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09. März 2015

Die orange Krawatte

Bänz Friedli
Bänz Friedli über twitternde Politiker.

Offenbar hatte er in Zürich zu tun. Die haben ja alle immer furchtbar viel zu tun, unsere Volksvertreter. Zum Wohle des Landes! ­Jedenfalls sitzt er, der Parteipräsident, dessen Namen ich nicht erwähnen werde, mir im ­Intercity Richtung Brig schräg vis-à-vis und hantiert die ganze Zeit an seinem Handy.

Aufgeräumt wirkt er, nestelt zwischendurch mit der einen Hand an seiner Krawatte, die in der Parteifarbe Orange gehalten ist, und mit der anderen … blättert er nicht in Akten, nein: Er twittert. Und twittert. Tippt selig lächelnd Kürzestmitteilung um Kürzestmitteilung ins Smartphone, geradezu verzückt ob der eigenen Tweets … Als «eine Heirat von Karpfen und Chüngel» bezeichnet er das Zusammengehen von Freisinn und Sozialdemokraten, im Französischen offenbar ein geflügeltes Wort für eine unpassende Paarung: «Le mariage entre le @PLR_Suisse et le @PS Suisse contre #initiativefamille du @CVP_PDC est celui de la carpe et du lapin.» Auf den ist er besonders stolz, er ruft gleich seine Frau an, liest ihr den Gag vor … Und ruft sie nur Minuten später abermals an, er habe schon drei Retweets, sprich: Sein Spruch finde im World Wide Web Anklang.

Gewiss ist der umtriebige Christaus dem Wallis nicht der einzige Politiker, der dauernd Schlagworte zum Tagesgeschehen und launige Parolen in die Welt hinausschickt. (Eine Nationalrätin aus Winterthur erlitt ja gar ein Burn-out, weil sie sich in den Social Media beim Kommunizieren mit ihrer geneigten Anhängerschaft, Follower genannt, derart verausgabt hatte – wie sie uns via Facebook wissen liess.) Aber unser Monsieur le président ist ein besonders Eifriger. Mal zeigt er uns ein Bild vom Wochenendausflug mit dem Sohn (Seht her, welch toller Papi ich bin!), mal bemerkt er indigniert zu einer Karikatur des Wochenblatts «L’Hebdo», die einige welsche Parlamentarier wenig vorteilhaft zeigt: «Sind wir denn wirklich so hässlich?» Sie! Der gute Mann twittert sogar aus der Session hinaus. Letzte Woche gab er den Beleidigten, weil die Mehrheit des Rates den vom Volk beschlossenen Zweitwohnungsstopp nicht gar so arg verwässern wollte wie seine Partei. «Bouquet final sur #Weber: @NordmannRoger le socialiste qui remercie solennellement UDC et PLR de les avoir rejoints #surréaliste», ärgerte er sich über den Schulterschluss von SP und SVP, den er «surreal» nannte, dabei war er genau das Gegenteil: realpolitisch. Und vernünftig.

Im Intercity startet er kurz vor Thun einen Anruf: «Oui, allô? Ist da die Herberge …?» Und nennt den Namen eines noblen Restaurants. Er hätte gern zwei Plätze für heut Abend reserviert. «Was, ausgebucht?» Pikiert wiederholt er, jede Silbe betonend, seinen Namen: «Dar-bel-lay am Apparat, vous savez!» Und es ist ein «vous savez» mit Ausrufezeichen, eines, das wie eine Drohung klingt: «Wissen Sie eigentlich nicht, wer ich bin?!» Dann wendet er sich wieder seinen Tweets zu, und ich frage mich halt, ob das Verfassen digitaler Bonmots wirklich die vordringliche Aufgabe eines Politikers sei.

Wie er das Abschneiden seiner Familieninitiative am Wochenende kommentiert hat? Wir können es zweifellos auf Twitter nachlesen. Wenn wir wollen.


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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli