Archiv
16. März 2015

Die Kunst des Lachens

Das Internationale Filmfestival in Freiburg zeigt Komödien aus aller Welt. Doch lachen wir über das Gleiche wie die Japaner? Nicht der Humor unterscheidet sich von Land zu Land, sondern unser Umgang damit, sagt Humorforscherin Jenny Hofmann.

John Cleese
Ein Klassiker des britischen Humors: John Cleese und sein legendärer Monty-Python-Sketch aus dem «Ministry of Silly Walks». (Bild: Everett Collection/Keystone)

Humor ist eine knifflige Kunst. Was die einen lustig finden, entlockt anderen nur ein Gähnen oder gar Abscheu. Und so, wie sich der Sinn für Humor von Mensch zu Mensch unterscheidet, finden sich auch von Kultur zu Kultur Differenzen. Thierry Jobin (46), der künstlerische Leiter des Internationalen Filmfestivals in Freiburg , hat sich ein Jahr lang intensiv mit diesen Unterschieden beschäftigt. In der aktuellen Ausgabe vom 21. bis 28. März sind Komödien aus verschiedenen Kulturen ein Schwerpunkt, etwa aus Indien, Mexiko oder Südkorea.

«Humor ist tief in der jeweiligenKultur verwurzelt», sagt Jobin. «Man muss ihre Geschichte, ihre Eigenheiten und Normen kennen, um Humor zu verstehen und lustig zu finden. Nur schon die Romands und die Deutschschweizer lachen nicht immer über die gleichen Dinge.» Während «Die Schweizermacher» (1978) in beiden Landesteilen Begeisterung auslöste, war der Deutschschweizer Hit «Achtung, fertig, Charlie!» (2003) in der Romandie ein totaler Flop.

In Asien gibt es keine Tabus

Bei der Suche nach Komödien aus aller Welt verliess sich Jobin auf seine Freunde vor Ort, um ihm Filme aus den jeweiligen Ländern zu empfehlen. «In Komödien der westlichen Welt dreht sich der Humor oft um Puritanismus und Schuld, um gesellschaftliche Regeln, die gebrochen werden. Wer sie bricht, wird am Ende bestraft», sagt Jobin. «In asiatischen Komödien hingegen gibt es keine Tabus, da kann es auch um islamistischen Terror oder Partnertausch gehen.» Letztes Jahr unterhielt Jobin sich mit dem südkoreanischen Regisseur Bong Jooh-ho («Snowpiercer») über diese Unterschiede. «Er sagte mir, dass diese Offenheit und die oft viel plakativeren Gefühle mit den Traumas zusammenhängen, die Korea erlitten hat – die Kriege, die Teilung, die stete Bedrohung durch den Norden. Dies führe zu einem intensiveren Umgang mit Komik, Lust, Gewalt und Angst als in der Schweiz, die seit Langem nur Sicherheit, Ruhe und Wohlstand kenne. Er findet es seltsam, wie sehr wir unsere Gefühle verstecken.» Aber ist Humor wirklich von Land zu Land verschieden? Humorforscherin Jenny Hofmann (30) weiss mehr.

Jenny Hofmann, wie entsteht Humor bei einem Menschen?

Der Sinn für Humor kann als Teil der Persönlichkeit betrachtet werden. Genau so, wie sich der Charakter von Mensch zu Mensch unterscheidet, differiert auch der Humor. Eine breit anerkannte Theorie besagt, dass Humor acht verschiedene Facetten hat – jede davon ist in jedem Menschen vorhanden, aber in anderer Ausprägung, so entstehen die Unterschiede.

Wieso hat sich Humor beim Menschen überhaupt entwickelt?

Auch Primaten können bestimmte Situationen lustig finden und geben dann Geräusche von sich, die unserem Lachen sehr ähnlich sind. Humor ist ein Spiel mit Ideen. Schon in der Frühzeit musste der Mensch immer wieder Ideen entwickeln, um sich an neue Situationen anzupassen. Humor trägt dazu bei, neue Ideen und Lösungen zu generieren, er könnte also evolutionär einen Überlebensvorteil bringen. Zudem ist er ein wichtiges soziales Schmiermittel, er stärkt den Gruppenzusammenhalt. Aber man kann damit andere auch ausschliessen.

Jenny Hofmann (30) ist Humorforscherin am Psychologischen Institut der Universität Zürich.
Jenny Hofmann (30) ist Humorforscherin am Psychologischen Institut der Universität Zürich.

Unterscheidet sich der Humor von Kultur zu Kultur?

Unterschiedliche soziale Normen führen zu einem anderen Umgang mit Humor. In Japan etwa gilt es als unschicklich, in der Öffentlichkeit zu lachen. Man mag zwar etwas lustig finden, wird aber höchstens in den eigenen vier Wänden darüber lachen. Zudem gibt es je nach Kultur andere Ziele für Witze. In der Schweiz sind Österreicher gern das Opfer. Die Franzosen erzählen sich die gleichen Witze, die Österreicher werden aber durch Belgier ersetzt – andernfalls fänden sie sie nicht lustig. Grundsätzliche Präferenzen für bestimmte Arten von Humor je nach Kultur lassen sich in der Forschung hingegen nicht belegen.

Es gibt also keinen spezifischen nationalen Humor? Den Briten sagt man doch eine Neigung zu schwarzem Humor nach. Stimmt das etwa nicht?

Es gibt schon Anzeichen, dass bestimmte Formen in gewissen Ländern häufiger vorkommen oder anders gebraucht werden. Wenn man untersucht, wie viele Leute schwarzen Humor mögen, findet man wahrscheinlich keine nationalen Unterschiede. Fragt man hingegen, wie viele schwarzen Humor am Arbeitsplatz ihrem Chef gegenüber einsetzen, tun die Briten das sicherlich viel häufiger als die Schweizer. Das hat aber wieder mit sozialen Normen zu tun. Eine Studie hat kürzlich ergeben, dass in England 17 Prozent der Befragten eine pathologische Angst davor haben, ausgelacht zu werden. In der Schweiz sind es nur 5 Prozent. In England ist es wahrscheinlich sozial akzeptierter, in Alltag und Arbeitsleben mit Hohn und Spott zu reagieren – entsprechend mehr Leute fürchten sich davor.

Kann man auch später im Leben noch einen ganz anderen Humor entwickeln?

Absolut. Genau so, wie sich andere Persönlichkeitsmerkmale mit der Zeit wandeln. Heitere Gelassenheit fällt älteren Personen zum Beispiel leichter als jungen Leuten. Man kann seinen Sinn für Humor sogar gezielt trainieren, indem man zum Beispiel während des Tages auf Situationen achtet, die amüsieren (siehe Box rechts). Unsere Studien haben gezeigt, dass dies im Alltag zu positiven Veränderungen führen kann: Mehr Humor steigert die Lebenszufriedenheit