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30. Januar 2017

Die Namensforscherin erklärt die Trends

Warum sind Vornamen wie Mia und Noah in, Brigitte und Rudolf hingegen total out? Es liege vor allem am Klang, sagt die Namensforscherin Simone Berchtold Schiestl. Ein Gespräch über Modetrends, Verbote und Kevins.

Namensforscherin Simone Berchtold Schiestl
Namensforscherin Simone Berchtold Schiestl präsentiert die aktuell beliebtesten Vornamen der Nation.

Simone Berchtold Schiestl, gehören Sie Gott?

(Schmunzelt) Nein, tue ich nicht.

Ihr Vorname ist die weibliche Form des hebräischen Namens Simon, der bedeutet «Er hat Gott gehört». Wie kamen Ihre Eltern auf Simone?

Ich habe extra nachgefragt: Die Frau des 1982 verstorbenen deutschen Schauspielers Curd Jürgens hiess so, und sie sei attraktiv und sympathisch gewesen, sagte mir meine Mutter. Aber die Statistik zeigt: Simone war in den 1970er-Jahren ein verbreiteter Vorname – auch in der Schweiz. Heute ist er allerdings passé.

Ihre Meinung interessiert uns!
Nach welchen Kriterien haben Sie den Vornamen Ihres Kindes / Ihrer Kinder ausgewählt? Erzählen Sie uns von Ihrem Findungsprozess unten in der Kommentarspalte.

Sind Sie trotzdem zufrieden damit?

Ja, ich habe mir nie einen anderen gewünscht. Vielleicht auch, weil er sich nicht gut verunstalten lässt. Ich hatte auch nie einen richtigen Spitznamen.

Ihre Söhne heissen Luis und Moritz. Was steckt da dahinter?

In einer Beziehung ist Namensgebung letztlich Verhandlungssache. Meinem Mann gefiel Michael, mir Anton. Auf Luis kamen wir wohl auch deshalb, weil er zu der Zeit beliebt war. Auch wir sind also Modeopfer (lacht). Bei Moritz hat mich wahrscheinlich der Schauspieler Moritz Bleibtreu inspiriert. Mir hätte auch Franz gefallen, der Name meines Vaters. Aber mein Mann hätte lieber Johannes gehabt. Nun heisst unser Sohn Moritz Franz.

Weshalb sind biblische Namen wie Maria, David oder auch Simon in unseren modernen, säkularen Gesellschaften noch immer so beliebt?

David, aber auch Michael und Martin sind traditionell in der Gesellschaft verwurzelte Namen, die gegenüber Modeströmungen resistent sind. Zudem sind es häufig klassische zweisilbige Namen, die generell bevorzugt werden, weil sie als wohlklingend gelten. Letzteres ist überhaupt heutzutage das wichtigste Auswahlkriterium der Eltern. Die Bedeutung des Namens ist nebensächlich, auch ein allfälliger religiöser Hintergrund. Früher galten andere Regeln: Im nachreformatorischen Zürich etwa hat man dem Kind den Namen des Göttis gegeben, um die Bindung zu stärken, denn im Ernstfall mussten die Paten die Eltern ersetzen.

Laut dem Bundesamt für Statistik waren die beliebtesten Schweizer Vornamen in den letzten 100 Jahren Daniel, Peter und Hans bei den Männern sowie Maria, Anna und Ruth bei den Frauen. Wieso gerade diese Namen?

Wenn Sie genauer hinschauen, werden Sie feststellen, dass ein paar dieser Namen längst nicht zu allen Zeiten in den letzten 100 Jahren beliebt waren, sondern dass es klare Höhepunkte gab. Hans oder Ruth zum Beispiel waren vor über 50 Jahren populär und hielten sich einige Zeit, deshalb schwingen sie in der Statistik obenauf. Sie sind aber heute bei Neugeborenen kaum mehr verbreitet.

Die beliebtesten Vornamen der Schweiz

20151964
MiaNoahMariaDaniel
EmmaLiamMonikaThomas
LaraLucaClaudiaMarkus
LenaGabrielBarbaraPeter
SofiaLeonBrigitteAndreas
MilaDavidKarinMartin
AnnaMatteoChristineChristian
ElenaEliasUrsulaUrs
LauraLouisSusanneHans
LinaLevinDanielaBeat


Was muss passieren, damit ein Name plötzlich einschlägt?

Früher waren dafür kulturelle Strömungen verantwortlich. Namen wie Martin, Simon, Thomas oder Christian waren bis Anfang des Mittelalters im deutschsprachigen Europa fast unbekannt und verbreiteten sich erst im 13. Jahrhundert im Zuge der ­Christianisierung; gleichzeitig wurden die bis dahin verbreiteten germanischen Namen wie Heinrich, Rudolf oder Berchtold weniger häufig ver­geben. Auf sie griff man dann in der Reformation bewusst wieder zurück, um sich gezielt von der Heiligenverehrung abzugrenzen. Ab dem 17. Jahrhundert wurden Namen aus dem französischen und ab dem 18. Jahrhundert aus dem englischen Raum übernommen wie Annette, Charlotte, Betty oder Arthur. Und heute kommen durch die Globalisierung, Reisen und Partnerschaften neue Namen aus aller Welt ins Spiel.

Und trotzdem taufen Schweizer Eltern ihre Kinder derzeit am häufigsten Mia oder Noah.

Ja, sehr klassisch und biblisch. Mia ist nämlich eine Kurzform von Maria. Aber: Heute ist die Namensvielfalt so gross wie noch nie. Mia und Noah schwingen zwar obenauf, werden jedoch insgesamt sehr viel weniger häufig vergeben als früher Heinrich und Rudolf. Zudem gibt es in der Statistik massenhaft Namen, die pro Geburtsjahr genau ein Mal ausgewählt werden. Dass wir überhaupt Nachnamen haben, liegt unter anderem daran, dass früher zu viele Leute gleich hiessen. Bis ins 12. Jahrhundert haben die Menschen nur mit einem Namen gelebt. Erst als zu viele den gleichen Namen trugen, begann man zwecks besserer Unterscheidung Beinamen zu geben, etwa Heinrich der Schwarze oder Konrad der Müller. Daraus wurden dann später Heinrich Schwarz und Konrad Müller.

Und warum sind Mia und Noah heute so beliebt?

Primär wegen des Klangs. Zweisilbige Namen sind populär, und bei Mi-a stösst quasi ein Vokal an der Silbengrenze auf einen weiteren Vokal. Das gibt es ansonsten in der deutschen Sprache so gut wie nie. Auf a endend klingt der Name zudem sonorer. Beliebt sind aber auch Namen mit dem Konsonanten L, also Luca, Laura, Leon, Lara, Lena oder Leandro. Bei der Aussprache geht der Luftstrom seitlich von der Zunge weg, sodass die Namen sanft und weich wirken – im Gegensatz etwa zu Namen, die mit K, T oder P beginnen, bei denen der Luftstrom bei der Aussprache kurz blockiert wird und so für eine kleine Explosion und einen härteren Klang sorgt. Möglichst viel Sonorität gilt heutzutage als Wohlklang für unsere Ohren. Lilli oder Noëmi sind hochgradig sonor. Bei Buben kann es auch mal ein Tim, Ben, Jan oder Finn sein.

Die beliebtesten Vornamen Deutschlands

20151964
MiaBenSabineThomas
EmmaJonasSusanneMichael
HannahLeonPetraAndreas
SofiaEliasBirgitPeter
AnnaFinnGabrieleFrank
EmiliaNoahAndreaUwe
LinaPaulMartinaKlaus
MarieLuisUteStefan
LenaLukasHeikeJürgen
MilaLucaAngelikaJörg


Ist dieser Wohlklang modischen Trends unterworfen?

Ja, aber darüber, wie sich diese Trends historisch entwickelt haben, wissen wir leider nicht viel. In den 1940er-Jahren war beispielsweise Brigitte sehr beliebt, ein Mädchenname, den wir heute nicht mehr als wohlklingend empfinden. Und wie sich dieses Empfinden in Zukunft weiterentwickelt, ist völlig offen.

Gibt es Namentrends, die etwas über die Gesellschaft aussagen?

Kurzformen wie Mia, Lili oder Lenny sind von ihrer Form her Kosenamen. Damit wird Nähe und Intimität signalisiert, was durchaus zur aktuellen westlichen Gesellschaft passt, in der das Private in die Öffentlichkeit getragen wird. Man spricht dabei von einer gesellschaftlichen Informalisierung, die sich auch in den Vornamen widerspiegelt. Und vielleicht empfinden Eltern solche Namen als besonders kindergerecht. Doch irgendwann wird die Lili auch mal erwachsen. Wie sie wohl ihren Namen findet, wenn sie 40 ist?

Namensforscherin Simone Berchtold Schiestl
Namensforscherin Simone Berchtold Schiestl

«Die Namen Kevin und Chantal werden eher mit einer tieferen sozialen Schicht assoziiert.»

Womit wir beim beliebten 90er-Jahre-Trendnamen Kevin wären, über den gern gespottet wird. Weshalb eigentlich?

Es gibt sogar eine Untersuchung der Universität Oldenburg, wonach Lehrer in Deutschland Vorbehalte haben, wenn die Schüler Kevin oder Chantal heissen. Beide Namen werden eher mit einer tieferen sozialen Schicht assoziiert, der man wohl unterschwellig unterstellt, sich eher von Modeströmungen beeinflussen zu lassen.

Kriegen Kevins auch schlechtere Noten?

Das wurde in der Studie untersucht und verneint. Dennoch sind Namen häufig mit Vorurteilen belastet. Wenn jemand zum Beispiel einen slawisch klingenden Namen hat, muss er mit Nachteilen bei der Job- und Wohnungssuche rechnen. Kevin wurde Anfang der 90er-Jahre plötzlich aufgrund von US-Kinofilmen populär. Vorurteile und Spott kamen aber erst Ende der 2000er-Jahre auf und wurden vor allem in Deutschland über die Medien verbreitet.

Dafür sind Vornamen von Diktatoren wie Adolf (Hitler) oder Josef (Stalin) seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs praktisch verschwunden. Generell scheint man seine Kinder nicht mehr so gern nach Politikern zu benennen.

Adolf ist im deutschsprachigen Raum sehr stark mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Bei Josef assoziiere ich hingegen eher Maria und Josef als Stalin. Dessen Verschwinden dürfte eher mit den Klangmodetrends zu tun haben. Generell waren Politikernamen nie so beliebt wie die von Monarchen. In Grossbritannien zum Beispiel sind William, Harry und George sehr populär und werden auch heute gern vergeben. Und es war auch der Adel, der aus dem Vergeben von zwei Vor­namen eine Mode gemacht hat – schon im 15. Jahrhundert. In der Schweiz sind zwei Vornamen derzeit so beliebt wie noch nie.

Die beliebtesten Vornamen Frankreichs

20151964
ChloéLucasCatherinePhilippe
AliceHugoSylvieJean
LéaRaphaëlMariePatrick
JadeJulesChristinePascal
ManonLéoBrigitteAlain
LuiseGabrielMartineMichel
EmmaLouisPatriciaEric
ZoéArthurFrançoiseThierry
AnnaNathanVéroniqueChristian
MilaPaulIsabelleDidier


Welchen Einfluss haben Prominente bei der Namensgebung? Tut man seinem Kind einen Gefallen, wenn man es Shakira Huber oder Anakin Müller tauft?

Anakin gibt es 46-mal in der Schweiz – vor ­allem seit der zweiten «Star Wars»-Trilogie zur Jahrtausendwende –, Shakira sogar 50-mal. In ihnen spiegelt sich der Wunsch der Eltern, ihren Kindern besondere Namen zu geben, deren Träger sie begeistern. Wie das Umfeld später darauf reagiert, ist natürlich eine andere Frage. Wahrscheinlich war ein Thomas im 12. oder 13. Jahrhundert auch eher exotisch, als der Name im Deutschen neu war. Ein solcher Name muss nicht automatisch zur Belastung werden.

Es gibt auch gesetzliche Schranken. Was zum Beispiel liegt nicht drin?

Sie können Ihren Sohn nicht «Tisch» taufen oder Ihre Tochter «Apfel». Auch Zahlen wie «007» oder einzelne Buchstaben wie «Q» gehen nicht. Aber die Beschränkungen haben sich in den letzten Jahren gelockert. Wenn man aus einer anderen Kultur kommt und dem Zivilstandsbeamten nachweisen kann, dass dieser oder jener Name dort verbreitet ist, liegt ­einiges drin, das für unsere Ohren vielleicht exotisch klingt.

Das wird aber in anderen Ländern liberaler gehandhabt, oder?

Im angelsächsischen Raum ist viel mehr möglich. Und in den USA geht meines Wissens sogar praktisch alles. Das haben einige Promis genutzt und ihre Kinder «Saint», «Apple» oder «Brooklyn» getauft. Aber sehr verbreitet sind diese Namen nicht.

Dafür gibt es im englischen Sprachraum Vornamen, die Jungen wie Mädchen tragen können, wie etwa Taylor oder Morgan.

Ja, auch so was gibt es auf Deutsch nicht, höchstens mal bei einer Koseform. Es gibt aber Studien aus den USA, die besagen, dass wenn ein solcher Unisex-Name vermehrt von Mädchen getragen wird, er immer weniger an Jungen vergeben wird.

Die beliebtesten Vornamen Grossbritanniens

20151964
AmeliaOliverSusanDavid
OliviaJackJuliePaul
EmilyHarryKarenAndrew
IslaGeorgeJacquelineMark
AvaJacobDeborahJohn
EllaCharlieTraceyMichael
JessicaNoahJaneStephen
IsabellaWilliamHelenIan
MiaThomasDianeRobert
PoppyOscarSharonRichard


85 000 Menschen in Grossbritannien haben 2015 ihren Namen geändert, doppelt so viele wie 2005. Wäre das in der Schweiz ähnlich, wenn es genauso leicht wäre?

Wir sind daran gewöhnt, mit unserem Namen zusammenzuwachsen. Aber wenn man weiss, dass man ihn auch ändern kann, entwickelt sich vielleicht eine ganz andere Beziehung dazu. Ein Hauptgrund dafür, das nicht zu erlauben, ist vermutlich der damit verbundene bürokratische Aufwand, dann stets alle Dokumente ändern zu müssen. In Schweden aber kann man sogar ganz einfach den Familiennamen ändern. Der administrative Aufwand dafür wird minimiert, weil alle Einwohner eine zehnstellige Personalnummer erhalten – die bleibt, auch wenn sich der Name ändert. Das Familiennamensystem in Schweden ist aber auch wesentlich jünger als bei uns.

Was fasziniert Sie an der Linguistik?

Es gibt so viele Möglichkeiten, sich mit Aspekten von Sprache zu beschäftigen, es ist einfach ein sehr spannendes Feld. Und Vornamen sind etwas Urmenschliches. Es gibt keine Kultur auf der Erde, die sie nicht vergibt. Um zu verstehen, weshalb sich was wie entwickelt, muss man ausserdem diverse andere Wissenschaftsbereiche anzapfen. Mein Interesse daran begann mit einem Seminar zur Namensforschung während meiner Studienzeit an der Universität Wien. Angefangen habe ich aber mit Orts- und Flurnamen, dann kamen Nachnamen und erst später Vornamen.

Sie haben sich speziell mit Nachnamen beschäftigt, die auf «…mann» enden. Wieso das?

Mich interessierte, wie diese Namen sich je nach Dialektregion unterscheiden. «Achermann» oder «Wyss» hier sind «Ackermann» und «Weiss» in Deutschland, und es lassen sich für den deutschsprachigen Raum mit seinen vielen Dialekten geografisch ganz unterschiedliche Formen von eigentlich gleichen Nachnamen finden. Derzeit arbeite ich gemeinsam mit Martin Graf, Redaktor beim «Schweizerischen Idiotikon», an einer Datenbank über Familiennamen aus der Schweiz um 1800; wir erfassen dort alle Schreibweisen und Bedeutungen.

Neigen Sie dazu, reflexartig den Namen zu analysieren, wenn Sie neue Leute kennenlernen?

(Lacht) Im beruflichen Kontext eher als privat. Ab und zu fragen mich die Leute aber schon, was ihr Name bedeutet – und sind dann fast ein wenig enttäuscht, wenn es keine besonders spektakuläre Erklärung gibt. 

Die beliebtesten Vornamen der USA

20151964
EmmaNoahMaryDavid
OliviaLiamSusanMichael
SophiaMasonLindaJames
AvaJacobKarenJohn
IsabellaWilliamDonnaRobert
MiaEthanLisaMark
AbigailJamesPatriciaWilliam
EmilyAlexanderDebraRichard
CharlotteMichaelCynthiaThomas
HarperBenjaminDeborahSteven


Quellen zu den Vornamen: Bundesamt für Statistik (BfS) / beliebte-vornamen.de
Weitere, interessante Namensstatistiken gibts hier.

Autor: Reto E. Wild, Ralf Kaminski

Fotograf: Christian Schnur