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30. September 2013

Die Perle am Mittelmeer glänzt wieder

Montenegro war lange aus den Reisekatalogen verschwunden. Nun kehrt das kleine Land an der Adria zurück auf den Radar der Touristen. Dort gibts wunderschöne Strände, einsame Natur und atemberaubende Gebirgslandschaften.

Das ehemalige 
Fischerdorf Petrovac
Das ehemalige 
Fischerdorf Petrovac na moru ist heute ein beliebter Badeort mit langem Sandstrand.

Vule ist Mitte 20 und drückt unsicher aufs Gaspedal. Er ist sich noch nicht ganz im Klaren darüber, wo er seine Fahrgäste hinbringen muss. Es ist seine erste Nacht als Taxifahrer. Zuvor hat er in einem Ingenieurbüro gearbeitet. Momentan gibt es für ihn dort aber zu wenig Arbeit, also muss er nachts Touristen herumchauffieren. Er fährt durch das hell erleuchtete Budva, eine der ältesten Städte an der adriatischen Küste, mit heute 19'000 Einwohnern. «Ja, dort ist das Hotel, wo die berühmte Casino­Szene des Bond-Films ‹Casino Royal› gespielt hat.»

Fischer an der Küste bei Petrovac
Fischer an der Küste bei Petrovac.

KLEINES PARADIES AN DER ADRIA
Mehr zum Thema:Märkte, Übernachtung, Essen, Kaffeetrinken – die Autorin des Migros-Magazins verrät die lohnendsten Sehenswürdigkeiten und Adressen zur Reportage in Montenegro. Zum Artikel


Vule wird diesen Satz in Zukunft vermutlich noch einige Male sagen müssen. Vule kommt ursprünglich aus Serbien, aber sein Vater ist Montenegriner. Und weil es Vule am Meer so gefällt, ist er in die Heimat seines Vaters gezogen. Er zeigt nach rechts aus dem Autofenster hinaus auf die vom Mond beschienenen Bauruinen. «Madonna hat dort ein Luxusapartment gekauft, aber momentan wird nicht weitergebaut.» Man munkelt, erzählt er, dass der Bauunternehmer bankrott gegangen sei.

Madonna muss also vorläufig auf ihre Ferienwohnung warten. Wer bescheidener ist, findet problemlos eine Unterkunft. Denn gebaut wird an der montenegri- nischen Küste viel, besonders am Abschnitt zwischen Tivat und Budva. Unzählige Baukräne und Betonmischer stehen vor der Kulisse steil abfallenden Küstengebirges und azurblauen Wassers. Ein Gesetz sorgt zumindest während der Hochsaison für Ruhe: Zwischen Juni und September herrscht Baustopp, damit die Sommergäste sich ungestört erholen können, wenn sie an einem der Sandstrände liegen oder abends am Hafen bis zur Altstadt flanieren. Diese wurde 1979 bei einem Erdbeben zerstört und ragt heute, vollständig wiederaufgebaut, stolz ins Meer hinaus.

Becici ist von Budva nur 20 Minuten entfernt
Nachts laden die Küstenstädte zum Bummel ein. Becici ist von Budva nur 20 Minuten entfernt.

In Montenegro tut sich was. Und das freut alle, ist Tourismus in der Küstenregion doch die Haupteinnahmequelle. Während der 70er- und 80er-Jahre war das kleine Land an der Adria ein beliebtes Reiseziel. Imposante Hotelanlagen zeugen von den glamourösen Zeiten, die hier vor dem Balkankrieg herrschten. Einige der Gebäude stehen heute noch leer, der Beton bröckelt, die Glasfronten sind schmutzig. Doch viele hat man renoviert und herausgeputzt. In Montenegro sind die Touristen erwünscht, es dürften ruhig mehr sein, ginge es nach den Montenegrinern. Rund die Hälfte aller Feriengäste kommt aus Ex-Jugoslawien, der Rest setzt sich aus Russen, Franzosen, Deutschen und Italienern zusammen.

«Wir hatten hier nie Krieg», ist ein Satz, den man oft hört. Während des Krieges in Ex-Jugoslawien blieben die Hotelbetten trotzdem leer. Montenegro — oder Crna Gora, wie es in der Landesprache heisst — wollte niemand mehr bereisen. Seit Montenegro 2006 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt hat, arbeitet das Land hart an seinem Image: Man will wieder das Mittelmeerparadies sein, als das man vor 30 Jahren einmal galt. An Paradiesischem fehlt es in diesem Land wahrlich nicht. «Montenegro ist das letzte unentdeckte Stück Europas», schwärmen die Einheimischen. Oder: «Unser Fluss Tara ist die Träne Europas, so klar und sauber wie er ist.»

«Meine Wohnung und mein Auto schliesse ich nicht ab»

Colin Kingsmill, seit fünf Jahren in Montenegro, zieht so schnell nicht mehr weg
«Ich wache jeden Morgen auf und staune – diese Panoramen, dieses Licht!» Colin Kingsmill, seit fünf Jahren in Montenegro, zieht so schnell nicht mehr weg.

Auch Colin Kingsmill (47) kommt ins Schwärmen, wenn er von seiner neuen Heimat erzählt. Seit fünf Jahren lebt der Schweizer mit englischen Wurzeln in der Küstenstadt Tivat. «Ich wache jeden Morgen auf und staune — diese Panoramen, dieses Licht!» Die Stadt Kotor, deren Altstadt Unesco-Weltkulturerbe ist, erinnere ihn an Lugano. Die Bucht vor Kotor, eingesäumt von hohen Bergen, sehe aus wie ein Fjord in Norwegen. Betrachte er die Pinien- und Olivenbäume, wähne er sich in Süditalien. Und das Skigebiet Kolasin im Landesinnern sei wie Splügen, «einfach ohne Warteschlangen an den Liften und viel günstiger».

Kingsmill arbeitet als Head of Development für eine Immobilienfirma. In seinen ersten Tagen in Montenegro erlebte er einen Kulturschock. Ein Beispiel: Statt Milch gibts hier Joghurt zum Frühstück. Der Schweizer kippte ihn in den Kaffee. Etwas, worüber Einheimische herzlich lachen würden. Denn hier trinkt man den Joghurt nicht nur zum Frühstück, er ist zu jeder Tageszeit frisch-saure Begleitung zum fettig-salzigen Fleisch- oder Käsestrudel namens Burek. Seine ersten Kontakte zu Einheimischen knüpfte Kingsmill beim Autofahren. Denn ob alte Frauen mit Einkaufstaschen und Brot in der Hand, Schüler oder junge Mütter mit Kindern — wer nicht auf den Bus warten will oder sich das Busticket nicht leisten kann, macht Autostopp.

Fischer bieten im Hafen von Budva ihren Fang an
Frisch aus der Adria: Die Fischer bieten im Hafen von Budva ihren Fang an.

Mittlerweilen hat sich Kingsmill in Montenegro gut eingelebt. Einer seiner ehemaligen Autostöppler gehört heute zu seinen besten Freunden. «Meine Wohnung oder mein Auto schliesse ich nicht ab.» Hier kenne jeder jeden, und alle seien miteinander verwandt. Da werde nichts gestohlen oder kaputt gemacht. Colin Kingsmill hat schon an vielen Orten auf der Welt gelebt, doch in Montenegro will er vorerst bleiben. Es sei schön mitanzusehen, wie sich das Land entwickle und verändere. Im Sommer, so erzählt Kingsmill, mache er mit seinem Boot Ausflüge oder er treffe sich am Strand mit Freunden. Montenegro sei dank der kleinen Grösse sehr einfach zu erkunden, und zu entdecken gebe es noch viel.

Am Skadar See wilden Salbei und Pfefferminze pflücken

Montenegro ist nur ein Drittel so gross wie die Schweiz. Eine Fahrt der Küste entlang von Herceg Novi, ganz oben an der kroatischen Grenze, bis Ulcinj, der letzten grossen Stadt vor Albanien, dauert ungefähr zwei Stunden. Man kann also in einem Tag die grösseren Orte wie Herceg Novi, Kotor, Budva, Bar und Ulcinj im Schnelldurchlauf besichtigen und dabei eine Ahnung davon bekommen, wie viele Facetten die montenegrinische Küste hat: Sind die Ortschaften im oberen Teil der Küste noch venezianisch geprägt, dringt, je mehr man sich dem Süden und der albanischen Grenze nähert, der osmanische Einfluss durch. In Budva serviert man dem Gast in fast jedem Café Espresso, während man in der Bar nicht lange suchen muss, um eine Tasse türkischen Kaffees zu bekommen. In Kotor bewachen Steinlöwen die Stadtmauern, während in Ulcinj Minarette in die Höhe ragen. Wer kurvige Fahrten nicht scheut und Lust auf unberührte Naturlandschaften hat, sollte seine Badeferien für einen Tag unterbrechen und einen Abstecher ins Landesinnere machen, denn Montenegro ist das Land der Nationalpärke.

Marktfrau schneidet in Kotor eine Njegusi-Scheibe
In Kotor schneidet eine Marktfrau geräucherten Schinken aus Njegusi, einer bekannten Spezialität Montenegros.

Eines der sehenswerten Naturschutzgebiete ist der Skadar See. Der grösste Süsswassersee Europas liegt nur 40 Kilometer von Budva entfernt und ist mit dem Auto problemlos zu erreichen. An sonnigen Tagen leuchtet der Skadar See strahlend blau. Und es sieht aus, als hätte sich das Meer den Weg ins Landesinnere gebahnt. Auf der schmalen Strasse entlang des Ufers begegnet man kaum je einem anderen Auto. Man kann problemlos haltmachen, um die spektakuläre Aussicht bis hinüber ans andere Ufer, das zu Albanien gehört, zu geniessen und wilden Salbei und Pfefferminze am Strassenrand zu pflücken.

Das Dorf ist im Begriff, aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen

Am Ende des Sees liegt das Dorf Rijeka Crnojevica. Das Dorf ist gerade im Begriff, aus seinem Dornröschenschlaf zu erwachen. Frisch herausgeputzte Restaurants stehen neben heruntergekommenen und unbewohnten Häusern. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die grossen Touristenströme ihren Weg hierher finden werden. Noch aber können die Besucher ungestört am Fuss der alten Steinbrücke ihren Kaffee trinken und zuschauen, wie die Männer des Dorfs Karpfen aus dem See holen und Grossväter ihre Enkel in kleinen Booten über das Wasser rudern. Der Weg zurück an die Küste führt dann hinauf durch die karge Karstlandschaft, an zerfallenen Steinhäusern und grasenden Kühen und Schafen vorbei über die Schnellstrasse, bis man wieder freie Sicht hat — auf die hoffnungsvolle montenegrinische Küste und das stahlblaue Meer.


Die Reise wurde unterstützt durch die FTI Touristik AG, www.fti.ch

Fotograf: Jorma Müller