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23. April 2012

«Die Rega gehört allen Schweizern»

Die Rega feiert dieses Jahr ihren 60. Geburtstag. CEO Ernst Kohler über glänzende Zahlen trotz hoch defizitärer Einsatzbasen, den Umgang mit Leid und Tod und den Nutzen der Rega-App.

Ernst Kohler vor dem Gebirgshelikopter 
Da Vinci
Ernst Kohler vor dem Gebirgshelikopter 
Da Vinci, den der Hersteller speziell für die Rega angepasst hat.

Filmausschnitte zum Thema:
Rega-Einsatz in der Felswand
Rega-Einsatz Kind mit Fieberkrampf
Rega-Einsatz am Eiger

Kein Theoretiker: Rega-CEO Ernst Kohler war jahrelang als Bergretter im Einsatz.
Kein Theoretiker: Rega-CEO Ernst Kohler war jahrelang als Bergretter im Einsatz.

Ernst Kohler, mussten Sie schon einmal die Rega zu Hilfe rufen?

Ich weiss gar nicht, wie oft ich in den 20 Jahren als Bergretter die 1414 respektive ihre Vorgängernummern gewählt habe. Ich habe ja dann auch, als ich 2006 zur Rega wechselte, die meisten Mitarbeiter schon vom Telefon gekannt.

Persönlich haben Sie die Rega nie gebraucht?

Nein. Einmal musste einer meiner Söhne nach einem Skiunfall mit einer Knieverletzung ins Spital geflogen werden. Und noch früher wurde mein Grossvater von der Rega geborgen, nachdem er beim Wandern einen tödlichen Herzinfarkt erlitten hatte. Ski- und Wanderunfälle — beides sind klassische Rega-Einsätze.

Und die Bergrettung? Die Medien berichten immer wieder über Bergsteiger, die sich retten lassen, weil sie sich überschätzt haben.

Die Rega ist durch die Bergrettung gross geworden. Das ist auch heute noch ihr Nimbus. Und Unfälle in der Eigernordwand, am Piz Bernina sind nun einmal medial interessanter, als wenn sich Herr Meier beim Wandern den Fuss vertritt. Die mit Abstand meisten Einsätze im Gebirge resultieren aber aus normalen Ski- und Wanderunfällen.

GPS, Handys, Apps: Machen die neuen Alarmierungsmöglichkeiten leichtfertiger?

Nein, das Risikoverhalten hat sich nicht gross verändert, und auch die Hemmschwelle, die Rega zu alarmieren, ist nicht merklich gesunken. Leute, die sich überschätzen oder mangelhaft ausgerüstet sind, hat es vor 20 Jahren schon gegeben. Was wir hingegen feststellen ist, dass es aufgrund der neuen Alarmierungsmöglichkeiten viel weniger wirklich grosse, schwere Unfälle gibt. Eben gerade weil man rechtzeitig alarmieren kann. Früher ist man auf Biegen oder Brechen abgestiegen, in die Nacht hinein. Und nach einer zwölfstündigen Tour ist dann der schwere Unfall passiert.

Im Februar 2011 hat die Rega eine eigene Notfall-App lanciert. Was sind Ihre Erkenntnisse aus den bisher rund 300 Ernstfallalarmierungen?

Die Gratis-App ist für unsere Einsatzzentrale Gold wert. Wer damit den Alarm auslöst, übermittelt gleichzeitig seine Koordinaten an die Rega. So konnte beispielsweise ein im letzten Frühling im Bündnerland verunglückter Gleitschirmpilot erst lokalisiert werden, nachdem er unsere App heruntergeladen hatte. Gefunden wurde er schliesslich 70 Kilometer vom Absturzort entfernt, den er zuvor telefonisch durchgegeben hatte. Der Sturz hatte ihn wahrscheinlich verwirrt: Die App rettet wirklich Leben.

Sie sind seit sechs Jahren bei der Rega. Welches war Ihr denkwürdigster Tag?

Es hat eine ganze Menge Höhepunkte gegeben, beispielsweise die Beschaffung eines neuen Gebirgshelikopters oder erst kürzlich eines Flugsimulators. Es gab aber auch einen ganz dunklen Tag.

Sie sprechen den 3. Januar 2010 an, als im Diemtigtal ein Rega-Arzt in einem Lawinenkegel ums Leben kam.

Unsere Leute in der Einsatzzentrale arbeiten an einem schönen Wochenende ja oft einen Unfall, ein Drama nach dem anderen ab. Jemand kollabiert, wird reanimiert, und eine halbe Stunde später funkt der Pilot, du, der Patient ist leider gestorben, wir fliegen zurück. Das darf einen dann nicht aus den Schuhen hauen, das gehört zum Alltag. Aber wenn es einen der eigenen Leute trifft, dann …Ich will jetzt nicht sagen, es lähmt die ganze Organisation, schliesslich laufen die anderen Einsätze parallel weiter. Aber man wird daran erinnert, dass beim Einsatz immer ein Restrisiko mitfliegt. Andererseits: Wer sich bei der Rega bewirbt, weiss, dass er nicht Schoggi verkaufen wird.

Wie sind Sie ganz persönlich mit dem Unglück umgegangen?

In den 20 Jahren als Bergretter musste ich immer wieder am eigenen Leib feststellen, dass das Leben etwas ganz Fragiles ist, dass die Welt von einem Moment auf den anderen ganz anders aussehen kann. Ich glaube, das hilft mir, solch einen Verlust mit der notwendigen Distanz professionell anzugehen. Und dann gibt es immer wieder private Freiräume, um ganz für sich allein über den Sinn des Lebens nachzudenken.

In den letzten drei Jahren führte die Rega wesentlich weniger Rückführungen aus dem Ausland durch als zuvor. Weshalb?

Erst einmal hat die Reiselust abgenommen. Dann hat sich die Qualität der medizinischen Versorgung im Ausland stetig verbessert. Es gibt immer weniger medizinische Gründe, einen Patienten aus dem Nahen Osten oder Amerika in die Schweiz zu verlegen — zumal eine Rückführung schnell mal einige 10'000 Franken kostet. Ein weiterer Grund ist der Kostendruck im Gesundheitswesen. Die Versicherungen betreiben unterdessen ein knallhartes Schadenmanagement und drängen darauf, dass der Patient lieber eine Woche länger vor Ort im Spital bleibt und dann mit einem Linienflug heimkommen kann.

«Wir wollen der Bevölkerung 365 Tage im Jahr die Sicherheit geben, dass wir sie von jedem Punkt der Welt aus nach Hause holen können», betont der Rega-Chef.
«Wir wollen der Bevölkerung 365 Tage im Jahr die Sicherheit geben, dass wir sie von jedem Punkt der Welt aus nach Hause holen können», betont der Rega-Chef.

Das heisst, die Rega wird ihre drei Ambulanzjets irgendwann einmotten?

Keinesfalls. Wir wollen der Bevölkerung rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, die Sicherheit geben, dass wir sie von jedem Punkt der Welt aus nach Hause holen können. Um dieses Versprechen einzulösen, braucht es diese Flotte. Ein schöner Luxus, den sich die Schweiz da dank der Rega-Gönnerschaft leistet, könnten Sie jetzt sagen. Ich vergleiche die Rega mit der Feuerwehr, die eine Leiter braucht, die fürs höchste Gebäude reicht. Sie kann auch nicht einfach sagen, solch eine lange Leiter brauchts nur alle fünf Jahre, wir verzichten darauf.

Ein Ambulanzjet ist mit rund 50 Millionen Franken aber etwas teurer …

Das stimmt natürlich (lacht).

Das Umlauf- und Anlagevermögen der Rega beläuft sich auf rund 470 Millionen Franken. Auf den ersten Blick hat man das Gefühl, der Rega gehe es glänzend.

Die Rega ist sehr solid, das ist auch auf den zweiten Blick so. Und Gott sei Dank ist es so, dass es in der Schweiz mit der Rega eine Organisation mehr gibt, die nicht am Hungertuch nagt. Die zu 100 Prozent eigenfinanziert ist, vom Staat keinen einzigen Rappen braucht, die seit den 90er-Jahren weder die Gönnerbeiträge erhöht hat noch die Flugminutentarife gegenüber den Versicherern, wie Krankenkassen.

Sie stehen finanziell so gut da, dass Sie zwei Jahre lang ohne Gönnerbeiträge auskommen könnten …

Wenn wir allein unsere Ambulanzjets, und diese Frage stellt sich in den nächsten Jahren, mit moderneren Maschinen ersetzen, dann sind 150 Millionen aus der Investitionsreserve weg. Wir haben gerade erst eine Investition von 100 Millionen Franken für neue Gebirgshelikopter getätigt, in einigen Jahren steht der Ersatz der Flachlandhelikopter an. Kosten: weitere 80 Millionen Franken. Und Hand aufs Herz: Die Schweizer Bevölkerung hat sich an die Rega gewöhnt. Wir können doch nicht morgen sagen, wir müssen den Gürtel enger schnallen, und beispielsweise die Basis Samedan schliessen und das Engadin künftig ab Untervaz bedienen. Der schweizweite Service public der Rega ist zwar hoch defizitär, aber er rettet mit Sicherheit viele Leben.

Der schweizweite Service public ist hoch defizitär, aber er rettet viele Leben.

Wie defizitär?

Die drei Helibasen meines Heimatkantons Bern beispielsweise machen jährlich rund sechs Millionen Franken Defizit. 70 Minuten pro Tag ist ein Heli durchschnittlich in der Luft, die restliche Zeit ist Warten angesagt, um einer in Not geratenen Person innert 15 Flugminuten Hilfe leisten zu können. Luftrettung ist kein Geschäft, soll es auch nicht sein.

Aus welchen Gründen soll ich Rega-Gönner werden?

Weil es wichtig ist, dass es die Rega gibt. Der Gönnerbeitrag ermöglicht die Luftrettung überhaupt erst. Als Dank erlassen wir die Kosten eines allfälligen Einsatzes, wenn keine Versicherungsdeckung besteht. Nehmen Sie beispielsweise eine nicht berufstätige Mutter, die beim Skifahren verunglückt. Als nicht Berufstätige ist sie über die Krankenkasse unfallversichert. Gemäss Krankenversicherungsgesetz werden jedoch nur 50 Prozent der Transport- und Rettungskosten übernommen. Das Gleiche gilt bei einem Herzinfarkt. Wenn der Rega-Einsatz 3000 Franken kostet, besteht da schnell einmal eine Lücke. Die Rega-Gönnerschaft ist also wahrlich kein Luxus.

Das Bundesgericht hat Ende 2011 entschieden, dass die Rega Mehrwertsteuer auf ihren Gönnerbeiträgen zahlen muss. Damals erklärten Sie, dagegen politisch ankämpfen zu wollen. Wie ist mittlerweile der Stand der Dinge?

Wir zahlen seit 2009 schön brav Jahr für Jahr zwischen fünf und sechs Millionen Franken Mehrwertsteuer. Auch wenn wir dezidiert der Auffassung sind, dass es politisch nicht korrekt ist, unserer gemeinnützigen Arbeit jährlich den Gegenwert eines halben Rettungshelikopters zu entziehen. Die Rega ist eine Stiftung, die im Auftrag der Bevölkerung der Schweiz eine staatlich hoheitliche Aufgabe wahrnimmt. Und zwar ohne dass dies den Staat einen einzigen Franken kostet. Im Moment ist eine parlamentarische Initiative hängig. Und ich appelliere an die Vernunft des Parlaments …

Sie haben angeblich sogar mit der Idee einer Volksinitiative gespielt …

Hab ich das? (lacht)

Die Rega ist eine der Lieblingsmarken der Schweizer Bevölkerung, hat einen grossen Fanclub. Sie hätten bestimmt gute Chancen.

Die Rega gehört den Schweizerinnen und Schweizern, den Gönnern und Gönnerinnen. Vielleicht müsste man tatsächlich sie fragen, ob sie weiterhin bereit sind, acht Prozent ihrer 30 Franken zu Gunsten der Rega der Staatskasse abzuliefern.

60 Jahre Rega. Was wünschen Sie sich?

(Ernst Kohler zückt sein Portemonnaie und nimmt eine Plastikkarte heraus). Dass die Schweizer ihre Rega nicht nur lieben, sondern künftig jede und jeder einen Rega-Gönnerausweis auf sich trägt.

Autor: Reto Wild, Almut Berger