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30. Januar 2017

Die Qual der Wahl

die Auswahl von Starbucks
Früher gabs Kaffee warm oder heiss, heute überfordert die Auswahl von Starbucks & Co. bisweilen. Dasselbe gilt für andere Haushaltsbereiche ... (Bild: Keystone)

Es ist super, dass wir heutzutage so viele Wahlmöglichkeiten haben. Denken Sie zum Beispiel an Kaffee: Ich darf entscheiden, ob mein Espresso aus Kaffee- oder aus Sojabohnen gebraut wird, ob er mit Kuhmilch oder Kokosmilch serviert wird – oder ob «mit ohne» alles. Ich erinnere mich zwar nur dunkel, aber es gab mal eine Zeit, in der es diese Vielzahl an Möglichkeiten noch nicht gab. Kaffee war damals entweder heiss oder warm. Wie konnten wir diese Eintönigkeit nur überleben?

Meine Kinder haben keinen Schimmer, wie simpel der Alltag früher war. Sie glauben allen Ernstes, Auswahl sei eine Art Menschenrecht. Besonders deutlich wird das beim Thema Essen. Unser Morgen beginnt bereits im Konfigurationsmodus: Ida hätte gerne Cornflakes mit roten Früchten, aber auf keinen Fall mit der Drei-Prozent-Milch, sondern, bitte schön!, mit der in der blauen Verpackung. Eva sagt: «Ich nehme dasselbe wie meine Schwester, aber um Gottes willen ohne die ekligen getrockneten Himbeeren, Erdbeeren oder Kirschen in den roten Cornflakes. Während ich schon mal mit dem Aussortieren beginne, entscheidet sie sich nach langem Hin und Her noch für einen Joghurt mit Gänseblümchengeschmack (das Naturejoghurt von Lèger, falls Sie sich wundern ...).

Nun könnte der Zmorge richtig gemütlich werden, aber schon stehen die nächsten Entscheidungen an. Ida nimmt am liebsten einen Apfel in die Schule mit (einen sauren, mit mindestens einer grünen Seite, ohne braune Druckstellen). Eva würde hingegen lieber verhungern, als so eine ekelhafte, runde Frucht zu essen. Vielleicht eine Birne? «Nein, danke, zu saftig.» Mandarinli? «Zu trocken». Wie wäre ein Rüebli? Das Kind scheint damit leben zu können. «Aber nur, wenn es knackig und nicht zu gross ist.» Geschafft.
Als die beiden aus dem Haus sind, trinke ich ein Glas «Hahnenburger». Zum Wohl!

Kurz vorm Mittag habe ich schon wieder die Qual der Wahl. Spaghetti mit Sauce oder Fischstäbli mit Stocki kochen? Ich ertappe mich dabei, wie ich im Geiste sämtliche Varianten durchspiele. Teigwaren gehen immer, man kann dazu Ketchup, Pesto oder ausgelassene Butter reichen. Fischstäbli hingegen sind weniger flexibel, um nicht zu sagen «very old fashioned». Dann also Teigwaren. Während die Nudeln noch vor sich hin köcheln, formulieren die lieben Kleinen bereits ihre Wünsche. Eva will Carbonara. Ida Sugo. Vorbildliche Mütter setzen sich an der Stelle durch und stellen das Pestoglas auf den Tisch. Ich bin aber eher konfliktscheu und vielleicht auch ein bisschen müde vom vielen Diskutieren. Es gibt dann Spaghetti rot-weiss, und alle sind froh.
Später müssen wir nur noch entscheiden, mit welchem Bleistift Ida ihre Aufgaben erledigt (mit dem ergonomisch geformten oder mit dem normalen). Und Eva darf entweder in grünem oder in blauem Badewasser planschen. («Nein, Schätzeli, die rote Badewasserfarbe ist leer.»)

Abends fühle ich mich wie eine Mitarbeiterin bei Boston Consulting. Ich habe beraten, ich habe Vor- und Nachteile erklärt, habe den Entscheidungsfindungsprozess mit meinem fundierten Wissen unterstützt. (Wie doof, dass der Lohn in meinem Fall komplett ausfällt.) Als ich mit Herrn Leinenbach abends auf dem Sofa sitze, sehne ich mich nach einer altmodischen Tasse Kaffee. Mein Mann läuft zur Maschine, füllt den Wassertank auf und fragt: «Grün oder blau?».

Autor: Bettina Leinenbach