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08. April 2013

Die Natur als Klassenzimmer

Der Wald rief. Und die Kinder kamen: Was vor Jahren in privaten Waldkindergärten angefangen hat, gewinnt nun auch in der Volksschule an Terrain. Die Naturpädagogik hält in öffentlichen Kindergärten und Schulen Einzug - dank messbarer Erfolge.

Gut gelaunte Kinder im öffentlichen Naturkindergarten des Schulhauses Brühlberg in Winterthur.
Gemeinsam anpacken: Gut gelaunte Kinder im öffentlichen Naturkindergarten des Schulhauses Brühlberg in Winterthur.

SPIELEN UND LERNEN IM WALD
Wo in der Deutschschweiz gibt es Kindergärten, Tagesbetreuungen oder Spielgruppen in der Natur? Die Übersicht

Draussen in der Natur lauern Zecken und Giftpflanzen. Bäume verleiten zum Klettern, Steilhänge zum Rutschen. Allerorts Sturzgefahr! Ganz zu schweigen vom oft garstigen Wetter.

In der Natur überwiegt aber auch das pralle Leben: Freiraum zum Austoben und Spielen, aber auch Raum zum Lernen mit allen Sinnen. Das ist nötiger denn je. Denn in einer Kinderwelt, die von vorgefertigten oder virtuellen Spielen geprägt ist, verliert das Kind an Bodenhaftung. Demgegenüber belegen Forschungsarbeiten, dass Naturerlebnisse im jungen Kindesalter die Entwicklung des Sozialverhaltens, der Kreativität, der Motorik und der Konzentrationsfähigkeit deutlich verbessern.

Diese Erkenntnisse werden zunehmend in der Volksschule genutzt. So hat diesen März erstmals auch eine der grösseren Schweizer Städte ihre Kindergartenkinder in den Wald hinausbefördert: Das Schulhaus Brühlberg in Winterthur betreibt neu einen öffentlichen Naturkindergarten und unterstützt bereits einen anderen Stadtkreis im Aufbau eines zweiten Waldkindergartens. Auch prüft es Anschlusslösungen für seine Primarschüler. Diese verbringen bereits jetzt einen Schultag pro Monat im Wald.

Auch Schreiben kann man in der Natur – wenn die Hände warm 
genug sind.
Auch Schreiben kann man in der Natur – wenn die Hände warm 
genug sind.

Nebst der Zunahme öffentlicher Naturkindergärten liegen auch regelmässige Waldtage in öffentlichen Kindergärten und Primarschulen im Trend. Dementsprechend wachse die Nachfrage an Weiterbildung in Naturpädagogik, sagt Marcel Fierz, Geschäftsleiter der Stiftung Silviva, des gesamtschweizerischen Kompetenzzentrums für Lernen mit der Natur: «Wir setzen uns dafür ein, dass bald alle Kinder regelmässig Lerntage in der Natur verbringen.»

Diese Entwicklung unterstützen auch Vertreter des Erziehungswesens: «Es ist wichtig, dass nicht nur Kleinkinder, sondern auch Primarschüler regelmässig in der Natur lernen», sagt Isabelle Chassot, Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren. Der Wald habe pädagogischen Wert, sagt Chassot: «Er ist das grosse Buch der Natur.» Auch Buchautor und Kinderarzt Remo Largo bestätigt: «Die Entwicklung der Kinder ist auf die Natur und nicht auf Wohnräume abgestimmt.» Es gelte, zum Wohl des Kindes die oft «irrationalen Ängste» von Eltern und Behörden zu überwinden.

Dabei mag es den Zweiflern helfen, Kindern beim Lernen in der Natur zuzuschauen: etwa Linus (3) in der Walliser Bambusschule, Laslo (7) im öffentlichen Naturkindergarten von Winterthur oder Nora (10) in der Schule am Wald in Zollikon ZH: Schulfrust ist ihnen fremd, sie lernen mit Hingabe — bei jedem Wind und Wetter.

Öffentlicher Natur- und Bewegungskindergarten Brühlberg Schule, Winterthur ZH

Friedlicher und aufmerksamer

Im Waldsofa essen die Kinder ihr Znüni und hören den Geschichten von Lehrerin Dea Müller zu.
Im Waldsofa essen die Kinder ihr Znüni und hören den Geschichten von Lehrerin Dea Müller zu.

Erst wenn der Regen voll heruntergiesse, flutsche es so richtig toll, erklärt der siebenjährige Laslo und zeigt mit einer schwungvollen Armbewegung, wie er jeweils eine Böschung im Winterthurer Brühlbergwald als Rutschbahn nutzt: so steil abfallend und schlammig, dass jede Mutter die Krise bekäme. Aber Dea Müller (43), die Initiantin und Lehrerin des neuen öffentlichen Naturkindergartens des Schulhauses Brühlberg, vertraut ihren Pappenheimern. Sie weiss, dass diese die Sicherheitsregeln befolgen.

Ausserdem verzeichne sie in der Natur weniger Blessuren als in den Innenräumen, wo weitaus öfter ein Kinderkopf mal an einer Tischkante aufschlüge. Müller beobachtet, dass ihre 23 Schützlinge an einem Morgen im Wald aufmerksamer und freudvoller seien als im Schulzimmer. Als sie noch nicht im Freien arbeiteten, hätten insbesondere die Buben Autoritätsprobleme an den Tag gelegt, sich oft gestritten oder gar geprügelt. Nun sei die angespannte Stimmung gewichen.

Heute wird Julians 5. Geburtstag gefeiert. Laslo ruft ihn mit dem Gong herbei. Julian darf einen Tag lang Waldkönig sein.
Heute wird Julians 5. Geburtstag gefeiert. Laslo ruft ihn mit dem Gong herbei. Julian darf einen Tag lang Waldkönig sein.

Das erfreut auch Laslos Mutter, die zwar mit seiner täglichen Schlammkluft ihre liebe Mühe hat, ihren Sohn dafür nun ausgeglichener und selbstbewusster erlebt. Laslo und seine Freunde haben frühmorgens im Singkreis und beim Lernen über Spechte brav mitgemacht. Nun, da freies Spiel angesagt ist, kommen sie voll in Fahrt: Sie wühlen in der Erde, sägen und hämmern, malträtieren voller Lust einen morschen Holzstrunk. Eine Goldgrube liege darunter, ruft der eine, nein eine Cowboyfalle, findet der nächste.

Kinder in Naturschulen, so zeigen Studien, sind Gleichaltrigen aus konventionellen Kindergärten nicht nur motorisch überlegen, sie drücken sich auch sprachlich besser aus: Weil ihr Spielzeug nicht vordefiniert ist und die Aktivitäten in der Natur daher zum gemeinsamen Fantasieren und Verhandeln anregen.

Dea Müller freut sich, dass diese Bereicherung des Kindergartenalltags nun dank des öffentlichen Angebots Kindern aus allen sozialen Schichten zugutekommt, auch jenen mit Migrationshintergrund. Bisher waren Naturkindergärten, weil sie vorwiegend privat geführt wurden, den Besserverdienenden vorbehalten. Die neuen Naturkindergärten, die derzeit in der Schweiz entstehen, sind inzwischen aber meist öffentlich.

Mehr Infos: http://bberg-win.educanet2.ch

Schule am Wald, Zollikon ZH

Mathe im Wald

Mitten auf einer Waldlichtung wuselt ein Mond um eine Erde. Diese wiederum dreht sich um sich selbst. Eine Sonne steht reglos im Zentrum und kichert in sich hinein. Die zehnjährige Nora schaut dem Treiben aufmerksam zu, hat sichtlich Spass an der Darstellung der Umlaufbahnen, die ihre drei Mitschüler als personifizierte Himmelskörper präsentieren. Nora und ihre 13 Mitschüler der privaten Schule am Wald in Zollikon ZH befinden sich in einer Lektion über das Sonnensystem. Nun tritt Nora vor den Halbkreis der Mitschüler und stellt ihnen die Reihenfolge der Planeten vor. Ihre sieben- bis zwölfjährigen Mitschüler stimmen lauthals in einen Chor ein: «Merkur, Venus, Erde, Mars …»

Nach der Konzentration die Aktion: Nora sammelt Feuerholz.
Nach der Konzentration die Aktion: Nora sammelt Feuerholz.
Obwohl bereits die Vögel zwitschern, ist es noch sehr kalt. Die Lehrerinnen Martina De Lusi (links) und Nannette Bratteler und ihre Schüler wärmen sich am Feuer.
Obwohl bereits die Vögel zwitschern, ist es noch sehr kalt. Die Lehrerinnen Martina De Lusi (links) und Nannette Bratteler und ihre Schüler wärmen sich am Feuer.

Die echte Sonne glitzert im Schnee, ein Feuer knistert, Vogelgezwitscher verspricht zaghaft den Frühling. Nach den Präsentationen toben sich die Kinder kurz aus, um sich danach im Arbeitskreis erneut zu konzentrieren. Diese Schüler nutzen den Wald nicht nur regelmässig, um dessen komplexes Ökosystem zu studieren, sie schätzen ihn auch als Klassenzimmer: Da wird durchaus auch Mathe oder Englisch behandelt.

Nora besucht die Schule seit vier Jahren voller Freude. Ihre Mutter lobt die entspannte Lernatmosphäre sowie die hohe Selbständigkeit und Sozialkompetenz, welche die Kinder entwickelt hätten. «Nicht nur die Schüler, sondern auch wir Lehrerinnen sind hier glücklich», sagt Nannette Bratteler (39), die mit ihrer Kollegin Martina De Lusi (38) die Schule betreibt. Das Aussergewöhnliche an ihrer Waldschule ist, dass sie die Naturpädagogik über das Kleinkindalter hinaus bis zum Ende der Primarschule einsetzt.

Lehrerin Nannette Bratteler verteilt Apfelkuchen in der Znünirunde.
Lehrerin Nannette Bratteler verteilt Apfelkuchen in der Znünirunde.

Oft werden die Lehrerinnen daher gefragt, ob ihre «Waldkinder» nicht Probleme beim Übertritt in die Oberstufe hätten. Das Gegenteil sei der Fall, sagen sie: Die Naturpädagogik sei keine Reduktion des regulären Lehrplans, sondern eine Bereicherung. Ihre ehemaligen Schüler hätten sich im Gymnasium oder in der Sekundarschule bisher problemlos bewährt.

Mehr Infos: www.schule-am-wald.ch

Bambusschule in Goppisberg VS

Lernen aus eigener Motivation

Der dreijährige Linus taucht seine Achterform ins Seifenwasser und bläst eine grosse, petrolrosa glitzernde Seifenblase in den Waldhimmel. Er schaut ihr staunend nach, sagt strahlend «gell, lustig!» und dreht sich freudig im Kreis. Die anderen fünf Kinder zwischen eineinhalb und sieben Jahren staunen mit und versuchen ihr eigenes Glück mit den selber gebastelten Seifenblasenformen.

Ganz ohne Hilfe: Yannis (7) klettert gewandt den Baum hoch und wird mit viel Aussicht belohnt. (Bild: Annette Boutellier)
Ganz ohne Hilfe: Yannis (7) klettert gewandt den Baum hoch und wird mit viel Aussicht belohnt. (Bild: Annette Boutellier)

Die Kinder werden begleitet von Simone Schraner (39), Lehrerin und Landwirtin, die mit ihrer Bambusschule auf dem Zynuhof in Goppisberg unterhalb der Riederalp die erste Aktiv-Hof-Schule der Schweiz eröffnet hat. Eine Schule auf dem Biobauernhof, die selbst- und lebensgestaltendes Lernen grossschreibt. Unterstützt wird Simone Schraner von einem Team von Lehrpersonen. Der Unterricht findet heute im «Waldsofa» statt, einem Kreisrund am von Wind und Wetter geschützten Waldrand. «Draussen zu sein und sich in der Natur zu bewegen, ist Balsam für die Kinder», sagt die Gründerin der Pionierschule, wo Kinder ab drei Jahren die gesamte Pflichtschulzeit bis zur Sekundarstufe absolvieren können. «Darum sind wir so viel wie möglich draussen.» Die Lerninhalte werden exemplarisch integriert.

Die Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen

«Die Schule passt sich den Kindern an, nicht die Kinder der Schule», sagt Simone Schraner, die das Lernen und Entdecken aus eigener Motivation fördern will. Jedes Kind sei individuell, habe seine Kompetenzen, Talente und Potenziale. Und die wolle es entfalten wie ein Samenkorn, das heranwächst und gedeiht. «Die Freude am Entdecken ist die stärkste Antriebsfeder.»

Simone Schraner erzählt den Kindern in der Holzjurte-Schulstube eine Geschichte. (Bild: Annette Boutellier)
Simone Schraner erzählt den Kindern in der Holzjurte-Schulstube eine Geschichte. (Bild: Annette Boutellier)
Ponyreiten gehört in der Bambusschule dazu: Der dreijährige Linus in seiner regenbogenfarbenen Jacke sitzt auch ohne Sattel sicher auf dem Ponyrücken. (Bild: Annette Boutellier)
Ponyreiten gehört in der Bambusschule dazu: Der dreijährige Linus in seiner regenbogenfarbenen Jacke sitzt auch ohne Sattel sicher auf dem Ponyrücken. (Bild: Annette Boutellier)

Das Lehrteam sieht sich darum in erster Linie als Begleiter. «Wir unterstützen die Kinder in der selbstbestimmten Entwicklung und in ihrer Achtsamkeit.» Zurück auf dem Biobauernhof, stürmen die Kinder zu den Lämmchen und begrüssen sie freudig. Die Pferde und der Esel kommen neugierig in den Stall, um mit dabei zu sein. «Im Umgang mit den Tieren lernen die Kinder, Verantwortung zu übernehmen», sagt Simone Schraner. Für Linus’ Mutter war das mit ein Grund, ihren Sohn in die Bambusschule zu geben. Der Kontakt mit den Tieren auf dem Hof und der naturnahe Unterricht täten ihm gut, findet die Tierärztin.

Linus hat derweil sein nächstes Ahaerlebnis, als dunkle Wolken die Sonne verdecken. «Weisst du, was es gibt, wenn Sonne und Regen sich vermischen?», fragt der Dreikäsehoch. «Einen bunten Regenbogen!»

Mehr Infos: www.bambusschule.ch

Autor: Daniela Schwegler, Gabriela Bonin

Fotograf: Andreas Eggenberger