Archiv
24. Oktober 2016

Die Rückkehr des Muddy W.

‹Torneró› von I Santo California
«‹Torneró› von I Santo California. Marter für Elternohren.»

Mir ist wieder eingefallen, was ich Ihnen erzählen wollte, letzte Woche. Wir hatten es ja von den Compact Discs. «Darf ich die Lieblings-CD meiner Kinder, die sie rauf und runter hören und die mich zur Weissglut bringt, zerkratzen und entsorgen?», fragte mich vor Jahren ein Herr Gmünder. «Dürfen Sie nicht», schrieb ich zurück. «Sie trieben die Kleinen nur in die Beschaffungskriminalität, denn sie würden die CD illegal herunterladen. Sie! So was können heute schon Dreijährige. Nein, die Lieblingsmusik der Kinder, ihre Hörspiele und Märchen-CDs, all dies gehört zu den Dingen, die man sich vorher hätte überlegen müssen – ehe man eine Familie gegründet hat. Da müssen Sie jetzt durch. Und liessen unsere Eltern uns unseren Mist nicht auch pausenlos hören? In meinem Fall ‹Tri, tra, trallala, de Chasperli isch da!› und die Schnulze ‹Torneró› von I Santo California. Marter für Elternohren.»

Bänz Friedli macht Musik-Entdeckungen
Bänz Friedli (51) macht Musik-Entdeckungen.

Er solle sich mal in meine Lage versetzen, gab ich dem enervierten Vater zu bedenken: «Tausende von LPs und CDs hab ich rumstehen, wie gern würd ich mal wieder ‹Muddy Waters live at Newport› hören! Stattdessen bestimmen die Kinder, was erklingt … Im schlimmsten Fall: das ‹Hippigschpängschtli›. Und sind sie mal ausser Haus, kommt meine Musik auch nicht zum Zug, ich würde ja sonst ihr Klingeln nicht hören, wenn sie heimkommen.» Ich schloss: «Herr Gmünder! Sie müssen jetzt tapfer sein. Wer Kinder bekommt, gehört vorübergehend nicht mehr sich selbst. Aber gemach. Dieses ‹vorübergehend› dauert nur 15, 16 Jahre. Und sind die Kinder erst einmal draussen, werden Sie heimlich wieder die CD hervorholen, die Sie immer so genervt hat, aus lauter Längizyti. Allein deshalb sollten Sie sie jetzt nicht zerkratzen. Herzlich, Ihr Bänz Friedli.»

Heute, einige Jahre später, weiss ich: Es kommt gut. Dank unserer Teenagerkinder hab ich wunderbare neue Musik entdeckt, den feinen Songwriter Ed Sheeran, den Rapper Macklemore …

Und wenn man gelassen bleibt, geschieht eines Tages gar das Wunder: «Was ist denn das Geiles?», entfuhr es unserem Sohn jüngst in einer Kleiderboutique ob des Sounds aus den Boxen. «Das», sage ich ruhig und lasse mir den Triumph nicht anhören, «das ist ‹Muddy Waters live at Newport›.» – «Muddy was?» – «Waters.» Wenn man einen Jugendlichen nicht bedrängt, ist auch für ihn eines Tages die Zeit gekommen, um die Urkraft des Blues zu entdecken. Kaum daheim, riss er «At Newport» aus dem Regal. Seither läuft der alte Muddy pausenlos. Unter uns, Herr Gmünder: Es könnte einem fast zu viel werden …

Bänz Friedli live: 27. 10. Biel; 4. 11. Thal SG

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
Abonnieren: Hörkolumnen mit RSS-Client
Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli