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09. Juli 2012

Die Nadelöhre der Schweiz

Gerade zu Ferienzeiten sind Staus am Gotthard stets ein Thema. Darob geht fast vergessen, dass es Orte mit mehr Staus auf dem Nationalstrassennetz gibt. migrosmagazin.ch verrät die schlimmsten und weitere Infos zum Thema.

Stau im Südtessin
Stau im Südtessin, kurz vor der Grenze in Chiasso. (Bild Keystone)

Insgesamt nahmen die Staumeldungen gemäss dem Jahresbericht des Bundesamtes für Strassen (Astra) im eidgenössischen Department für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) 2010 im Vergleich zum Vorjahr wieder um 24% zu, auf nunmehr gut 38'500. Das Bundeamt betont jedoch, dass neben weiter wachsendem Verkehr, vor allem auf den Hauptachsen des Mittellandes, auch die verbesserte Infrastruktur (270 Online-Zählstellen und 502 Überwachsungskameras seit 2008) und die verbesserte Zusammenarbeit mit kantonalen Meldestellen sowie privaten Benachrichtigungen von betroffenen Reisenden für den Zuwachs verantwortlich zeichnen. Verkehrsbehinderungen wurden also in den letzten Jahren auch immer häufiger und zuverlässiger erfasst.

Noch stärker stieg im Vergleich zu 2009 die Anzahl der registrierten Staustunden: Um glatt 34% auf neu gut 15'900.Damit nahm die durchschnittliche Dauer eines Staus erstmals seit 2002 wieder markant zu. Aus beiden Werten, die wohlgemerkt nur auf Staus auf dem Netz der Bundesstrassen beruhen und einheitlich erfasst werden (kantonale Statistiken oder gar Gemeindeerhebungen sind jeweils schwer vergleich- und schon gar nicht addierbar), ergibt sich eine durchschnittliche Staudauer von knapp 25 Minuten (24'55'').

DIE URSACHEN DES STAUS
Hauptsünder bei der Entstehung von Staus und Staustunden ist mit grossem Abstand die Überlastung durch den Verkehr. Sie macht auch 90% der Stau-Zunahme 2010 aus. Hier die wichtigsten Gründe im Überblick:

1. Verkehrsüberlastung: Die durch erhöhtes Verkehrsaufkommen an neuralgischen Punkten hervorgerufenen Staustunden wuchsen im Vergleich zum Vorjahr um nicht weniger als 47%! Neu machen sie nicht weniger als 74,9% der Staustunden und minim über zwei Drittel der Staus aus.
2. Unfälle: Unfallbedingte Staustunden haben 2010 leicht (11%) zugenommen und bewegen sich bei gut 12%. Sie sind etwas tiefer als die Werte von 2002, 2007 oder 2008.
3. Baustellen: Nachvollziehbar auf Bauarbeiten im Nationalstrassennetz lassen sich rund 11% der Staustunden zurückführen. Sie blieben gegenüber 2009 praktisch stabil (+ 0,7%).
Andere Ursachen für Staus kommen zusammengezählt gerade einmal auf gut 1%.

Die Schweizer Stau-Spitzenreiter 2010

Die Spitzenreiter bei den für Staus anfälligen Abschnitten des Nationalstrassen-Netzes sind schon seit einigen Jahren nicht etwa Teile der Transversale durch die Schweiz, sondern bereits ausgebaute, aber notorisch überlastete Bereiche von Autobahnen und ihren Zu- und Ausfahrten rund um die städtischen Grossagglomerationen im Mittelland.
Nicht zum ersten mal als unübertroffen erwies sich in der Staustatistik des Bundesamtes für Strassen (Astra) für das Jahr 2010 die Nordumfahrung Zürichs in Richtung Winterthur, knapp vor dem Klassiker am Baregg-Tunnel auf der A1 vor den Türen Zürichs. Beide kennen nur gut 20 respektive unter 30 Tage pro Jahr ohne jegliche Staus. Die Gotthardzufahrten im Norden (Richtung Süden) und auch im Süden (Richtung Norden) hatten seit fünf Jahren zwar ein klar grösseres Plus an Stautagen, erreichen aber noch immer 'erst' ein Stauproblem an jedem zweiten Tag. Der Nationalstrassen-Abschnitt mit dem prozentual klar grössten Zuwachs in den letzten fünf Jahren waren die Umfahrungs-Kilometer um Lausanne, wo jedoch speziell 2007 bis 2009 Bauarbeiten das Problem verschärften. 2010 wurde ein leichter Rückgang registriert.

Stauschwerpunkte im Jahr 2010 (Quelle: Bundesamt für Strassen Astra)
Stauschwerpunkte im Jahr 2010

In der nebenstehenden Grafik (für die vergrösserte Detailansicht einfach aufs Bild klicken) findet man die sieben Abschnitte des Nationalstrassen-Netzes mit dem landesweit höchsten Stauaufkommen.
Fazit: Fast an allen neuralgischen Punkten der Schweiz nimmt das Verkehrsaufkommen weiter zu, nur rund um Lausanne verbesserte sich die Situation aufgrund des abschlossener Bauarbeiten etwas. Am Baregg mit ungebrochen ansteigenden Staumeldungen und auf der Nordumfahrung Zürichs Richtung Winterthur wird bei Fortsetzung dieser Tendenz bald an jedem Tag Stau registriert. An beiden Orten sieht das Astra einen Grund im gesteigerten Verkehrsaufkommen dank Abschluss der neuen A4-Strecke durch das Knonaueramt und teils auch im neuen (West-)Tangentensystem durch die Limmatmetropole.

Entwicklung nach Autobahn
Betrachtet man die Veränderung der 2010 angefallenen Staustunden aufgeteilt nach Autobahnen, so absorbieren die A1, A2, A3 und A4 von der um 34% gestiegenen Stau-Zeit glatt 96,6%! Die Entwicklung der vier Autobahnen im Detail:

A1: Hier resultierte ein Plus an Staustunden von 40%. Rund um Zürich fielen überdurchschnittlich viele Staus an, gut vertreten war auch Härkingen-Wiggertal und die Agglomerationen von Bern, Lausanne und Genf (bis fast Nyon). Doch ansonsten verteilten sie sich recht gleichmässig.
A2: Für die gesamte Strecke Basel-Chiasso ergab sich ein Zuwachs von 44% an Stau-Zeit. Heraus stachen Lugano-Chiasso, Amsteg-Ambri und ebenfalls Härkingen-Wiggertal.
A3: Speziell die Westumfahrung von Zürich und die nur etwas vorher in Betrieb genommene A4-Strecke durchs Knonaueramt bescherten als Hauptgründe eine Steigerung der Staustunden um 51%. Limmattaler Kreuz (Ende der Westumfahrung kurz zuvor), Zürich Süd und das Autobahnende(/-anfang) in Zürich Wiedikon sind die 'beliebtesten' Stauplätze.
A4: Wegen dem in der Zeit (2009-2010) freigegebenen Knonauer-Abschnitt und noch letzten Bauarbeiten resultierte hier mit 123% (!) das weitaus grösste Plus. Am schlimmsten betroffen war die Autobahnroute zwischen Blegi und Rütihof.

Autor: Reto Meisser