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11. Februar 2013

Die Schicksalsmauer

Mit Schneeschuhen unterwegs im Walliser Val d’Hérémence, wo die Staumauer Grande Dixence steht. Das gigantische Betonmonument spielt eine wichtige Rolle in Urs Augstburgers Bergromanen «Graatzug» und «Wässerwasser».

Staumauer Grande Dixence
Neben den Bergen wirkt die eigentlich gigantisch 
grosse Staumauer Grande Dixence 
erstaunlich klein.

WEITERE SCHNEESCHUH-TOUREN
Weitere technisch unkomplizierte Routen für Entdeckungen in höheren Lagen: Hoch hinaus auf Schneeschuhen


DIE REPORTAGE
Es ist noch nicht lange her, da wohnten in diesen Ställen Königinnen. Und zwar solche der kampflustigen Art. Die Alp Noveli, zuhinterst im Val d’Hérémence, auf gut 2000 Metern, ist eine typische Walliser Alp: Die Wohnhütte, die Käserei und die Stallungen bilden einen Halbkreis um den Hauptplatz der Alp. Der Schnee auf den Holzdächern funkelt im Sonnenlicht, während unten im Tal noch alles im Schatten liegt. Ruhe herrscht hier. Kein Vergleich wohl zum Glockengeläut von vergangenen Sommern, als die Alp mit den berühmten, aus dem Wallis stammenden Eringer Kühen beweidet wurde. Bergführer Raphaël (51) erzählt uns, wie diese Kuhrasse jeweils am ersten Tag auf der Alp die Königin und die Hierarchie in der Herde bestimmt.

Die Königin bekommt den besten Platz auf der Weide

Schneeschuhtour im Val d'Hérémence: die Route.
Schneeschuhtour im Val d'Hérémence: die Route.

Eher klein, aber bullig und muskelbepackt stehen sie einander dann gegenüber, wirbeln mit den Vorderbeinen Staub auf, senken ihre Köpfe mit den kräftigen Hörnern, und dann wird Stirn an Stirn gekämpft. Die stärkste Kuh ist für die Saison die Königin und bekommt den besten Platz auf der Weide.

Irgendwie überrascht uns diese Eigenart der Walliser Kühe nicht speziell. So in etwa, stellen wir uns vor, wird man hier auch Dorfkönig oder Gemeindepräsident. Ein fieses Klischee? Das sei uns verziehen — immerhin werden wir von den Wallisern dafür als Üsserschwiizer (Ausserschweizer) bezeichnet.

Von Pralong, einem kleinen Weiler unten im Tal, sind wir vor knapp eineinhalb Stunden mit unseren Schneeschuhen losgestapft — durch den Wald hinauf in die Sonne. Die Alp Noveli liegt bereits unter uns, die Baumgrenze haben wir auch hinter uns gelassen und laufen nun im Zickzack einen steilen Hang nach oben. Unser Ziel ist es, so hoch aufzusteigen, dass wir den Seespiegel des Lac de Dix sehen können. In den Büchern des Schweizer Schriftstellers Urs Augstburger heisst dieser «Ploner Stausee» und bildet die Kulisse für eine schauerliche Berg- und Familiensaga, die sich über knapp 100 Jahre bis ins Jahr 2041 zieht. In «Graatzug» beschreibt Augstburger etwa sehr anschaulich die Arbeitsbedingungen beim Bau der Staumauer Grande Dixence und der zuführenden Stollen: «In den Berg fahren sie uns … ins Verderben. Zum Wohl der Allgemeinheit … Keiner wartet, bis die Wasserfontänen den Staub der Sprengungen zähmen … Es ist der Berg, der in uns eindringt, nicht umgekehrt. Der Staub zerfrisst uns. Du kennst sie nicht, diese Luft, Mutter! Dick und zähflüssig ist sie. Wir atmen sie ein und schwitzen sie schwarz wieder aus.»

Wie eine Hundehütte duckt sich das Hotel unter der Mauer

Zwischenetappe Alp Noveli, wo früher Eringer Königinnen hausten.
Zwischenetappe Alp Noveli, wo früher Eringer Königinnen hausten.

Auch wir kommen langsam ins Schwitzen. Knapp 1000 Höhenmeter haben wir zurückgelegt — und jetzt, auf 2600 Metern, blicken wir tatsächlich auf die gefrorene und schneebedeckte Wasserfläche des Lac de Dix mit der Staumauer davor. Die im Jahr 1961 fertiggestellte Talsperre weist eindrückliche Masse auf: Mit ihren 285 Metern ist sie die höchste Gewichtsstaumauer der Welt, an ihrer Sohle ist sie 200 Meter breit, gut sechs Millionen Kubikmeter Beton wurden verbaut. Mit dieser Menge könnte entlang des Äquators eine 1,5 Meter hohe und 15 Zentimeter breite Mauer rund um die Erde gebaut werden. Und trotzdem wirkt der Betonkoloss auf den ersten Blick gar nicht sonderlich beeindruckend. Erst im Vergleich mit dem davor liegenden Hotel Du Barrage erahnt man die Dimension: Wäre die Staumauer ein Wohnblock, so ginge der lange, achtstöckige Hotelbau gerade mal als Hundehütte durch.

Hüpfend, manchmal rutschend gehts durch den weichen Schnee

Warum die Staumauer uns gar nicht so gross vorkommt? Weil die Berge rundherum halt trotzdem viel imposanter sind. Unter den Augen einer Herde von Gämsen weiter oben am Berg machen wir uns an den Abstieg. Bergführer Raphaël entscheidet sich für die Direttissima, den direkten Weg, nach unten. Leicht hüpfend und manchmal auch rutschend gehts durch den weichen Schnee — ein Genuss und erst noch gelenkschonend. Weiter unten ist der lichte Wald von vielen Felsbrocken durchsetzt, die jetzt unter der Schneedecke wie überdimensionale Pilze anmuten. Ganz allein sind wir in diesem Märchenwald unterwegs und erreichen bald wieder die Talsohle. Auch hier ist die Mauer der Grande Dixence nicht zu übersehen. Der See, 400 Millionen Kubikmeter gestautes Wasser, wird von 35 Gletschern gespeist.

Nur eine Naturkatastrophe von der Anarchie entfernt

So richtig zur Geltung kommt die Grösse der Staumauer durch den Vergleich mit dem achtstöckigen Hotel davor.
So richtig zur Geltung kommt die Grösse der Staumauer durch den Vergleich mit dem achtstöckigen Hotel davor.

Diese Gletscher gibt es in Augstburgers Roman «Wässerwasser» nicht mehr. Im Jahr 2041, nach der Klimaerwärmung, befindet sich die Welt, die er schildert, im Wasserkrieg. Selbst in den Walliser Bergen sinken im Sommer die Temperaturen kaum mehr unter 35 Grad, Klimaflüchtlinge machen die Gegend unsicher, und «wie alle europäischen Demokratien ist auch die Schweiz immer nur eine Naturkatastrophe weit von der Anarchie entfernt». Von den Feuilletons wurde Urs Augstburger auch schon als «Der T.C. Boyle der Alpenliteratur» benannt. Denn der 48-jährige Schweizer versteht es, gründlich recherchierte Fakten raffiniert mit erfundenen Geschichten zu verbinden und thematisiert gerne den Kampf von Zivilisation und Wildnis.

Der Stausee wird von 35 Gletschern gespeist.

Vereiste Sträucher am Wegrand
Vereiste Sträucher am Wegrand.

Gerade «Wässerwasser» ist wohl auch als Plädoyer zu verstehen — lässt Augstburger doch einen Protagonisten sagen: «Wir wollen den CO2-Ausstoss auf den Stand von 1970 zurückschrauben … In Sachen Klimaschutz führt der Weg vorwärts zurück.» Auch wir lassen unsere Gedanken nun wieder aus des Schriftstellers düsterer Zukunft zurück ins Heute schweifen, geniessen trotzdem die letzte halbe Stunde im Schnee und freuen uns auf die wohlige Wärme des Restaurants in Pralong.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Thomas Senf