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30. April 2012

«Die Leute sind unberechenbar»

Die Lokführer in den Regionalzügen fühlen sich nicht mehr sicher. Auf ihren nächtlichen Kontrollgängen an den Endstationen treffen sie vor allem am Wochenende auf schlafende Passagiere, die pöbeln, wenn man sie weckt.

Die Selbstverteidigungskurse für Lokführer finden in einem Bahnwaggon statt. (Bild: Keystone/Regina Kuehne)
Hubert Giger (43) ist selber Lokomotivführer und Präsident des Verbandes Schweizer Lokomotivführer und Anwärter (VSLF).
Hubert Giger (43) ist selber Lokomotivführer und Präsident des Verbandes Schweizer Lokomotivführer und Anwärter (VSLF).

Hubert Giger (43) ist selber Lokomotivführer und Präsident des Verbandes Schweizer Lokomotivführer und Anwärter (VSLF).

Hubert Giger, Lokführer sitzen im Cockpit. Wozu brauchen sie da einen Selbstverteidigungskurs?

Seit in den Regionalzügen die Zugbegleiter abgeschafft wurden, muss der Lokführer am Schluss des Dienstes den Zug versorgen. Das heisst, er macht eine technische Kontrolle und schaut, dass die Züge leer sind. Dabei ist er alleine.

Und trifft auf Schnapsleichen?

Ja, speziell Freitag- und Samstagnacht sind viele Passagiere betrunken oder stehen unter Drogen. Dadurch reagieren sie aggressiv und völlig unberechenbar. Das sind wirklich schwierige Kostgänger. Quasi die Überbleibsel gesellschaftlicher Probleme. Mittlerweile ist es nichts Aussergewöhnliches, dass wir an den Endstationen Leute wecken müssen.

Worauf diese ausrasten?

Möglicherweise. In solchen Situationen weiss man einfach nicht, was auf einen zukommt. Das Risiko ist unkalkulierbar. Darum sind wir nicht mehr länger bereit, diese Aufgabe alleine zu bewältigen und fordern schon seit Längerem von den SBB, dass man zu zweit patrouilliert. Bisher leider ohne Erfolg. Die SBB sind nicht einmal bereit anzuerkennen, dass dies eigentlich nicht die Aufgabe des Lokführers wäre.

Kommt es primär in Zürich zu Problemen?

Keineswegs. Ob in Ziegelbrücke, Basel, La Chaux-de-Fonds oder Genf — in allen Regionalzügen sind die Lokführer damit konfrontiert, und es wird immer gefährlicher. Etwas anders sieht es bei den Fernverkehrszügen aus. Dort kontrolliert das Zugbegleitpersonal, und zwar ab 21 Uhr immer zu zweit.

Trotzdem werden die Selbstverteidigungskurse vorerst nur in Zürich durchgeführt.

In Zürich arbeiten die meisten Lokführer, und hier lassen sich die Kurse am einfachsten organisieren. Unser Verband VSLF hat beschlossen, sie im Sinne eines Versuchsballons mal zu starten.

Was wird den SBB-lern beigebracht?

Grundkenntnisse in Selbstverteidigung, der geschickte Umgang mit schwierigen Kunden und wie man sich mit einfachsten Hilfsmitteln — vom Kugelschreiber bis zum Toupet — aus misslichen Situationen befreit, ohne sich selber oder den Angreifer zu verletzen. Ich werde persönlich daran teilnehmen und bin gespannt, was da auf uns zukommt.

Der Kursort ist originell. Sie üben in einem Bahnwaggon.

Dort ist die Situation authentisch. Die SBB stellen uns gratis einen leer stehenden Wagen zur Verfügung und bekräftigen so ihren Willen, uns zu unterstützen.

Wer kommt für die Kurskosten auf?

Unser Verband. Der Kurs dauert drei Stunden und wird in der Freizeit besucht. Aufgrund der Resonanz haben wir das Gefühl, das könnte eine richtige Marktlücke sein, denn Lokführer sind immer allein im Dienst und oft bei Nacht und Nebel in menschenleeren Bahnhofarealen unterwegs.

Gibt es Zahlen zu Übergriffen auf Lokführer?

Wir haben keine. Sie interessieren uns auch insofern nicht, als es primär gilt, das Personal zu schützen. Erst kürzlich wurde in Olten ein Kollege beim letzten Kontrollgang Opfer eines Angriffs.

Haben Sie als Passagier auch schon Ihre Haltestelle verschlafen?

Das nicht, aber ich döse gern im Zug. Laut Transportgesetz ist das nicht verboten. Es ist ein Vertrauensbeweis, dass man sich in den Zügen geborgen fühlt.

Autor: Ruth Brüderlin