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16. Dezember 2013

Die nackte Wahrheit

Einer muss ja die Wahrheit sagen. Die Mamma-Mia-Kolumnistin tut es
Einer muss ja die Wahrheit sagen. Die Mamma-Mia-Kolumnistin tut es (Bild: Getty Images).

Wenn Sie gerade schwanger sind, dann lesen Sie auf keinen Fall die «Gala». Und Pfoten weg von der «Bunten», der «Schweizer Illustrierten» und wie die Hochglanzheftli alle heissen! Warum? Weil wir Frauen dort in grossem Stil an der Nase herumgeführt werden. Ich denke bei meiner Warnung vor allem an jene Homestorys, bei denen frischgebackene VIP-Mamis strahlend schön in einer Schöner-Wohnen-Kulisse sitzen und ihre makellosen Babys in die Kamera halten. Und wir Normalo-Weiber? Wir glauben den Käse auch noch.

In Wahrheit ist alles ganz anders. Hier eine Liste der gängigen Mythen:

1. Wenn man sich nur genügend anstrengt, kann man schon wenige Tage nach der Niederkunft wieder einen flachen Bauch haben.
Haben Sie schon einmal einen Zopf gebacken? Dann erinnern Sie sich gut an den Moment, an dem man den Teig nach dem Ruhen weiterverarbeitet. Die Finger der Bäckerin versinken endlos in der gummiartigen Masse. So, meine Damen, fühlt sich ein postnataler Bauch an. Selbst das tollste Gewebe braucht Wochen, bis es in seine Ursprungsform zurückgeschnurrt ist.

2. Wöchnerinnen sind so glücklich, die sehen auch mit wenig Aufwand wie aus dem Ei gepellt aus.
Ich würde meinen, sie sehen eher wie Eier aus, die man zu lange im heissen Wasser gekocht hat. Irgendwie aufgeplatzt, aufgequollen, asymmetrisch, angefressen. Schlafmangel, Hormonumstellung, Milcheinschuss – alles Faktoren, die der Schönheit nicht wirklich dienlich sind.

3. Neugeborene sind zum Niederknien schön.
Oje, wer das glaubt, wird im Kreisssaal einen Schock fürs Leben erleiden. Frische Babys kommen oft total zerknautscht und eingeweicht aus dem Mutterbauch. Sie sehen wie alte Männer aus, haben ellenlange Fingernägel und gucken total mürrisch. Ausserdem entwickeln sie nicht selten binnen weniger Wochen eine fiese Babyakne. Kein Fotomaterial, wenn Sie mich fragen. Es sei denn, man hat einen Bildbearbeitungsprofi an der Hand.

4. Am Anfang machen Babys noch wenig Arbeit.
Im Gegenteil. Stillen, Baden, «Einschläfern» – alles läuft in Zeitlupe ab. In den ersten Wochen dreht sich alles, aber wirklich alles nur um das kleine Bündel. Dazu passt das nächste Ammenmärchen:

5. Neugeborene sind so sauber.
Träumen Sie weiter! Da die Zwerge ohne Absperrventile geliefert wurden, verwandeln sie jede durchgestylte Pärchenwohnung nach ihrer Ankunft in eine feuchtwarme Höhle. Überall kötzeln die Achtpfünder hin. Nicht selten passiert auch Schlimmeres. Man erkennt einen Neugeborenen-Haushalt daran, dass einem schon im Flur der Geruch von vergorener Milch und Kacke entgegenwabert. Und da die Mamis kaum mit dem Putzen nachkommen, liegen überall fleckige Nuscheli herum. Aha, sagen Sie jetzt, deswegen sitzen die Promi-Mütter in den Homestorys immer auf crèmefarbenen Sofas … damit man die Milchflecken nicht so sieht. Wissen Sie überhaupt, welche Farbe die Anfangsmilch hat? Gelb.

6. Weil Babys so wenig Arbeit machen und so sauber sind, ist doch das bisschen Haushalt nicht der Rede wert.
Einspruch! Das bisschen Haushalt bringt Wöchnerinnen gerade aus den eben genannten Gründen an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich vor fünf Jahren stolz meinen Mann auf der Arbeit anrief und ihm berichtete: «Schatz, es ist erst Mittag, und ich habe schon meinen Pyjama aus- und normale Kleider angezogen.» Wenn der Kindsvater dann abends heimkam, küsste er Frau und Baby und begann Wäsche zu waschen, Geschirr einzuräumen und die erste warme Mahlzeit des Tages für seine Familie zuzubereiten.

7. Die Babys schlafen so viel, da haben die Mütter Zeit für ganz viele Dinge.
Jein. Wenn man die Nacht im Stillmodus auf einem (gelb gesprenkelten!) Sessel verbracht hat, dann ist man tagsüber hundemüde. Der Tipp «Schlafen, wenn das Kind schläft!» ist Gold wert. Frischgebackene Mütter haben aber nicht selten Schwierigkeiten, ihr Kind einfach ruhen zu lassen. Sie sitzen stundenlang neben dem Kleinen und zählen seine Atemzüge.

8. Man kann das Kind ein wenig schreien lassen, damit man etwas erledigen kann.
Ein Ding der Unmöglichkeit. Sobald das Kleine wimmert, ist die Mutter alarmiert. Und zwar so sehr, dass sie sofort angerauscht kommt. Wahlweise macht sie auch das, was sie gerade am Erledigen war, in Lichtgeschwindigkeit fertig. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich eines Abends – Ida war vielleicht sechs Wochen alt und schlummerte endlich friedlich im Babybay (am Ehebett befestigtes Kinderbettchen) – meine kalten Füsse auf die andere Bettseite streckte. Mein Mann klemmte meine Eisklumpen zwischen seine warmen Füsse. Plötzlich fing er schallend an zu lachen.

«Was?»

«Kann es sein, dass du dir heute nur ein Bein rasiert hast?»

Autor: Bettina Leinenbach