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10. Oktober 2016

Die pure Wolllust

Würste, Schinken, Schweinefüsse – es gibt kaum ein Lebensmittel, das Dominique Kähler Schweizer nicht aus Wolle anfertigt. Unter ihrem Pseudonym Madame Tricot startet die Strickkünstlerin gerade durch. Und erntet nicht nur positive Kritiken.

Dominique Kähler Schweizer alias Madame Tricot
Madame Tricot mag das Abgründige und Verderbliche. Inzwischen werden ihre Werke auch als Kunst in Galerien ausgestellt.

Nicht bei vielen Kunstwerken läuft dem Betrachter das Wasser im Mund zusammen. Bei jenen von Dominique Kähler Schweizer (67) kann das durchaus passieren. Denn die Künstlerin, besser bekannt als Madame Tricot, strickt Esswaren aus Wolle derart realistisch nach, dass selbst ihre beiden erwachsenen Töchter manchmal darauf hereinfallen. «Bei einer Preisverleihung freuten sie sich schon über das üppige Buffet mit unzähligen feinen Häppchen und merkten erst, als sie nähertraten, dass es Strickereien von mir sind», erzählt Dominique Kähler Schweizer und kann sich das Lachen nicht verkneifen.

Madame Tricot am Stricken
Madame Tricot in Aktion.

Schon als kleines Mädchen griff die gebürtige Französin zu Nadeln und Wolle. Ihre Lehrmeisterin war ihre Grossmutter. Aber erst im Rahmen ihrer Facharztweiterbildung zur Psychiaterin begann Madame Tricot, fast täglich mehrere Stunden lang zu stricken. «Während der Vorlesungen im Hörsaal schlief ich oft ein. Also brauchte ich eine Beschäftigung, die mich wach hielt», erinnert sich die Pariserin, die mit ihrem Schweizer Mann in Wil SG zu Hause ist. «Und es hat funktioniert.»

Von Anfang an sei das Stricken für sie eine Art Meditation gewesen, sagt Dominique Kähler Schweizer. «Wenn ich stricke, hat es in meinem Kopf keinen Platz mehr für andere Gedanken. Die würden nur stören.»

Keine Socken-Oma

So strickte sie auch an Neujahr 2012 gerade entspannt vor sich hin, als im TV eine Kochsendung lief und sie sah, wie der Fernsehkoch einen Fisch zubereitete. Warum nicht mal einen Fisch stricken?, überlegte sie sich. Gedacht, gestrickt! Das Ergebnis überzeugte sie, und die Töchter ermutigten die Mutter, es mal mit einem Poulet zu versuchen. Als auch das gelang, hatte die Künstlerin ihre Passion gefunden: das möglichst genaue Nachstricken von Objekten. Seither stellt Madame Tricot ihre Kunstwerke in Galerien aus, wird in TV-Sendungen eingeladen und erscheint in Magazinen wie der amerikanischen «Vogue Knitting». «Das ist schon verrückt. Ich reise dank der Strickerei um die ganze Welt.»

Doch nicht bei allen in der Strickerszene kommen ihre Objekte gut an. Das sei Verschwendung der schönen Wolle, sie solle doch lieber «etwas Nützliches» stricken wie Pullover, Schals oder Socken, bekommt sie zu hören. «Ich kann darüber nur schmunzeln. Ich stricke, was mir passt.» Sie sei eben keine Socken-Oma. «Einen Maler oder Bildhauer würde man ja auch nie fragen, wozu sein Werk dient, und ihm vorwerfen, dass er die Leinwand verschwende.»

Käse, gestrickt
So ein Käse!

Madame Tricot mag die Provokation. Das Nette und Brave ist ihr zu langweilig. Sie suche in ihrer Kunst nach dem Makabren, dem Abgründigen, dem Verderblichen, sagt sie. Gern stickt sie auf ihre Würste Schimmel und lässt sie so unappetitlich aussehen. «Mich fasziniert diese Grenze zwischen Leben und Tod. Dass aus totem Fleisch wieder etwas Neues entstehen kann.» Bei ihren Kunstwerken zieht die Künstlerin aber auch eine klare Grenze zwischen Leben und Tod: «Lebewesen stricke ich nicht nach, auch wenn ich es könnte. Aber das wären dann einfach seelenlose Plüschtiere.» Eine Seele nämlich könne sie unmöglich nachstricken. «Deshalb konzentriere ich mich auf verderbliches Material wie Fleisch.»

Besondere Liebe zu Innereien

Dass Madame Tricot mit Wollfleisch auch lustvolle und appetitliche Produkte kreiert, hat damit zu tun, dass Essen in ihrem Leben immer ein wichtiges Thema war. «Ich bin im Pariser Quartier Montmartre aufgewachsen. Dort hatte es eine kleine Metzgerei, die auf Innereien spezialisiert war. Mich hat das immer fasziniert. Meine Kunst ist auch eine Hommage an eine Zeit, in der man eben nicht nur Filets ass», sagt die Strickerin. Sie selbst liebe Innereien wie Kutteln, Milken oder auch deftige Fleischstücke wie Schweinefüsse. Und sie findet es schade, dass man heute kaum noch erkennt, woher das Fleisch eigentlich stammt. «Alles ist schön und fertig abgepackt.»

Schweinefüsse, gestrickt
Was für eine Schweinerei!

Deshalb kann sich Madame Tricot gut vorstellen, in Zukunft noch grössere Objekte vom Essen zu stricken. Eine ganze Schweinehälfte zum Beispiel. Auch an politische Themen möchte sie sich wagen. «Vielleicht stricke ich mal eine Burka», sagt sie. Das Verbot fände sie nämlich nicht die richtige Lösung. «Jeder soll sich so anziehen, wie er will.» Doch nicht nur für ihre Objekte hat die extravagante Künstlerin Pläne, sondern auch für ihr ­Arbeitsgerät. «Ich will meine fünf Strick­nadeln vergolden lassen. Das ist schon länger mein Wunschtraum.» 

Madame Tricot stellt ihre Werke noch bis am 22. Oktober in Zürich beim Haushaltsgeschäft Sibler, Münsterhof 16, Ecke Storchengasse, aus. Das Buch zur Strickkunst von Madame Tricot: «Delicatessen», Verlag Belisana, 32 Franken. Erhältlich bei Sibler und www.sibler.com

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Daniel Ammann, Roth und Schmid