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30. März 2015

«Die Melodie sollte man definitiv modernisieren»

Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft sucht eine neue Nationalhymne. Ab dieser Woche können wir alle online die drei Finalisten mitbestimmen. Musikwissenschaftler Anselm Gerhard über die Bedeutung von Hymnen und was in der neuen drin sein sollte.

Beim Hymnensingen
Schweizer Ergriffenheit beim Hymnensingen. (Bild: Keystone)

Anselm Gerhard, könnten Sie den Text der Schweizer Nationalhymne spontan rezitieren?

Nur den Anfang. Das letzte Mal gesungen habe ich sie bei meiner Ein­bürgerungsfeier. Da wurde aber zum Glück der Text verteilt. (lacht)

Können Sie die deutsche Hymne?

Etwas mehr vielleicht, aber auch nicht den ganzen Text.

Den meisten geht es nicht anders. So wichtig scheinen Nationalhymnen also nicht zu sein, oder?

Ja und nein, denn die Melodie hat doch eigentlich jeder im Ohr. Manche mehrsprachigen Länder verzichten auch ganz auf Text, Spanien etwa.

Anselm Gerhard (57) ist Direktor des Instituts für Musikwissenschaft an der Universität Bern.
Anselm Gerhard (57) ist Direktor des Instituts für Musikwissenschaft an der Universität Bern.

Nun will die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft eine neue, modernere Nationalhymne für die Schweiz. Eine gute Idee?

Es gibt sicher wichtigere Probleme, aber offensichtlich sind viele Schweizerinnen und Schweizer unzufrieden mit der aktuellen Hymne. Wegen des etwas anstrengenden Textes, aber auch wegen der kirchenmusikalischen Melodie, die ja ursprünglich für den Gottesdienst geschrieben worden ist.

Trotzdem gibt es bereits Referendumsdrohungen für den Fall, dass die alte wirklich ersetzt würde. Weshalb diese starken Emotionen?

Das ist in der Tat nicht leicht zu erklären bei einem Lied, das erst seit wenig mehr als 50 Jahren Nationalhymne ist. Ich vermute, dass die neue Identitätssuche der Schweiz nach den Umwälzungen von 1989 eine Rolle spielt. Seither ist der politische Diskurs in unserem Land zunehmend von Fragen des Nationalen geprägt.

Wozu überhaupt eine Hymne?

Ursprünglich komponierte man Hymnen zu Ehren des Königs oder Kaisers, die ersten entstanden im 18. Jahrhundert in England und Österreich. Die «Marseillaise» in Frankreich war 1792 die erste Hymne von unten, eigentlich ein Soldatenlied. Die Idee war, einen Gemeinsinn zu generieren, früher über den Bezug auf den Monarch, später auf das Volk. Es ging also um Identitätsfindung über Nationalismus. Heute kommt die Hymne vor allem noch im Sport oder bei Staatsbesuchen zum Einsatz. Im Alltag hat die Hymne in der Schweiz stark an Bedeutung verloren. In den USA hingegen wird sie an einigen Orten jeden Morgen in der Schule gesungen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Schweizer Hymne? Was sagt sie über das Selbstverständnis des Landes?

Der Bezug zur Natur ist sicher wichtig, genauso wie der zu Gott. Damals steckte dahinter die Idee, dass die in Europa einzigartige Form der Volkssouveränität direkt von Gott kam, an den Fürsten vorbei. Das wirkt in der heutigen, viel weniger religiösen Zeit etwas anachronistisch.

Wie kommt sie im Vergleich mit anderen Nationalhymnen daher?

Besinnlich, feierlich, nicht aggressiv. Viele Hymnen, angefangen mit der französischen «Marseillaise», sind ja ziemlich blutrünstig.

Würde die Schweiz sich zu einer Modernisierung durchringen, würde das im Ausland sicher starke Beachtung finden. Es gibt ja einige Länder, die an ihrer Hymne leiden.

Hat irgendein Land seine Hymne in letzter Zeit modernisiert?

In Österreich hat man den Text leicht angepasst. Dort heisst es jetzt geschlechterkorrekt «grosse Töchter und Söhne», vorher gab es nur Söhne. Aber sonst basieren alle Hymnen noch immer auf Militärmusik oder klingen nach Kirchenliedern. Einzig die Hymne der früheren DDR erinnert etwas an Schlager. Würde die Schweiz sich zu einer Modernisierung durchringen, würde das im Ausland sicher starke Beachtung finden. Es gibt ja einige Länder, die an ihrer Hymne leiden.

Was müsste in die neue Hymne rein?

Sie muss vor allem mehrheitsfähig sein: Rein gehört ein Bekenntnis zur Heimatliebe, der Natur und den demokratischen Traditionen. Der Bezug zu Gott könnte raus, denke ich. Man sollte den Einfluss eines Hymnentextes aber auch nicht überschätzen.

Und die Melodie? Könnte man sich auch Pop, Rock oder Jazz vorstellen?

Kaum, nur schon moderne Klassik wäre gewagt und würde sicherlich viel zu reden geben. Aber die Melodie sollte man definitiv modernisieren.

Es ist ja nicht der erste Anlauf: Denken Sie, dass diesmal tatsächlich eine neue Hymne entstehen könnte?

Es wäre schön, aber ich bin skeptisch, wenn ich an die komplizierten Entscheidungsprozesse denke. Nur schon einen Text zu finden, der allen gefällt und in vier Sprachen funktioniert, wird sehr schwierig sein.



Stimmen Sie ab auf: www.nationalhymne.ch