz das Veredelte Landschwein (Porc amélioré du pays) dominiert. Landesweit sind es exakt 764 378 Schweine, und am höchsten ist die Schweinedichte im Thurgau und im Appenzell.

Diccon Bewes (48) lacht. «Ja, eine grossartige Karte, die aber durchaus einen ernsthaften Hintergrund hat. Die Schweiz war umzingelt und die Selbstversorgung mit Lebensmitteln deshalb ein überlebenswichtiges Thema.» Bewes neues Buch «Mit 80 Karten durch die Schweiz» ist voll von solchen Perlen, die einen verblüffen oder amüsieren – oder einfach nur minutenlang interessiert verweilen lassen. Da sind historische Karten, wo der Süden noch oben steht und der Norden unten, politische Karten, verkehrsstrategische Karten, ja, sogar fiktive Karten, darunter die nie realisierte Swiss Metro und eine Grossschweiz mit all jenen Regionen der Nachbarländer, die einstmals zur Schweiz gehörten oder schon einmal damit geliebäugelt haben, ihr beizutreten.

Nicht alle Archive waren sofort kooperativ

Ein Jahr lang hat Bewes alle möglichen Archive durchforstet, um die Karten für sein Buchprojekt zu finden. Ein weiteres halbes Jahr hat er darauf verwendet, zu jeder einen kurzen Text zu verfassen, der ebenso informativ wie vergnüglich zu lesen ist. Nicht alle haben ihre Karten freigiebig rausgerückt. Das Deutsche Militärarchiv in Freiburg im Breisgau hatte sich zunächst gesträubt, Bewes eine Darstellung zur Publikation zu überlassen, die die nie realisierten Schweiz-Invasionspläne der Nazis aufzeigt. Aber auch dieses Archiv konnte er letztlich überzeugen.

Nun ist das Buch erschienen – gleich in drei Sprachfassungen: auf Englisch, Deutsch und Französisch. In der englischen Fassung lädt der Untertitel zu einer «magical journey» ein, auf Deutsch zu einer «Zeitreise». Beides passt, aber Bewes mag die Anspielung auf die Magie in der englischen Ausgabe. «Man macht ja tatsächlich eine Reise durch Zeit und Raum, wenn man sich durch das Buch bewegt.» Und man lernt auch einiges. «Es ist letztlich ein Geschichtsbuch, aber weder akademisch noch verstaubt.»

Zudem passt es zu den anderen Büchern, die der Engländer schon über seine Wahlheimat verfasst hat: «Swiss Watching» (2010, «Der Schweizversteher») und «Slow Train to Switzerland» (2013, «Immer schön langsam»). Sie alle dienten Bewes dazu, sich dem Land anzunähern, in dem er seit 2005 lebt. Gleichzeitig erklärt er anderen Expats und auch den Schweizern das Wesen der kleinen Nation im Herzen Europas.

Im schwierigen Verhältnis zum Rest des Kontinents sieht er durchaus Parallelen zu seiner alten Heimat. «Beide Länder sehen sich als Insel, Grossbritannien ist physisch tatsächlich eine, die Schweiz ist es emotional.» Beide werden in den kommenden zwei Jahren auch ihr Verhältnis zu Europa klären müssen. «Und es kann gut sein, dass die Entscheide des einen Landes auch das andere beeinflussen.»

Der Liebe wegen in die Schweiz

Es war die Liebe, die Bewes (ausgesprochen wie News, einfach mit B) in die Schweiz brachte. «Mein Lebenspartner war 2000 mit Freunden in London. Aber sein Englisch war nicht gut genug, um mit ihnen ins Theater zu gehen. Also ging er derweil in eine Bar. Dort trafen wir uns.» Bewes war damals Reisejournalist, und die beiden führten zunächst eine Fernbeziehung. Seit 2005 nun leben sie in Bern, wo sein Partner im Sozialamt tätig ist. Bewes arbeitete sechs Jahre lang in der Englischabteilung der Buchhandlung Stauffacher, inzwischen konzentriert er sich jedoch ganz aufs Schreiben.

Er hat sich so gut eingelebt, dass er nun auch Schweizer werden will. Allerdings muss er noch zwei Jahre warten, bis er die offizielle Frist von zwölf Jahren erreicht hat. Die eingetragene Partnerschaft würde diese Frist verkürzen, aber auf die will Bewes sich nicht einlassen. «Das ist eine Ehe zweiter Klasse. 2005 war ihre Einführung sehr fortschrittlich. Aber mittlerweile hat selbst Irland die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet.» Bewes will warten, bis auch die Schweiz so weit ist, auch wenn das seine Einbürgerung verzögert.

Und wird das nächste Buch wieder von der Schweiz handeln, oder wars das jetzt? Bewes lacht. «Ich weiss es noch nicht, ich plane so was nicht gern. Derzeit bin ich mit dem Kartenbuch noch sehr beschäftigt. Die Idee dafür kam mir ziemlich spontan, das wird wohl auch beim nächsten Projekt so sein.»

14 ungewöhnliche Karten von Diccon Bewes

Kantonsfahnen
Kantonsfahnen


1. Die Schweiz, gebildet aus ihren Kantonsfahnen (1914, Künzli)

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Bergnamen
Bergnamen


2. Das Land als Abbild aus ihren höchsten und wichtigsten Berggipfel (2014, Künzli)

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Swiss Metro
Swiss Metro


3. Der Streckenplan der projektierten Swiss Metro, deren Realisierung weiter ungeklärt ist (2014)

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Schweinerassen
Schweinerassen


4. Die Schweizer Schweinepopulation im Jahr 1941

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Kanton Bern als Wappentier
Kanton Bern als Wappentier


5. Der Kanton Bern in Form seines Wappentiers (um 1700) mit lateinischen Namen

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Topografie nach Tschudikarte


6. Die Schweizerkarte mit den Topografie-Angaben (nach Tschudi)

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Bonstetten-Karte
Bonstetten-Karte


7. Die symbolische Schweiz-Karte der Himmelsrichtungen (nach Bonstetten)

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ständige Wohnbevölkerung
nach ständiger Wohnbevölkerung


8. Die Schweizerkarte mit allen Kantonen in der Grösse ihrer ständigen Wohnbevölkerung (2014)

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Tannenbaum-Plan
Tannenbaum-Plan


9. Der erste Einfallsplan der Deutschen Wehrmacht 1940 in die Schweiz (Tannenbaum-Plan)

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Chappatte-Zeichnung
Chappatte-Zeichnung


10. Die Schweizerkarte von Karikaturist Chappatte mit dem Röstigraben, pardon: der Röstihecke

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Erweiterungen des Territoriums
Erweiterungen des Territoriums


11. Mögliche Erweiterungen des Schweizer Territoriums in den letzten Jahrhunderten

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Stadt Bern
Die Stadt Bern


12. Der Stadtplan von Bern mit einem in Übergrosse dominierenden Münster

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Zürich für Männer
Zürich für Männer


13. Die lohnenden Angebote der Stadt Zürich für Männer (oder : Wer ist das schwache Geschlecht?)

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Swissair-Karte mit Flugrouten
Swissair-Karte mit Flugrouten


14. Ausschnitt der Weltkarte mit den früheren Flugrouten der Swissair rund um die Welt

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Diccon Bewes : «Mit 80 Karten durch die Schweiz. Eine Zeitreise», Hier und Jetzt, 2015, bei Ex Libris für Fr. 60.80.

Twitter: @dicconb

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Paolo Dutto