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21. September 2015

Die Retterin der Venus

Samira Thomen schreibt Geschichten, um sich zu entspannen. Nach einem nervigen Schultag zum Beispiel. Im Frühling hat ein kleiner Verlag das erste Buch der 15-Jährigen publiziert. «Der Planetenmacher», in dem ein Mädchen der Venus zu Hilfe eilt, soll nur der Anfang sein.

Samira Thomen
In der kleinen Bibliothek von Niederweningen ZH hat Samira Thomen von klein auf alles gelesen, was ihr in die Finger kam.

Ein lauter Freudenschrei hallt durchs ganze Haus. Samira Thomen steht im Wohnzimmer, ein Buch in den Händen, neben ihr ein ausgepacktes Paket. Der Roman ist ihr eigener, «Der Planetenmacher», mit Cover und allem Drumherum, ein richtiges, echtes Buch! «Das war ein fantastisches Gefühl», sagt sie und lächelt beim Gedanken an die Szene, die sich im Frühling im Haus der Familie Thomen in Niederwenigen ZH abgespielt hat.

Samira ist gerade mal 15 Jahre alt, schreibt aber schon, seit sie zehn ist. Für sich, aber auch für ihre Familie und Freundinnen. Seit knapp einem Jahr betreibt sie eine eigene Website , auf der ihre Geschichten zu finden sind. Mit der Publikation ihrer 250 Seiten starken Fantasy-Story hat sich nun ihre Leserschaft deutlich vergrössert. 120 von 150 gedruckten Büchern sind verkauft, die zweite Auflage bereits gedruckt.

Samira liebt Bücher, gedruckte Bücher – einen E-Reader hat sie nicht. «Ich mag es, etwas in den Händen zu halten und zu blättern.» Schon im Kindergarten konnte sie lesen, in der Primarschule verschlang sie alles, was ihr in der kleinen lokalen Bibliothek in die Finger kam: zuerst Krimis, später Fantasy- und Young-Adult-Geschichten. «Als ich zehn war, verbrachte ich einen Tag mit einer Freundin, und wir langweilten uns. Da fand sie: Komm, wir schreiben ein Buch!» Ihre Freundin musste dann irgendwann gehen, Samira schrieb weiter und weiter, und so entstand ihre erste Geschichte, ein Krimi um eine Jugendbande.

«Ich habe dabei ein bisschen von Thomas Brezina abgekupfert», räumt sie ein, einem Jugendbuchautor, den sie zu der Zeit gern las. Aber sie merkte: Schreiben macht Spass. Und anders als jene Freundin, die sie ursprünglich auf die Idee gebracht hatte, schrieb sie weiter. «Es ist meine Art zu verarbeiten, was ich erlebe, was ich denke und fühle», sagt sie. Manche Texte sind auch so persönlich, dass sie niemand anders zu sehen bekommt, andere stellt sie auf ihre Homepage und freut sich über Feedback.

Hier entstehen Samiras Geschichten.
Hier entstehen Samiras Geschichten.

Meist schreibt sie in ihrem Zimmer, auf dem Bett, dem flauschigen Teppich oder ganz klassisch am Tisch. Und in der Regel abends nach der Schule, am Wochenende oder in den Ferien, «halt dann, wenn ich Zeit habe». Seit sie am Gymnasium Bülach ZH zur Schule geht, gibt es allerdings immer wieder mal Wochen, wo sie vor lauter Hausaufgaben und Lernen kaum dazu kommt. «Manchmal kommt sie so richtig schlecht gelaunt nach Hause», erzählt ihre Mutter Maja Thomen (47), «dann sage ich: Geh doch was schreiben. Das tut sie, und danach geht es ihr gleich besser.» Thomen ist Primarlehrerin und sichtlich stolz auf ihre Tochter. «Mich hat vor allem beeindruckt, dass sie an ihrem Buch drangeblieben ist. Das ist ja in dem Alter gar nicht selbstverständlich.»

Mit 11 begann Samira das Buch zu schreiben

«Der Planetenmacher» ist eine klassische Young-Adult-Story: Ein zunächst ganz normales, wenn auch etwas zickiges Teenagermädchen entdeckt, dass ihre Familie ursprünglich von der Venus kommt und der Nachbarplanet in seiner Existenz bedroht ist. Einzig sie und ein anderes Mädchen können die Venus retten. Und ganz nebenbei lernt die Heldin dabei auch, dass es Wichtigeres im Leben gibt, als die richtige Frisur, Mode und knackige Jungs.

Samira war 11, als sie die Geschichte zu schreiben begann, mit 13 war sie fertig, mit 14 überarbeitete sie sie nochmals komplett, weil sie gewisse Passagen nicht mehr überzeugend fand. Zudem holte sie sich Feedback von ihrer Mutter, ihrem Vater, einer Schreibfreundin und ihrem Grossvater. Er war es auch, der die Idee ins Spiel brachte, dafür einen Verlag zu suchen. «Ich habe dann sechs angeschrieben, ein paar gaben nicht mal eine Antwort, andere lehnten ab.»

Schliesslich jedoch bekam sie aus der Nachbarschaft eine Zusage, vom kleinen Vicon-Verlag in Niederhasli ZH. «Ich fand die Geschichte toll», sagt Conny Vischer (50), die den Verlag im Alleingang neben ihrem eigentlichen Job als Pflegefachfrau betreibt und mittlerweile ein gutes Dutzend Bücher publiziert hat. «Vor allem war ich beeindruckt, weil Samira noch so jung ist.» Vischer sieht bei ihr Potenzial und würde gern auch weitere Romane der Jungautorin veröffentlichen.

Das trifft sich gut, denn Samiras Traum ist es, eine richtige Schriftstellerin zu werden. Sie ist auch schon an diversen Lesungen vor jugendlichem Publikum aufgetreten, immer mit grossem Lampenfieber, aber doch auch ein bisschen stolz. Samira ist jedoch nicht nur selbstbewusst, sie ist auch realistisch: «Ich weiss natürlich, wie schwierig es ist, von der Schriftstellerei zu leben, deshalb habe ich einen Plan B.» Sie möchte Journalistin werden, in der Hoffnung, dies dann mit dem Schreiben von Romanen kombinieren zu können. Sie weiss aber auch, dass es bis zur Berufswahl noch ein paar Jahre dauert. «Wer weiss, vielleicht ist ja bis dahin schon wieder alles ganz anders.»

Samira Thomen Buch: «Der Planetenmacher», Vicon-Verlag 2015, bei Ex Libris für 13.25 Franken; Lesung: 4. Oktober, Bücheler-Hus, Kloten ZH

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Tanja Demarmels