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10. März 2014

Die Kunst des Loslassens

Jedes Kind ist anders: Die einen erkunden schon früh selbständig die Welt, andere haben Mühe, sich von den Eltern zu lösen. Entwicklungspsychologin Tina Lendi sagt, wie Kinder stressfreier loslassen können.

Kind mit Teddybär, das am Rockzipfel der Mutter hängt.
Kinder, die Mühe haben, selbständig zu werden, sollte man nicht dazu zwingen. Das setzt sie unter Druck. (Bild: Corbis)

Schluchzend klammert sich der vierjährige Till an seine Mutter und will partout nicht ohne sie in der Spielgruppe bleiben. Das bringt sie in arge Bedrängnis: Wie soll ihr Sohn selbständig werden, ohne dass sie ihn brutal von sich stösst?

Verunsicherungen sind normal. «Die einen wagen sich schon früh selbständig in die Welt hinaus, andere brauchen noch lange den Rückhalt eines Elternteils», sagt Tina Lendi (40), Entwicklungspsychologin am Marie-Meierhofer-Institut für das Kind in Zürich. «Grundsätzlich jedoch wollen Kinder ab Geburt selbständig werden.» Zwischen zwei und vier Jahren erhält dann das Thema Unabhängigkeit einen ersten Schub und wird allgegenwärtig. «Wie rasch ein Kind selbständig wird, hat auch damit zu tun, ob die Eltern das zulassen.»

Das Besondere an diesem Alter ist, dass Kinder sowohl den sicheren Elternhafen suchen als auch allein die Welt entdecken wollen, manchmal fast gleichzeitig. Je selbstsicherer sie sich fühlen, desto grösser wird ihr Erkundungsradius. Das heisst aber nicht, dass es jene Kinder einfach «besser» machen, die sich früher vom Rockzipfel lösen. Sie haben womöglich einfach nur die Erfahrung gemacht, dass es sowieso nichts nützt, Unterstützung zu suchen.

Auf der anderen Seite haben jene Kinder, die an ihrer Bezugsperson kleben, vielleicht das Gefühl entwickelt, sie könnten allein eh nichts schaffen. Die gute Mitte bilden die Kinder, die sicher gebunden sind. Das heisst für Tina Lendi: «Wenn sie Hilfe brauchen, wenden sie sich an ihre Bezugsperson, tanken dort kurz auf und gehen wieder munter auf Entdeckungstour.» Ihr wichtigster Rat lautet: «Kinder nicht über-, aber auch nicht unterfordern.»

Hat ein Kind mehr Mühe mit dem Selbständigwerden, sollte man es nicht dazu zwingen. Eine Aufforderung wie «Geh doch endlich mit den anderen Kindern spielen!» setzt es dann höchstens unter Druck. «Stattdessen können Eltern ihrem Kind die Unterstützung bieten, die es benötigt», rät Tina Lendi. Das kann auch heissen, ein Kind zwei Wochen lang täglich in den Kindergarten zu begleiten und so lange wie nötig bei ihm zu bleiben. «Das ist völlig in Ordnung», versichert die Psychologin: «Damit gibt man dem Kind das Gefühl, es ernst zu nehmen, und begleitet es in seine Selbständigkeit.»

Grundsätzlich gilt für Tina Lendi: «Selbständig werden ist gesund.» Aber erzwingen lässt es sich nicht.

Autor: Claudia Weiss