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10. September 2012

Die Komik des Unwillens

Max Rüdlinger spielte nicht nur in bekannten Kinofilmen amüsante Nebenrollen, er verkörperte als Hauptdarsteller speziell in Filmen von Clemens Klopfenstein einen der schrägsten Typen überhaupt – sich selbst? Eine Hommage mit den ExLibris-Bestelllinks.

Er ist ein unsympathischer Begleiter des Radstars in «Hugo Koblet – Pédaleur de Charme» , ein lächerlicher Offizier in der RS-Burleske «Achtung, Fertig Charlie!» oder ein ähnlich Lebens- und Sympathie-freier Polizeichef in «Strähl», hatte auch witzige Intermezzo-Auftritte in «Tandoori Love» oder in «Tell», aber ohne lang anhaltende Wirkung.

Zumeist wurde er in diesen erfolgreichen Produktionen als genau festgelegter Typ besetzt: Einer mit einer urschweizerischen Seite, welche die Abneigung gegen jede Veränderung und Grosszügigkeit beinahe erfunden zu haben schien. Einer mit übler Laune, den man auf der Strasse lieber nicht anspräche, wenn man nicht müsste. Einer, der nicht selten Opfer eines Wortgefechts oder Slapsticks wurde.

Das Kuriose ist: Max Rüdlinger kann viel mehr, als er in solchen Auftritten als schnell heftendes Abziehbildchen zeigen kann, und spielt dabei doch keine so andere Rolle als die des übel gelaunten Bünzli. Am besten traf ihn früh in seiner Schauspielkarriere Clemens Klopfenstein. Der engagierte ihn tatsächlich dank einem Auftritt als ‚echter‘ Max Rüdlinger an einer Politdemo 1981 für den ersten Film.
Ein Zufall? Nein. Etwas demonstrieren, das heisst zwar aufzubegehren und Nein zu sagen, jedoch bloss als Mitläufer, das passt zu seiner Rolle, die er darauf in mehreren Low-Budget-Filmen Klopfensteins entwickelte und perfektionierte. Ob man bei Klopfenstein grösstenteils den echten Rüdlinger sieht oder ob dieser an der Demo damals bereits eine Rolle spielte (tut das etwa jeder Demonstrant?), liess sich nie schlüssig feststellen.

Mit Polo um die Welt
Klar ist, dass Rüdlinger besonders in «Das Schweigen der Männer» und in den «Feuerland»-Streifen die Verweigerung auf die Spitze trieb. Er war der perfekte Schwarzseher, der jeder alltäglichen Begebenheit eine so tiefschwarze Bedeutung entlocken konnte, dass Friedrich Dürrenmatt mit seiner am Stückende angelegten ‚schlimmstmöglichen Wendung‘ im Vergleich längst aufgegeben hätte. Der Griesgram liess sich zu nichts begeistern, liess Polo Hofer rund um die Welt als naivst gutgläubigen Kerl dastehen und seine (auch im Leben) Partnerin Christine Lauterburg ohnehin.
Besonders raffiniert dabei, dass ihn auch die eigene Rolle als männliche Kassandra letztlich anödet und er dies durchaus zu erkennen gibt.

Im Grunde feiert Rüdlinger in den besten Momenten die Verweigerung an sich, auch die gegenüber seiner Besetzung als Stimmungskiller und Bremser. So bringt er das Leben und die filmische Handlung im wenig postkarten-idyllischen Italien oder im Bernischen bisweilen zum Stillstand, treibt die Nerven der anderen Figuren (und der Regie?) an den Abgrund und das Staunen des Publikums über Szenen der fast perfekten Langeweile, die einen doch nie flüchten lassen, in ungewohnte Höhen .
Die hohe Kunst eines modernen Verwandten von Hermann Melvilles Bartleby, der «es vorziehen würde, (es) nicht … (zu tun)». Am liebsten würde er zu allem nicht einmal Nein sagen und dennoch verschont bleiben. Das wär schön.

Die Covers der beiden DVD mit den schrägsten Rüdlinger-Filmen
Die Covers der beiden DVD mit den schrägsten Rüdlinger-Filmen. (ExLibris.ch)

DIE FILME BEI EXLIBRIS.CH «Das Schweigen der Männer» (1997): Musiker Polo Hofer und Max Rüdlinger reisen durch die Welt und … schweigen nicht. Männlichkeit, die Schweiz und die Welt und vieles mehr wird mal gründlich und mal im Handumdrehen verhandelt, (Er-)Lösung ist aber weit und breit nicht in Sicht.

«Eine Nacht lang Feuerland» und «Feuerland 2» (zusammen mit «Giro»): In «Eine Nacht lang Feuerland» (1981) von Klopfenstein und Remo Legnazzi lernt ein junger Radiomoderator (Rüdlinger) Chrige (Christine Lauterburg) kennen und verbringt die Nacht mir ihr – auf den Strassen Berns und in der Hoffnung, die Welt verändern zu können.
Genau ein Jahrzehnt später legten die Regisseure mit «Füürland 2» ein Sequel nach, das keines ist. Bereits neben Polo Hofer muss der mittlerweile für ein Privatradio arbeitende Reporter eine Wettbewerbsgewinnerin (Katharina Kilchenmann) aufspüren. Kriegt sie das Kilo Gold und 10 Kilos Schokolade, die Schweiz ein würdiges 700-Jahr- sowie Bern ein eben solches 800-Jahr-Fest? Und was, verdammt nochmal, kriegt Max?

Autor: Reto Meisser