Archiv
12. März 2012

«Die Qualität darf nicht leiden»

Désirée Anja Jäger (33), Geschäftsführerin der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung (SGAB) und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Zürich.

Désirée Anja Jäger (33) Geschäftsführerin der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung (SGAB).
Désirée Anja Jäger (33) Geschäftsführerin der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung (SGAB).

Désirée Anja Jäger, welches sind die Gründe für den Fachkräftemangel?

Dafür gibt es drei Gründe: Erstens den demografischen Wandel, also den kleiner werdenden Anteil von jungen Leuten an der Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten. Zweitens die Ausbildungswege der Jugendlichen. Vor allem Jugendliche mit niedrigen Bildungsansprüchen absolvieren eine Grundausbildung und steigen danach häufig direkt in die Arbeitswelt ein, anstatt eine höhere Berufsbildung anzustreben. Und drittens mangelt es an Gründungen von innovativen KMUs, die weitere attraktive Ausbildungssplätze bieten würden.

Sind verkürzte Ausbildungen und Angebote für Quereinsteiger die Lösung für das Problem des Personalmangels in einzelnen Branchen?

Nein, diese können nicht der alleinige Ansatz für die Lösung des Problems sein. Aber verkürzte Ausbildungen entsprechen dem starken aktuellen Bedürfnis nach Zusatzqualifikationen und Flexibilisierung. Der heutige Trend zeigt: Alle zwei bis drei Jahre wird die Firma gewechselt oder gar die Branche. Die Menschen gestalten ihre Berufsbiografie aktiver. Das durchlässige Schweizer Bildungssystem lässt die häufigen Wechsel zu, und immer öfter wird Quereinsteigern ihre Bildungsleistung anerkannt.

Wo liegen die Gefahren?

Die verkürzten Ausbildungen dürfen auf keinen Fall zu einem «Jekami» werden. Die hohe Qualität der Ausbildungen, durch die sich das Bildungssystem der Schweiz auszeichnet, darf nicht leiden oder abgebaut werden. Vielmehr sollen verkürzte Ausbildungen spezifische Bedürfnisse befriedigen und bestimmte Zielgruppen ansprechen, wie beispielsweise das zweijährige eidgenössische Berufsattest, das vor allem für eher praktisch begabte Jugendliche gedacht ist.

Es macht den Anschein, dass bei verkürzten Ausbildungen vor allem der praktische Teil leidet.

Den praktischen Teil der Ausbildung zu verkürzen, entspricht der allgemeinen Entwicklung. Die Schweiz gehört im Vergleich aber eher zu denjenigen Ländern, mit einem überdurchschnittlich hohen Praxisanteil in der beruflichen Ausbildung.

Wie sieht die Situation in den Nachbarländern aus? Ist das Phänomen des Fachkräftemangels nur in der Schweiz anzutreffen?

Auch Deutschland und Österreich kämpfen mit einem Mangel an Fachkräften. Und auch Frankreich bemüht sich um eine Flexibilisierung im Bildungssystem. In ganz Europa ist ein gewisser Trend spürbar hin zu flexibleren Ausbildungen.

Wann entscheiden sich Leute für einen Quereinstieg in eine andere Branche?

Häufig geht dieser Entscheidung ein Bruch in der eigenen Biografie voraus, der den Wunsch nach Veränderung und Neuorientierung hervorruft. Für einen möglichen Bruch gibt es zahlreiche Gründe.

Wie entscheidend für einen Berufswechsel ist die Länge einer Ausbildung und die Tatsache, dass diese mit einem Lohn abgegolten wird?

Sicher ergreifen viele Personen die Chance, mit reduziertem Aufwand eine neue Qualifikation zu erlangen. Die verkürzten Ausbildungen sind in diesem Sinne «ergiebiger». Lohneinbussen und Zusatzbelastungen sind für Familien nicht einfach.

Autor: Sandra Kohler