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28. April 2014

Die Körpersprache von Promis

Papst Franziskus, Angela Merkel oder Ueli Maurer: Was verraten ihre Gesten? Körpersprachexperte Stefan Verra analysiert ihre Auftritte und erklärt im Interview, was ein Lächeln bewirken kann und worauf man beim ersten Date achten sollte (rechts unter «Körpersprache für alle Lebenslagen»).

Marissa Mayer, Vorstandsvorsitzende von Yahoo

Quelle: Youtube

Mit dem blonden, glatten Haar wirkt Marissa Mayer wie ein Mädchen, ja fast wie eine Barbie. Hier verhält sie sich auch sehr mädchenhaft: Sie lächelt extrem viel und neigt den Kopf stets leicht. Ausserdem hält sie die Ellenbogen immer eng am Oberkörper und macht sich damit schmal. Das ist nicht sehr alphatiermässig. Dafür signalisiert Mayer viel Offenheit, indem sie oft die Handinnenflächen zeigt. Zwischendurch ist sie aber gar nicht mehr das nette Mädchen, nämlich wenn sie mit dem Kopf nach vorne stösst. Damit verleiht sie ihren Worten Nachdruck. Sehr interessant ist der Moment kurz nach 55 Sekunden: Mayer klammert sich für einen Moment mit den Fingern am Pult fest. Irgendetwas muss ihr da peinlich sein. Gleichzeitig macht sie einen Lacher, der gar keiner ist. Vielmehr ist es ein Hecheln, das dazu dient, das Zwerchfell zu entspannen. Das ist ein starkes Unterlegenheitssignal. Wenn Marissa Mayer die Hostess einer Veranstaltung wäre, wär dieser Auftritt toll, aber nicht für eine Herrin über Milliarden. Sie muss eine gute Netzwerkerin sein, denn mit dieser Körpersprache wäre sie nie so weit gekommen, wie sie jetzt ist.

Papst Franziskus

Quelle: Youtube

Papst Franziskus ist ein Naturtalent in Sachen Körpersprache. Er weiss genau, wie wichtig das Visuelle ist. Hier tritt er nach seiner Wahl zum Papst erstmals vor die Gläubigen und zeigt innerhalb von zwei Minuten, was für ein Papst er sein wird, nämlich ein bescheidener. Mit der Hand signalisiert er einen Gruss, aber nur einen winzigen. Dann steht er minutenlang nur da, mit hängenden Armen – und strahlt so die totale Demut aus. Da gibt es keine Machtgeste, nichts Triumphales – ganz anders als bei seinen zwei Vorgängern. Mit seinem ersten Auftritt hat Franziskus die Herzen schon erobert. Seine Bescheidenheit kommt aus dem Innersten. Sonst würde sie nicht so echt wirken.

Roger Federer, Tennischampion

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Roger Federer ist ein richtiger Schnucki. Gleich zu Beginn des Interviews zeigt er etwas Nervosität, als er sich über die Oberschenkel streicht – so etwas tut man, um sich selber zu beruhigen. Damit und auch ganz allgemein wirkt er wahnsinnig sympathisch und gleichzeitig natürlich. Obwohl er so gross ist, neigt er den Kopf ein wenig, wodurch er die Leute von unten her anschaut. Das signalisiert Unterlegenheit und macht ihn noch zugänglicher. Dazu grinst er über beide Ohren. Dass Federer aber auch ein richtiger Macho ist, zeigt sich in seiner Haltung. Er sitzt genau so da, dass der Blick des Zuschauers direkt in seinen Schritt geht. Und bei zirka 45 Sekunden macht er eine winzige Bewegung mit der Hüfte, als vom neusten Triumph in Wimbledon die Rede ist. Das ist eine kleine Triumphgeste, die mich überhaupt nicht erstaunt. Ohne eine gehörige Portion Testosteron kann man Federers Leistungen ja gar nicht erbringen.

Angela Merkel, Deutsche Bundeskanzlerin

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Angela Merkel ist einfach keine Rampensau. Im Mittelpunkt zu stehen, ist ihr wahnsinnig unangenehm. Bei diesem Auftritt macht sie ein Gesicht, als ob sie von etwas Gefährlichem bedroht würde. Einmal dreht sie sich sogar weg, nach hinten! Sie würde am liebsten wegrennen. Auch ihr Winken ist ganz klein und kurz. Als sie das Publikum grüsst, geht die Hand zwar nach oben, aber der Kopf nach unten. Damit schwächt sie die Geste gleich wieder ab. Richtig locker wirkt sie nur, als ein Mikrofon zu Boden fällt und die Aufmerksamkeit von ihr weg geht. Da ist sie richtig erleichtert. Dann wird sie gelobt, und das gefällt ihr, aber nur in einem kleinen Teil des Gehirns. Darum lächelt sie mit dem halben Mund «volle Kanne», während der andere Mundwinkel nach unten zeigt. Der einzige Ausbrecher aus ihrer reduzierten Gestik kommt bei Minute 1.28, als sie an die Kante des Rednerpults greift. Das ist tatsächlich eine kleine Machtgeste.

Barack Obama, Präsident USA

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Obama ist Körperspracheschule für jedermann. Er hält den Kopf hoch, zeigt die Zähne, bewegt sich viel und lacht – und zwar genau so, wie man lachen sollte: breit und offen. Damit gewinnt er. Auf grossen Bühnen ist er unschlagbar, das zeigt sich wieder in seiner Berlin-Rede. Da ist er noch besser als einst JFK. Hingegen wirkt Obama als Netzwerker abseits der Öffentlichkeit nicht so geschickt wie einst Clinton.

Ueli Maurer, Bundesrat SVP

Ueli Maurer kann man lesen wie ein offenes Buch. Bei diesem Interview fällt auf, wie steif er dasitzt. Er klammert sich am Sessel fest und lehnt sich mit dem ganzen Körper sehr weit nach hinten. Weiter könnte er sich von seinem Gegenüber gar nicht entfernen. Offenbar fühlt er sich in der Situation unsicher und unwohl. Zudem sind seine Füsse nach innen angewinkelt. Für diese defensive Haltung ist auch die Journalistin verantwortlich. Sie richtet eine Fussspitze direkt auf Maurer. Deshalb ein Tipp an alle Journalisten: Setzt Euch dem Interviewpartner nicht frontal gegenüber, denn das wirkt konfrontativ. Besser ist eine Sitzordnung übers Eck. Interessant ist in diesem Video übrigens auch, wie Ueli Maurer bei Minute 10.23 das iPad nicht annimmt, das ihm die Journalistin reicht. Es wirkt, als ob es da etwas ganz Unangenehmes zu sehen gebe. Alles in allem ist das kein lockeres Gespräch. Beide tun nur so. Link zum Video (Quelle: SRF).

Autor: Yvette Hettinger