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06. August 2012

Die leise Tochter der «Nervensäge»

Als Kind posierte sie mit zwei Meerschweinchen für eine Tierschutzkampagne ihres Vaters, Umweltschützer Franz Weber. Heute kämpft Vera Weber für Stiere, Robben und gegen leer stehende Zweitwohnungen – mit ihren eigenen Waffen.

Früher jobbte Vera Weber oft im Grandhotel Giessbach oberhalb von Brienz. Heute ist sie Verwaltungsrätin des Belle-Epoque-Hotels, das ihr Vater Franz Weber in den 80er-Jahren vor dem Abbruch rettete.

Rund ein Dutzend eidgenössische Volksinitiativen hat der berühmteste Schweizer Tier- und Umweltschützer Franz Weber (85) im Laufe seines Lebens lanciert. Die Zweitwohnungsinitiative ist die erste, die angenommen wurde. Es ist auch die erste, bei der seine Tochter Vera den Abstimmungskampf leitete. «Ich bin stolz auf die Schweiz», sagte Franz Weber nach dem Erfolg am 11. März. Seine Tochter hingegen – sein einziges Kind – lobte er nicht speziell.

«Er sagte am Tag nach der Abstimmung eher beiläufig, dass er mir dankbar sei», erzählt die 37-Jährige vier Monate später und schmunzelt, «aber das ist schon in Ordnung. Er selber kämpft ja auch nicht, weil er Dank erwartet, sondern, weil er das Gute will. Weil er das einfach in sich hat.» Vera Weber weiss, wovon sie spricht: Bereits seit 13 Jahren arbeitet sie hauptamtlich für die ­Tier- und Umweltstiftung Franz Weber, inzwischen als Vizepräsidentin. Doch schweizweite Präsenz erreicht sie erst im Zusammenhang mit der Initiative «Schluss mit dem uferlosen Bau von Zweitwohnungen», bei der sie sich so ins Zeug legte, dass sie gegen Ende der Kampagne im Dauereinsatz vor lauter Schlafmanko beinahe im Spital gelandet wäre. «Ich habe ein Pflichtbewusstsein, das mich manchmal fast umbringt», sagt sie und lächelt entschuldigend.

Innerlich fühle ich mich manchmal wie Hulk.

Mancher rieb sich bei ihren Auftritten die Augen: Diese gepflegte, feenartige Frau mit dem zurückhaltenden Auftreten, der leisen Stimme, dem sanften französischen Akzent und dem glatten Blondhaar sollte die Tochter von «Polteri» Franz Weber mit der wilden Mähne sein? Sie ist es. Und wie. «Sie ist durchdrungen von ihrer Arbeit für die Umwelt und die Tiere», sagt Franz Weber über Vera, «obwohl ich sie nie in diese Richtung gedrängt habe. Sie soll tun, was sie glücklich macht.»

Klein Vera (10)wirbt für die Initiative ihres Vaters, die 1985 klar abgelehnt wurde. (Bild: zVg.)
Klein Vera (10)wirbt für die Initiative ihres Vaters, die 1985 klar abgelehnt wurde. (Bild: zVg.)

Indes: Schon Veras Kindheit war von der Arbeit ihres Vaters geprägt. Nicht nur, weil sie auf Abstimmungsbroschüren posierte, sondern auch, weil sie als Tochter der «Nervensäge von Montreux», wie ihn Westschweizer Zeitungen auch schon bezeichnet haben, unter der Ablehnung gegen ihren Vater zu leiden hatte. Dass an ihrem neunten Geburtstag kein einziges der eingeladenen Kinder zur Party auftauchte, geht ihr bis heute nach. Erst als die Eltern sie an eine Privatschule schickten, konnte sie sich entfalten; absolvierte eine Handelsschule und die Hotelfachschule, lernte neben ihrer Muttersprache Französisch fliessend Deutsch, Englisch und Spanisch, was ihr heute bei der internationalen Zusammenarbeit nützt.

Geblieben ist eine gewisse Vorsicht: «Ich habe gelernt, meine Erwartungen immer ganz tief zu halten und mich nicht zu fest im Voraus zu freuen, dann wird man nicht so stark enttäuscht.» Sie lässt sich lieber positiv überraschen, etwa vom grossen persönlichen Engagement von Exponenten der SP und von den Grünen im Zusammenhang mit der Zweitwohnungsinitiative. Die Gegner – vor allem Politiker aus den Tourismusgebieten – hätten eben das gesagt, was zu erwarten gewesen sei, meint sie. Nicht weiter beunruhigend.

Nun kämpft sie dafür, dass die Initiative bei der Umsetzung nicht zu sehr verwässert wird. Strittige Punkte gibt es einige, bereits bei der Verordnung, die die Initiative konkretisieren soll: Es gibt aus Sicht der Initianten zu viele Schlupflöcher für den Bau von neuen Zweitwohnungen. «Da liegen noch ungefähr zwei Jahre Knochenarbeit vor uns», sagt Vera Weber. Sie meint damit auch das Lobbying, das nötig sein wird, wenn es dereinst um die Ausarbeitung des Ausführungsgesetzes geht.

Sie hat einen langen Atem und argumentiert differenzierter und sachbezogener als ihr Vater. Ihre andere Seite, der glühende Zorn, der sie durchflutet, wenn sie Zeugin von Ungerechtigkeit wird, kennt nur ihre Familie: Es ist noch nicht lange her, dass sie im Jähzorn mit der Faust eine Glasscheibe durchschlug. «Ich habe gelernt, mich in der Öffentlichkeit zu kontrollieren, weil man als Frau sonst schnell als hysterische Furie abgestempelt wird», sagt sie, «aber innerlich fühle ich mich manchmal wie Hulk» – das ist die Comicfigur, die grün, riesig und sehr böse wird, wenn man sie reizt.

Ein wenig vom extrovertierten Stil ihres Vaters blitzte durch, als Vera Weber im Frühjahr damit drohte, sich an eine gesunde Birke zu ketten, die im Berner Mattequartier im Zusammenhang mit einem Hochwasserschutz-Projekt gefällt werden sollte. «Ich hätte es getan», sagt sie, «ich hatte die Kette schon bereit.» Inzwischen wurde eine Kompromisslösung gefunden, und die Birke, sagt Vera Weber, mache riesige Blätter. «Wohl zum Dank», meint sie augenzwinkernd.

Auch bei ihrem Engagement gegen das Töten von Robben engagiert sich die Vegetarierin mit Totaleinsatz, wie einst ihr Vater. In Kanada wurde sie 2006 fast verprügelt, als sie die Robbenjagd mit einem Filmteam dokumentierte und stellte sich anschliessend trotzdem einer Hundertschaft von wütenden Robbenjägern zum Gespräch. «Kümmert euch doch um euren eigenen Kram! In Europa tötet ihr zum Spass Stiere in der Arena», sagte ihr damals die Frau eines Jägers. «Ich dachte zuerst: Man kann das Leiden der Robben nicht mit etwas anderem Schrecklichen rechtfertigen, aber irgendwie hatte die Frau auch recht.»

Mein Vater sagt, er höre erst in zehn Jahren auf.

Heute liegt ihr Fokus auf dem internationalen Kampf gegen den Stierkampf. Erste Erfolge machen sie so glücklich wie andere Frauen der Gang zum Traualtar: «Der 28. Juli 2010, als in Katalonien alle Stierkämpfe verboten wurden, war der schönste Tag in meinem Leben. Das ist ein gewaltiger Schritt in die richtige Richtung.» Fortschritte gibt es auch in Lateinamerika: Vor Kurzem wurden Stierkämpfe in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, für illegal erklärt. Sie ist überzeugt, dass solche Gesetze Signalwirkung haben. «Es hilft auch anderen gequälten Tieren, wenn man sieht, was erreicht werden kann.»

Selber hätte sie am liebsten eine Katze, aber da sie ständig unterwegs ist, muss sie sich mit Tigerkater Schnurrli begnügen, der ihren Eltern gehört. Am ehesten zu Hause fühlt sich die Heimatlose, die zwischen ihrem Elternhaus in Montreux und der Wohnung ihres Partners in Bern pendelt, im Grandhotel Giessbach über dem Brienzersee. Ihr Vater rettete das Gebäude einst mit einer nationalen Sammelaktion vor dem Abbruch, als Vera knapp neunjährig war. Als Jugendliche absolvierte sie hier ihre Praktika und arbeitete im Service. Heute sitzt sie als eidgenössisch diplomierte Hotelière im Stiftungsrat und ist Delegierte des Verwaltungsrats.

Eine eigene Familie mit Kindern plant sie nicht, die Arbeit sei ihr Kind, sagt Vera Weber, «da gebe ich 100 Prozent, man muss sich entscheiden, beides geht im Leben nicht.» Ob und wann sie das Lebenswerk ihres Vaters – die Fondation Franz Weber – als Präsidentin übernehmen wird, ist noch offen. «Mein Vater hatte vor zwei Jahren einen Hörsturz, das machte ihn ein wenig müde. Aber er sagt, dass er erst in zehn Jahren aufhören will. Übernehmen könnte ich jederzeit. Wenn aber jemand kommt, der für die Weiterführung dieses gewaltigen Instruments, das meine Eltern geschaffen haben, besser geeignet ist als ich, dann gehe ich. Wir leben ja nicht in einer Erbmonarchie. Im Tier- und Umweltschutz werde ich aber immer arbeiten.»

Die wichtigsten Initiativen und Kampagnen der Webers

Surlej, Schutz der Seenlandschaft des Oberengadins, 1965 (Bild: zVg.)
Surlej, Schutz der Seenlandschaft des Oberengadins, 1965 (Bild: zVg.)

1. Surlej, Schutz der Seenlandschaft des Oberengadins, 1965: Franz Weber verhinderte, dass aus dem winzigen Ort Surlej im Oberengadin eine Stadt für 25'000 Einwohner wurde. Der Durchbruch als Umweltschützer – und der Ursprung seiner Leidenschaft.

2. Weinberge von Lavaux, 1977:1977 wurde der Schutz des Lavaux dank Franz Weber in die Waadtländer Kantonsverfassung aufgenommen. Als der Artikel wieder aus der Verfassung gestrichen wurde, lancierte er ein zweites kantonales Volksbegehren, erfolgreich. 2007 wurde das Gebiet zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt.

3. Kampagne gegen den Robbenmord mit Brigitte Bardot, 1977 (Bild zVg.)
3. Kampagne gegen den Robbenmord mit Brigitte Bardot, 1977 (Bild zVg.)

3. Kampagne gegen den Robbenmord mit Brigitte Bardot, 1977:Die ganze Welt sprach von den Pressekonferenzen und Fernsehauftritten gegen das Abschlachten der Robbenbabys in Kanada, bei der sich Brigitte Bardot (damals 42) mit Weber solidarisierte. 1987 verbot die kanadische Regierung die industrielle Jagd auf Robbenbabys, doch heute werden stattdessen erwachsene Tiere gejagt.

4. Gründung der United Animal Nations, 1979:Die internationale Organisation nach dem Muster der Vereinten Nationen zählt über 120 Mitgliederorganisationen in der ganzen Welt. Ein Tiergerichtshof ahndet in öffentlichen Prozessen schwere Vergehen gegen die Tierwelt.

5. Rettung des Grandhotel Giessbach, 1983:Mit einer gesamtschweizerischen Sammelaktion erreichte Franz Weber, dass das historische Grandhotel Giessbach BE vor dem Abbruch gerettet und im ursprünglichen Stil von 1883 erhalten werden konnte. Heute floriert das Parkhotel Giessbach AG mit Vera Weber als Stiftungsrätin und Delegierte des Verwaltungsrats.

6. Rettung des antiken Delphi, 1987:1987 rettete Franz Weber die antike griechische Stadt Delphi vor dem Bau einer Aluminiumfabrik. Heute gehören die Ausgrabungen von Delphi zur Liste des Weltkulturerbes der Unesco.

7. Zweitwohnungsinitiative, 2012:Am 11. März 2012 sagte das Schweizervolk mit 50,6 Prozent Ja zur Initiative «Schluss mit dem uferlosen Bau von Zweitwohnungen». Die Auslegung des Initiativtextes entpuppt sich aber als komplex.

Autor: Karin Aeschlimann