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02. Dezember 2013

«Die Männer hocken da, hilflos wie das Kaninchen vor dem Metzger»

Schang Schiess ist Trennungsberater, und obwohl der Beruf noch ganz neu ist, rennt ihm die Kundschaft bereits die Tür ein: Schiess hilft Männern, die kurz vor einer Scheidung stehen und plötzlich realisieren, dass es ernst wird.

Schang Schiess rät Paaren, Teilzeit zu arbeiten und sich die Kindererziehung zu teilen.
Schang Schiess rät Paaren, Teilzeit zu arbeiten und sich die Kindererziehung zu teilen.
Kind zwischen Eltern in Trennungsphase.
Kind zwischen Eltern in Trennungsphase.

ZWISCHEN DEN FRONTEN
Ausserdem zum Thema: Tipps für Eltern, die sich in einer Trennungsphase befinden, damit das Kind nicht zum Spielball zwischen Mutter und Vater wird. Zum Artikel

Schang Schiess, früher ging man bei Eheproblemen zum Eheberater, heute gleich zum Trennungsberater. Was hat sich verändert?

Man ist heute schneller bereit, eine Ehe sausen zu lassen. Wenn die Frau sieht, dass es keinen Wert mehr hat, dass ihr Mann nicht reden will, nimmt sie sehr schnell einen Anwalt und stellt den Ehemann vor vollendete Tatsachen.

Was heisst, «dass der Mann nicht reden will»? Es ist doch ein Klischee, dass Männer nicht über ihre Beziehungen reden wollen.

Nein, das ist so. Die Männer, die zu uns in eine Beratung kommen, haben meist schon einen Termin beim Scheidungsrichter. Sie haben gemerkt, hoppla, offenbar gilt es ernst. Manche beginnen erst jetzt, sich ernsthaft mit der Beziehung auseinanderzusetzen.

Von den Flitterwochen direkt in den Krieg?

Nicht alle, aber viele, ja. Die Situation ist aufgeladen, die Frau hat die Nase voll, der Mann hat es nicht realisieren wollen und reibt sich die Augen.

Was können Sie für diese Männer tun?

Feuerwehrarbeit. Versuchen, Tempo rauszunehmen, den Gerichtstermin zu verschieben, den Mann aufzurütteln, dass er aktiv wird, mit seiner Frau spricht.

«Schatz, können wir es nicht noch einmal versuchen»?

Nein, dafür ist es längst zu spät. Jetzt geht es darum, die Männer zu motivieren, ihre Interessen zu vertreten. Aber das können Männer doch sowieso.

Ist das Geld die grösste Sorge?

Nur im ersten Moment. Bei näherem Hinsehen realisieren sie, dass sie aus der gemeinsamen Wohnung gedrängt werden und sich kaum mehr eine eigene leisten können, und dann kommt schon bald die bange Frage nach der künftigen Beziehung zu den Kindern. Bin ich fortan nur noch Zahlvater?

Was ist noch möglich in diesem Stadium?

Als Erstes versuchen, alles ein bisschen zu beruhigen. Können Mann und Frau noch miteinander reden? Kann man eine Trennungsvereinbarung aushandeln, die beiden erlaubt, ein Leben danach zu führen? Muss der Mann in ein Mansardenzimmer ziehen, oder kann er sich eine Wohnung leisten, wo ihn die Kinder später besuchen können? Jetzt braucht es eine gute Balance zwischen Mann und Frau, damit die Kinder nachher wieder so etwas wie gleichwertige Eltern haben. Und es braucht faire Abmachungen über das Besuchsrecht der Kinder, mit denen beide einverstanden sind und an die sich beide halten. Da schauen wir in der Trennungsphase ganz stark darauf.

Ich würde raten, von Anfang an über getrennte Schlafzimmer nachzudenken.

Warum ist das so wichtig?

In der Trennungsphase entscheidet sich, ob die Eltern wieder so etwas wie gegenseitiges Vertrauen aufbauen können. Da beginnen die bekannten Spiele: Die Frau will die Kinder nicht zu Besuch schicken, hat 1000 Ausreden; oder der Mann schickt die Kinder zu spät nach Hause, es gibt Streit und Ärger. Wir schauen darauf, dass die Trennungsvereinbarung möglichst vieles ganz klar regelt und dass sich die Männer auch minutiös daran halten. So kann dann vielleicht wieder so etwas wie Ruhe und Sicherheit einkehren und bei der Übergabe der Kinder sogar mal ein kleines Gespräch entstehen. Die kleinste Abweichung von der Abmachung erinnert an das missbrauchte und verloren gegangene Vertrauen. Wenn sich die Männer strikte an die Abmachung halten und dasselbe auch von den Frauen einfordern, kann Vertrauen vielleicht wieder wachsen.

Was können Sie als Trennungsberater für die Kinder tun?

Wir machen den Vätern klar, dass es für die Kinder das Allerwichtigste ist, nicht in diesen Streit miteinbezogen zu werden. Kinder brauchen Eltern. Auch wenn diese kein Liebespaar mehr sind, so sind sie doch Eltern. Wir trainieren die Männer, darauf zu achten, dass sie diese ganzen nonverbalen Botschaften in den Griff kriegen, die unterschwelligen Andeutungen, die wie Messerstiche wirken. Sie sollen den Kindern nicht sagen: Gell, jetzt haben wir eine gute Zeit gehabt zusammen, aber jetzt musst du halt wieder zur Mama zurück. Oder umgekehrt: Du gehst jetzt zu Papa, und wenn was ist, hast du ein Handy dabei und rufst mich an. Solche unausgesprochenen Sticheleien verunsichern das Kind. Wir versuchen, den Männern klarzumachen, wie wichtig es für das Kind ist, wenn der Vater die Mutter als Mutter wertschätzt. Dann weiss das Kind: Ich darf Mama gern haben, Papa versteht das. Und das entlastet ungemein. Das ist Balsam für die Kinderseele. Mit der Zeit können die Momente der Übergabe gute Momente werden, das Kind wechselt gerne und weiss, es darf beide gern haben.

Die Hälfte der Ehen wird geschieden. Eigentlich müsste man Paare beraten, die heiraten wollen. Was würden Sie denen raten?

Ich würde sagen: Schaut, dass ihr eigene Kassen habt, dass jeder sein eigenes Geld verdient. Schaut, dass jeder einen Job hat. Schaut, dass ihr euch die Kindererziehung aufteilt, dass jeder Teilzeit arbeitet und jeder Teilzeit Kinder betreut. Selber einen Teil der Kindererziehung und des Haushalts zu übernehmen, sorgt für eine tiefe Wertschätzung dieser Arbeit, die wir normalerweise der Frau aufbürden. Umgekehrt weiss die Frau, wenn sie Teilzeit arbeitet, was es bedeutet, im Beruf erfolgreich zu bleiben. Und ich würde ihnen raten, von Anfang an über getrennte Schlafzimmer nachzudenken.

Frisch verliebt und getrennte Schlafzimmer?

Am Anfang haben alle eine rosarote Brille auf. Aber wenn später einer der Partner die Fantasie entwickelt, ein eigenes Schlafzimmer zu haben, fällt der andere aus allen Wolken: «Willst du mich verlassen?» es ist nun mal schön, ein eigenes Zimmer zu haben, einen Rückzugsort, wo jeder autonom ist, wo ich ungeniert schnarchen kann, wo ich auch mal mit einer Alkoholfahne nach Hause kommen kann, wo ich so lange lesen kann, wie ich will. Ist diese Fantasie gleich mit Trennung verbunden, wird sie verdrängt, und man redet nicht darüber.

Was glauben Sie, wird es in Zukunft noch mehr Trennungen geben?

Ich glaube, es wird eher weniger Scheidungen geben. Wir werden alle offener, und wir Männer lernen immer besser, über unsere Beziehungen zu reden. Die Jungen träumen immer mehr von Teilzeitarbeit, von Zeit mit den Kindern, ich denke, das wird besser.

Autor: Charles Meyer

Fotograf: Andreas Eggenberger