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20. Februar 2017

Die Risiken der Online-Geldspiele

Ausländische Online-Geldspiele sollen in der Schweiz zugelassen bleiben. Doch gerade sie bieten oft keinen wirksamen Schutz vor problematischem Spielverhalten. Sechs Prozent der Bevölkerung gelten als süchtig. Die Expertin klärt auf.

Dem Online-Glücksspiel verfallen
Dem Online-Glücksspiel verfallen: Besonders Männer gelten als suchtgefährdet. (Bild: Getty Images)

Tausende von Schweizerinnen und Schweizern spielen online um Geld. Der Plan, ausländische Websites für das Glücksspiel zu sperren, ist verworfen worden: Im Januar hat die Rechtskommission des Nationalrats mit 13 zu 12 Stimmen entschieden, dass ausländische Internetportale in der Schweiz nicht blockiert werden sollen.

Netzsperren seien unverhältnismässig, leicht zu umgehen und technologiefeindlich, sagt Beat Flach (52), GLP-Nationalrat und Mitglied der Rechtskommission. «Ginge es wirklich um Prävention, müsste man auch Websites sperren, die illegale Medikamente verkaufen», sagt Beat Flach.

Detlef Brose (53), CEO des Grand Casino Baden, widerspricht: «Die Einführung von Netzsperren ist ein geeignetes Mittel.» Sie stellten sicher, dass die in der Schweiz umgesetzten Spielgelder auch hier versteuert und letztlich der AHV zugutekämen. Sie gewährleisteten die Konkurrenzfähigkeit der Schweizer Casinos. Ausserdem stellten die aus dem Ausland operierenden Anbieter keinen wirkungsvollen Schutz vor problematischem Spielverhalten sicher.

Hier setzt Sucht Schweiz an: In ihrem eben publizierten Suchtpanorama widmen sich die Präventionsexperten den Herausforderungen des Geldspielmarkts im Netz. «Online-Geldspiele bergen besondere Risiken», sagt Silvia Steiner, die Leiterin des Bereichs Prävention bei Sucht Schweiz (siehe unten).
In der Frühjahrssession, ab 27. Februar, befindet der Nationalrat über das neue Geldspielgesetz. 

EXPERTIN SILVIA STEINER

«Mit mobilen Geräten hat man quasi ein Casino im Hosensack»

Silvia Steiner (43)
Silvia Steiner (43) ist Leiterin Prävention bei Sucht Schweiz.

Silvia Steiner (43) ist Leiterin Prävention bei Sucht Schweiz.

Was halten Sie von Online-Glücksspielen, die nicht reguliert werden?

Wir befürchten, dass der Schwarzmarkt, also das illegale ausländische Angebot, ohne Netzsperren riesig sein wird. Bis heute gibt es mehrere Tausend Websites, auf denen mit realem Geld gespielt werden kann. Bei diesen Sites gibt es keine Spielerschutzmassnahmen, deshalb besteht ein grösseres Risiko.

Wäre eine Sperre von ausländischen Websites nicht ohnehin illusorisch und leicht zu umgehen?

Uns ist bewusst, dass sie nicht vollständig greifen würde. Doch die Erfahrung in anderen Ländern, die IP-Blocking nutzen, zeigt, dass es wirksam ist. Die Leute sind gewillt, die Angebote im eigenen Land zu nutzen, wenn sie attraktiv gestaltet sind. Viele schätzen es durchaus, wenn eine Website sicher ist und über Spielerschutzmassnahmen verfügt.

Wie viele Menschen spielen hierzulande denn Glücksspiele im Netz?

Die Zahl der Spielerinnen und Spieler ist nicht bekannt. Eine Studie der Uni Bern schätzt das Marktvolumen an illegalen Online-Casinospielen in der Schweiz auf 80 Millionen jährlich.

Welche Spiele sind am beliebtesten?

Poker und Sportwetten. Beim Sport ist der internationale Aspekt attraktiv, und auch beim Poker schätzen die Spieler es, sich mit Leuten auf der ganzen Welt zu messen.

Weshalb gelten Online-Glücksspiele aus Sicht der Prävention als besonders riskant?

Sie sind 24 Stunden lang verfügbar, mit mobilen Geräten hat man quasi ein Casino im Hosensack. Die sozialen Kontakte fehlen und mit ihnen die Kontrolle. Kein Freund sagt: «Hey, jetzt reichts!» Keine Casinoangestellte wird aufmerksam. Das Tempo ist hoch: Man kann gleichzeitig auf verschiedenen Plattformen spielen und den Gewinn augenblicklich neu setzen. Und weil man nie Geld in die Hand nimmt, wird einem weniger bewusst, wie viel davon im Spiel ist.

Online-Anbieter haben viele Informationen über die Spieler. Wie nutzen sie die?

Wir sprechen vom gläsernen Spieler: Der Anbieter weiss, was jeder wann spielt, wie viel Geld er einsetzt. Man kann dieses Wissen zur Früherkennung einsetzen und reagieren, wenn gewisse Zeit- und Geldlimiten überschritten werden. Oder man nutzt das Wissen dazu, den Spieler mit gezielter Werbung anzulocken. Das heutige Gesetz verpflichtet Swisslos und die Loterie Romande – derzeit die einzigen legalen Anbieter in der Schweiz –, einen Spieler zu kontaktieren oder zu sperren, wenn es kritisch wird. Die ausländischen Anbieter dagegen kann man nicht in die Pflicht nehmen.

Wer ist denn suchtgefährdet?

1,1 Prozent der Bevölkerung – das entspricht rund 75 000 Personen – gelten als spielsüchtig oder problematische Spieler. Experten gehen ­davon aus, dass es bei Geldspielen im Netz gar über 6 Prozent sind. Männer sind deutlich öfter betroffen, vor allem jüngere und solche mit tieferer Bildung und niedrigem Einkommen.

Wie gefährlich ist Spielsucht verglichen mit problematischem Alkohol- und Tabakkonsum?

25 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer rauchen, der grösste Teil ist nikotinabhängig. 250'000 Männer und Frauen sind abhängig von Alkohol. Eine neue Studie aus Australien kommt zum Schluss, dass die gesundheitliche und soziale Schadenslast exzessiven Geldspiels für die Gesellschaft vergleichbar ist mit derjenigen von Alkoholsucht und Depressionen. Auch die persönlichen Kosten sind hoch: Die Spielsüchtigen, die im Zentrum für exzessives Glücksspiel in Lausanne therapiert werden, haben Schulden in der Höhe von durchschnittlich 64'000 Franken.

Infos: www.suchtschweiz.ch/gluecksspiel

Autor: Monica Müller