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16. Juni 2014

Die Lifestyle-Queen ist hart im Nehmen

Ihre Welt sind Mode und Werbung. Doch Lifestylebloggerin Mirjam Herms hat keine Angst, sich schmutzig zu machen: Die 24-Jährige ist am Strongman-Run durch Schlammlöcher gerobbt und hat einen eiskalten Fluss durchquert – und ist begeistert.

Nichts für Warmduscher: Es galt, den 6 Grad kalten Fluss gegen die Fliessrichtung zu durchwaten.
Nichts für Warmduscher: Es galt, den 6 Grad kalten Fluss gegen die Fliessrichtung zu durchwaten.

Das Make-up ist dezent, ebenso der rosarote Lippenstift. Zum Frühstück im Café isst Mirjam Herms (24) ein Gipfeli und trinkt dazu einen Latte macchiato. Die Modebloggerin scheint sich keine unnötigen Gedanken um ihre Figur zu machen. «Seit ich Krafttraining betreibe, habe ich drei Kilo zugenommen», sagt sie. Die Kraft braucht sie für ihr neustes Projekt.

Anfang Juni hat sich die modebegeisterte Stadtzürcherin auf fremdes Territorium gewagt: In brütender Hitze absolvierte sie in Engelberg OW ihren ersten Strongman-Run. Zusammen mit ihrem Freund Nicolas (23) stakste sie durch Reifenstapelfelder, robbte durch Schlammlöcher, bewältigte Wassergräben mit 6 Grad kaltem Wasser und die Engelberger Skisprungschanze, die der Beinmuskulatur einiges abverlangte. 38 kraftraubende Hindernisse, 18,5 Kilo­meter Tortur. Doch Mirjam Herms schaffte es ins Ziel. «Überraschend hart war das erste Hindernis. Wir mussten einen unglaublich steilen Hang hinaufklettern. Seile dienten als Hilfe. Als ich oben ankam, sagte ich meinem Freund, dass ich nur eine Runde laufe.»

Schliesslich gingen die beiden trotzdem in die zweite Runde. «Ich war von meinem Körper positiv überrascht. Obwohl bei meinem letzten Trainingslauf die Knie ziemlich wehtaten, rannte ich schmerzfrei und hatte genug Energie für alle die Hindernisse.» Selbst in extremis schaffte es die Modebloggerin allerdings nicht ganz, ihren Sinn für Ästhetik zu deaktivieren. Sie erzählt: «Zwischendurch war mein ganzer Körper mit Schlamm überzogen. Zum Glück führte ein Hindernis durch einen eiskalten Fluss. So wurde ich recht sauber für den Zieleinlauf.»

Vom Mädcheninternat in die Welt der Mode

Der Strongman-Run, der bei seiner Erstaustragung 2010 gerade mal 800 Teilnehmer anlockte (davon nur neun Prozent Frauen), hat sich mittlerweile zur populären Veranstaltung entwickelt: An der diesjährigen Ausgabe haben über 6000 Sportler teilgenommen. Der Frauenanteil beträgt inzwischen hohe 25 Prozent.

Herausforderungen würden das Leben erst interessant machen, findet Mirjam Herms. Geboren wurde sie in Beer Scheva am Rand der israelischen Wüste Negev. Dort verbrachte sie die ersten zwei Jahre ihres Lebens. Ihr Vater ist ein in Israel geborener Muslim aus Saudi-Arabien, ihre Mutter Schweizerin und Jüdin. Aufgewachsen ist Herms als Einzelkind in Kilchberg am Zürichsee, sie besuchte das katholische Mädcheninternat von Wurmsbach SG bei Rapperswil.

Seit sie 13 Jahre alt ist, läuft die Zürcherin drei Mal pro Woche, absolviert regelmässig den Vita Parcours in der Nähe von Adliswil ZH und schwimmt jedes Jahr bei der Stadtzürcher Seeüberquerung mit. Sie ist zudem eine begeisterte Wanderin, die am liebsten in Lenk BE unterwegs ist – immer begleitet von ihrem englischen Jagdhund Keira. Im Januar hat sie zum ersten Mal überhaupt ein Fitnessabonnement gekauft. Sie trainiere stets «im Spassbereich». Als Vorbereitung für den Strongman ist sie auf allen vieren rückwärts Treppen hochgekrabbelt.

Einen Namen hat sich Mirjam Herms als Modebloggerin und Gründerin von «Chic und Schlau» gemacht. 2013 hat sich der Blog zum Online-Magazin gemausert, in dem auch Gastautoren bloggen. Herms’ Themen sind Mode, Reisen und Kochen. Am populärsten ist ihre «Superbabes»-Reihe, in der sie aufzeigt, wie Frauen lernen, sich selbst zu lieben. «Man sollte sich zwingen, Kleider nie zu klein einzukaufen und nicht ständig den eigenen Körper zu kritisieren.» Ihre Zeilen werden über die Grenzen hinaus gelesen. Inzwischen hat der Blog gegen 4200 Fans. «Ich spreche nicht gern von Fans. Wenn ich einen Beitrag auf Facebook stelle, begrüsse ich die Interessenten mit ‹Hallo Freunde›.» Mirjam Herms postet täglich auf Facebook, einmal Bilder vom Strand am Roten Meer in Ägypten, ein andermal verlost sie eine Körpercreme, die für eine straffe Haut sorgen soll.

Ihr Smartphone schaltet sie nur aus, wenn sie wandert

Ihre Präsenz in den sozialen Netzwerken ist gross. Entsprechend oft hantiert sie an ihrem Smartphone herum, stellt aber klar: «Sobald ich auf eine Wanderung gehe, schalte ich es aus.»

Ursprünglich lancierte Mirjam Herms ihre Berufskarriere mit einer KV-Lehre in der Militärakademie in Birmensdorf ZH. «Ich wollte nicht mit Frauen zusammenarbeiten, weil ich Neid und Missgunst unter Frauen nicht ertrage.» Beim Bloggen seien es denn auch ausschliesslich Frauen, die sie auf persönlicher Ebene beleidigen würden. Sie habe schon lesen müssen, sie sehe auf einem Bild «voll fett» aus. So würde sich ein Mann niemals ausdrücken. Meist seien die Frauen, die solches schreiben, unsicher und unzufrieden mit dem eigenen Körper.

Als Herms erstmals vom Anlass hörte, wusste sie: Da muss ich hin. Sie sprach mit ihrem Freund Nicolas darüber. Er arbeitet für dieselbe Agentur als Berater, in der auch Mirjam Herms ihr Geld mit einem 50-Prozent-Pensum als Konzepterin für Werbekampagnen verdient. «Er sagte, er wolle nicht teilnehmen. Ich habe uns trotzdem angemeldet. Wir werden nächstes Jahr wieder starten. Es ist ein grosser Spass, und es herrscht sehr gute Stimmung.»

www.chic-und-schlau.ch

Autor: Reto E. Wild