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27. Oktober 2014

Die Kultur-Nacht

Professorin Elisabeth Bronfen verrät zum Interview («Dunkelheit macht uns verletzlich») ihre besten Kulturtipps. Die Redaktion nennt ihre Favoriten aus Literatur, Musik, Film oder bildender Kunst – was sind Ihre?

Königin der Nacht
Die Arie der «Königin der Nacht» an den Bregenzer Festspielen 2013. (Bild Keystone)

DIE VORSCHLÄGE VON ELISABETH BRONFEN:
FILME

«American Graffiti» (1973) von George Lucas
Dieser Film nimmt ein alttradiertes literarisches Thema auf: Eine Nacht lang dürfen wir die Aktivitäten einer Gruppe High-School-AbsolventInnen in einer amerikanischen Kleinstadt mitverfolgen. Die Tagline des Films – «Where were you in 62?» – weist zugleich darauf hin, dass die fröhliche Unschuld, die diese Teenager zur Schau stellen, eine vergängliche ist: Die nächste Klasse junger Männer wird in den Vietnamkrieg geschickt. Ein Hauch Wehmut macht diese eine Nacht besonders anrührend.
«Taxi Driver» (1976) von Martin Scorsese
Der ganz junge Robert De Niro spielt hier den Vietnamveteranen Travis Bickle, der seine eigene psychische Umnachtung auf die Gefahren und Faszinationen der New Yorker Nachtwelt überträgt. Wie in einer urbanen Prärie rettet er dort ein junges Mädchen und bringt Outlaws zur Strecke. Durch Scorseses grandiose Filmbilder werden die Nächte, die Travis in seinem Taxi durchfährt, zugleich zu Kino im Kino.
MUSIK

«Die Zauberflöte» (1791) von Wolfgang Amadeus Mozart
Mozarts Königin der Nacht kämpft mit ihren Koloraturen gegen die grausame Vernunft des Sonnenpriesters Sarastro und zeigt, wie sehr der Zauber nächtlicher Fantasien uns in einen Bann zieht. Der klingt auch dann noch nach, wenn das Liebespaar von diesem dunklen Bereich Abschied genommen hat.

«Kind of Blue» (1959) von Miles Davis
In New York aufgenommen, lässt diese Platte einen in die Welt rauchiger Jazzclubs eintauchen, wie es sie heute nicht mehr gibt. Die Auszeit, die von den Klängen gefeiert wird, ruft ruhige Traumbilder hervor.
LITERATUR

«Der Sommernachtstraum» (1605) von William Shakespeare
Der Zauberwald ist der Ort, wo die Gewalt, die Blindheit und die Ekstase der Liebe ausgelebt werden können – als ein kollektiver Traum, in den wir als Leser oder Theaterzuschauerin auf märchenhafte Weise mit einbezogen werden.
«Traumnovelle» (1925) von Arthur Schnitzler
Am Anfang steht eine Gutenachtgeschichte, am Ende das Lachen eines zu morgendlicher Stunde erwachenden Kindes. Dazwischen finden sich die gelebten und geträumten Wanderungen durch jene gefährlichen Bereiche, welche die Nacht den Eltern ermöglicht. Mit ihnen begreifen auch wir am Schluss, dass man nie ganz aus dem anderen emotionalen Zustand erwachen kann, den der Traum darstellt.
WEITERE VORSCHLÄGE AUS DER REDAKTION:«30 Days of Night» (USA/NZ 2007)
Wenn es Winter wird in der Kleinstadt Barrow, hoch im Norden von Alaska, kommt eine Nacht, die 30 Tage lang dauert. Doch diesmal erhalten die wenigen Menschen Besuch von einer Horde hungriger Vampire. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Überlebender nimmt der Sheriff (Josh Hartnett) den Kampf auf. Wird es ihnen gelingen, bis zum Sonnenaufgang am Leben zu bleiben? Ein spannender, finsterer Horrorthriller von David Slade, in dem die Nacht wieder ist, was sie früher mal war: richtig gefährlich. Ralf Kaminski«Insomnia» (USA 2002)
Ein ausgebrannter Cop (Al Pacino) fahndet in Alaska nach einem raffinierten Killer. Der Polizist wird dabei von Schlaflosigkeit immer stärker zermürbt – denn er ermittelt im nordischen Hochsommer und erlebt endlose Tage. Mit grandiosen Bildern zeigt dieser Film, dass eine Nacht ohne Dunkelheit am unheimlichsten sein kann. Michael West«Nightmares! – die Schrecken der Nacht» (2014)
Hollywood-Star Jason Segel (bekannt aus «How I Met Your Mother», «Die Muppets» oder dem aktuellen Kinohit «Sex Tape») verfasste gemeinsam mit Co-Autorin Kirsten Miller eine fantastisch-unheimliche Buchtrilogie. Er ging von den Albträumen seiner Kindheit aus und inszenierte unterschiedliche Begegnungen seiner Figuren mit ihren jeweils grössten Ängsten. Yvette Hettinger«Munich Boazn»
München ist hip, edel und teuer. Ein Ort, an dem sich nur die Schickeria wohlfühlt – stimmt nicht. Oder zumindest nicht nur: Es gibt sie nämlich noch, die urigen Boazn, in denen hauptsächlich boarisch gsprochn wird. Mit holzvertäfelten Wänden, verstaubten Stoffvorhängen aus den 70ern und vergilbten (leider meist blauen) Fussballwimpeln. Lokale, wo sich Münchner Originale treffen. Lokale, die meist eine gemütliche Bierstubenatmosphäre bieten (ausser es ist grad Kneipenschlägerei). Lokale im Herzen der Stadt. Für mehr als eine Nacht. Wo man sie findet? Im dreiteiligen Bildband «Munich Boazn» von Maximilian Bildhauer. Reto VogtDas Schreckmümpfeli
Herzklopfen, gruslige Klänge, und schon ist man mitten im ironischen Kurzkrimi, der seit 1975 (jeweils am Montag um 23.04 Uhr auf Radio SRF 1) in Schweizer Stuben und Schlafzimmer dringt. Lästige Eheleute, nervige Chefs, unliebsame Konkurrenten werden schnell und schmerzlos ausgeschaltet. Minimalistisch erzählt und von atmosphärischen Geräuschen begleitet, bietet das «Schreckmümpfeli» einen bittersüssen Abschluss des Tages und Stoff für Rächerträume aller Art. Monica MüllerWayne Shorter oder Franz Schubert
Die besten Nacht-Stücke kann man schlaflos immer wieder hören, fordern die Konzentration aber auch tagsüber. Schliesslich verbinden sie viel traumwandlerische Sicherheit mit etwas grüblerischer Recherche. Bei klassischen Jazzvirtuosen (und -komponisten) ragt für mich mit «Night Dreamer» die erste grosse Eigenproduktion von Wayne Shorter von 1964 (auf Blue Note Records) heraus. Sein Abschied vom Hardbop, unterwegs zu vielseitigeren Settings.

Untrennbar zur Nacht gehören auch kleine Formen der Romantik: Noch viel mehr als die berühmten, oft fast aufgeräumt-spielerischen Nocturnes-Stücke von Frédéric Chopin empfehlen wir deutsche Liedkunst: Zuallererst Franz Schuberts Vertonung von Friedrich von Schlegels «Der Wanderer». Da wird für einmal weniger nach Licht oder Klarheit gesucht, als tatsächlich auch welche zelebriert. Verantwortlich dafür ist der personifizierte Mond mit dem Tipp, stets mutig den eigenen Weg zu gehen – wie er. Am besten besorgt man sich die ganze Schubert-Liedsammlung «An den Mond» mit Dietrich Henschel (Gesang) und Helmut Deutsch (Klavier) bei Harmonia Mundi. Reto Meisser

UND IHRE TIPPS?
Welches Buch, welcher Film, welches Musikstück, Bild oder andere Kunstwerk trifft Ihre Idee von Nacht am besten? Verraten Sie Ihren Vorschlag in einem Kommentar.