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30. November 2015

Die Schweiz macht sich fürs Weltklima stark

Diese Woche beginnt in Paris der 21. Klimagipfel. Über 170 Staaten haben bereits verbindliche Klimamassnahmen versprochen, darunter die USA und China. Auch die Schweiz engagiert sich für einen neuen Klimavertrag.

Rhonegletscher
Bizarrer Versuch, die Eisschmelze zu verlangsamen: Planen auf dem Rhonegletscher.

Vom 30. November bis 11. Dezember debattieren 196 Länder in Paris über das Klima. Die Uno-Klimakonferenz soll zu einem Nachfolgevertrag zum Kyoto-Protokoll führen, in dem 1997 verbindliche Ziele zum Treibhausgasausstoss der Industrieländer festgelegt wurden. Schon im Vorfeld der Konferenz haben bis jetzt 176 Staaten schriftlich Klimaziele festgelegt, darunter die grossen Klimasünder USA und China. Damit auch die Entwicklungs- und Schwellenländer ihre Ziele erreichen können, haben die Industrieländer an Treffen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds 65 Milliarden US-Dollar zugesagt.

Den Gipfel in Paris haben Diplomaten sorgsam vorbereitet, und Beobachter gehen derzeit davon aus, dass ein Klimaschutzabkommen zustande kommt – obwohl es eine Mammutaufgabe ist, bei 196 Staaten mit 196 verschiedenen Interessen einen Konsens zu finden. Umweltorganisationen bezweifeln, dass die Massnahmen des neuen Klimavertrags reichen werden, um eine globale Erwärmung von über zwei Grad zu verhindern.

Auch die Schweiz ist durch den fortschreitenden Gletscherschwund stark vom Klimawandel betroffen. Zudem verursacht die Schweiz rund 50 Millionen Tonnen Treibhausgase pro Jahr, was einem Pro-Kopf-Verbrauch von rund fünf Tonnen entspricht – der klimaverträgliche Ausstoss beträgt eine Tonne. Sie wird sich deshalb unter der Leitung von Bundesrätin Doris Leuthard für einen neuen Klimavertrag einsetzen.

«Kein Land hat Freude am Energiesparen, darum braucht es ein gemeinsames Ziel»

Klimaexpertin Gabi Hildesheimer (59
Gabi Hildesheimer (59)

Gabi Hildesheimer (59) nahm als Mitglied der Schweizer Delegation an mehreren Klimakonferenzen teil und leitete 16 Jahre das Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften (Öbu). Heute arbeitet sie bei FehrAdvice & Partners.

Gabi Hildesheimer, am Pariser Klimagipfel soll ein neuer Klimavertrag verabschiedet werden. Welches sind die grössten Hürden?

Die Emissionen müssten bis 2050 global um mindestens 50 Prozent sinken. Das geht nur, wenn alle Verantwortung übernehmen. Kein Land hat Freude am Energiesparen, darum braucht es ein gemeinsames Ziel. Das Kyoto-Protokoll hat nur die Industrieländer in die Pflicht genommen; das Pariser Abkommen lädt nun alle Länder ein, einen Beitrag zu leisten.

Zahlreiche Industrieländer haben bereits über 64 Milliarden US-Dollar Unterstützungsgelder für die Entwicklungsländer zugesagt. Wie werden diese eingesetzt?

Die Beiträge sollen Entwicklungs- und Schwellenländer dazu bewegen, ihre Massnahmen auch tatsächlich umzusetzen. Diese Länder brauchen Unterstützung, damit Umweltschutz ihre Entwicklung nicht behindert. Die Industrieländer stehen in einer historischen Verantwortung im Hinblick auf die aktuelle Situation.

Bis 2020 will die Schweiz die Treibhausgas-Emissionen um 20 Prozent reduzieren. Was nützt das dem globalen Klima, wenn ein Land wie China 23,4 Prozent der Emissionen verantwortet?

Die Schweiz ist für die Emissionen in China mitverantwortlich. Wir importieren sehr viele Güter und verursachen die Hälfte unserer Emissionen im Ausland, etwa durch die Produktion unserer iPhones und Autos. Zudem ist es für die Glaubwürdigkeit in der internationalen Politik essenziell, dass wir auch die Emissionen im eigenen Land reduzieren.

Laut einer GfK-Umfrage fürchten sich 11 Prozent der Befragten vor Umweltproblemen – 1988 waren es noch 74 Prozent. Was bedeutet das für die Schweizer Umweltpolitik?

Das Thema leidet unter einem Abnützungseffekt. Klimaprobleme sind schon so lange so dringend, dass die Leute allmählich das Interesse am Thema verlieren. Auch Meldungen über stets neue Temperaturrekorde wie in den vergangenen Wochen verlieren an Bedeutung, wenn eine Nachricht die andere jagt. Zudem hat die Welt derzeit durch die Flüchtlingsdebatte andere Prioritäten. Würde in Paris ein neues Abkommen geschlossen, könnte das neuen Schwung in die Debatte bringen.

Der Ständerat hat am 23. September das erste Massnahmenpaket zur Energiestrategie 2050 angenommen. Welches sind die wichtigsten Schritte in den nächsten Jahren?

Ein erster wichtiger Schritt ist die Erhöhung der Energieeffizienz. 40 Prozent des Stroms gehen ohne Nutzen verloren, beispielsweise beim Transport. Zudem müssten erneuerbare Energien ausgebaut werden.

Am Dienstag dieser Woche befasst sich das Parlament mit der Vorlage «Grüne Wirtschaft». Der Bundesrat will, dass natürliche Ressourcen effizienter genutzt werden. Welchen Stand hat die Vorlage?

Keinen leichten. Ich fürchte, das neugewählte, eher wirtschaftlich orientierte Parlament wird die positive Wirkung auf Wirtschaft und Umwelt noch weniger erkennen als das alte.

Schadet Umweltschutz der Wirtschaft?

Nein. Umweltschutz erfordert zwar Investitionen, je nach den politischen Rahmenbedingungen rechnen sich diese aber früher oder später. Wenn die Unternehmen sich frühzeitig mit Umweltschutz befassen, schaffen sie sich sogar einen Wettbewerbsvorteil.

Was tun Sie privat für das Klima?

Ich ernähre mich möglichst saisonal, regional und verzichte auf Fleisch. Und ich werfe keine Lebensmittel weg. So kann man den ökologischen Fussabdruck halbieren. Zudem heize ich mit 100 Prozent Biogas, und kürzlich bin ich erstmals seit 30 Jahren wieder privat geflogen.

Autor: Anne-Sophie Keller