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20. Februar 2012

Die Königin im Tal der Mumien

Bereits als Kind träumte Susanne Bickel davon, Ägyptologin zu werden. Ihr Wunsch ging in Erfüllung. Heute leitet die Basler Wissenschafterin archäologische Ausgrabungen im sagenumwobenen Tal der Könige.

Ägyptologin Susanne Bickel
Ägyptologin Susanne Bickel leitet die Ausgrabungen im Tal der Könige.

Susanne Bickel (52) war nicht aufgeregt, als sie in der kleinen Grabkammer kauerte, am 12. Januar 2012, nahe der oberägyptischen Stadt Luxor, im sagenumwobenen Tal der Könige. Ein Jahr musste die Ägyptologin auf diesen Moment warten. Denn entdeckt wurde die Grabkammer schon am 25. Januar 2011, an dem Tag, als in Kairo die ägyptische Revolution ausbrach. Weil die politische Lage zu unsicher war, mussten die Forscher das Grab mit einem Eisentor verschliessen und unverrichteter Dinge abreisen.

Seit 1922 wurde im Tal der Könige kein neues Grab mehr entdeckt. Der Fund gilt als Sensation: In der Grabkammer befand sich ein vollständig erhaltener Sarkophag sowie eine hölzerne Grabtafel, eine sogenannte Stele.

Ich war ergriffen, als ich sah, was sich im Sarkophag befand.

Susanne Bickel schaute auf den zwei Meter langen, dunklen Holzsarkophag, der ganz bedeckt war von einer dicken Staubschicht — und war nicht aufgeregt. Als würde die Vorsteherin des Ägyptologischen Seminars der Universität Basel jeden Tag 3000 Jahre alte Sarkophage öffnen. Es hatte zu wenig Licht, sie und ihre fünf Mitarbeiter mussten sich absprechen: Wohin mit der Lampe, wer hebt den Deckel wo und wann? Susanne Bickel hielt die Videokamera in den Händen, um das Prozedere zu dokumentieren — immer noch nicht aufgeregt. Ganz sachlich, ganz die Wissenschafterin. Und dann doch: Von einer Sekunde auf die andere, wurde es ganz still in der Grabkammer.

Durch eine kleine Lücke konnten die Forscher einen ersten Blick auf den dahinter liegenden Sarkophag werfen.
Durch eine kleine Lücke konnten die Forscher einen ersten Blick auf den dahinter liegenden Sarkophag werfen.
Bei dem Fund handelt es sich um eine Dame aus der Oberschicht. Diese wurden im alten Ägypten herrschaftlich bestattet.
Bei dem Fund handelt es sich um eine Dame aus der Oberschicht. Diese wurden im alten Ägypten herrschaftlich bestattet.


Grabesruhe im Namen der Wissenschaft gestört

«Dieser Moment hatte etwas sehr Intimes», erzählt Susanne Bickel wenige Wochen später, während sie in ihrem Kaffee rührt, an den Füssen dicke Winterstiefel, den Blick nach draussen in das Basler Schneegestöber gerichtet. «Ich war schon etwas ergriffen, als ich sah, was sich im Sarkophag befand», sagt sie. Aber Freude sei nicht das Einzige gewesen, was sie empfand. In solchen Momenten stelle man sich moralische Fragen. Schliesslich störe man die Grabesruhe einer Verstorbenen. Aber Archäologie sei wie die Medizin, sagt Susanne Bickel. Man muss zerstören, um neues Wissen zu erlangen. Im Sarg lag die 1,55 Meter grosse Mumie einer Frau. Diese hiess Nehemes-Bastet und stammte aus der Oberschicht, war die Tochter eines Tempelpriesters. Wie sie ihr Leben im 9. Jahrhundert vor Christus gelebt hat und wie sie gestorben ist, wird sich erst in den nächsten Wochen und Monaten genauer sagen lassen. «Der Fund ist erst der Anfang, die wirkliche Arbeit fängt jetzt an», sagt sie. Darauf freue sie sich sehr. Eine Lebenswelt zu rekonstruieren, die es vor Tausenden von Jahren gegeben hat, das fasziniere sie. Es sei wie Puzzeln oder Detektiv spielen.

Die Forscher hatten Mühe, den Deckel zu heben. Der Sarkophag war mit Holznägeln verschlossen.
Die Forscher hatten Mühe, den Deckel zu heben. Der Sarkophag war mit Holznägeln verschlossen.
Die Mumie befindet sich in einem gutem Zustand. Weder Wasser noch Insekten haben sie beschädigt.
Die Mumie befindet sich in einem gutem Zustand. Weder Wasser noch Insekten haben sie beschädigt.


Mit 17 Jahren lernte sie Hieroglyphen

Susanne Bickel ist in Bern aufgewachsen, als einziges Kind eines Naturwissenschafters und einer Hauswirtschaftslehrerin. Sie habe sich schon als Kind für Geschichte interessiert, für die alten Kulturen. Sie habe es geliebt, durch Museen zu schlendern, Kathedralen und antike Stätten zu besuchen, sagt sie.

Als sie 17 Jahre alt war, zog die Familie für ein halbes Jahr nach England, wo Susanne Bickel eine Sprachschule besuchte. Ihre freien Nachmittage verbrachte sie oft in der ägyptischen Abteilung des British Museums, bewunderte die Mumien, Sarkophage, Papyrusrollen und den weltberühmten Stein von Rosette. Im Buchladen nebenan kaufte sie sich eine ägyptische Grammatik, lernte nach der Schule die Hieroglyphen. In dieser Zeit habe sich ihr Kindheitswunsch, Ägyptologie zu studieren, verstärkt — in ferne Länder zu reisen, alte Welten zu entdecken.

Frühmorgens, wenn die Luft noch kalt und es ganz still ist, weil noch keine Touristen da sind, gefällt Susanne Bickel das Tal der Könige am besten.
Frühmorgens, wenn die Luft noch kalt und es ganz still ist, weil noch keine Touristen da sind, gefällt Susanne Bickel das Tal der Könige am besten.

Wie Indiana Jones? Sie lacht. Nein. Einfach loszuziehen und immer etwas zu finden, das entspreche überhaupt nicht der Realität. «Die meiste Zeit verbringe ich im Büro zwischen Papierbergen», sagt die Wissenschafterin. Geld für Projekte auftreiben, diese organisieren und leiten, an der Universität lehren, Kongresse und Tagungen besuchen, das sei ihre Hauptarbeit. Umso mehr geniesst sie es, wenn sie zu Ausgrabungen reist. Nach Ägypten geht es mehrmals im Jahr. Im Gepäck: viele Kleider — denn die Arbeit in der Wüste ist staubig und schweisstreibend —, Schokolade für ihre Bekannten und das Team und ein Sack voller weisser Stoffhandschuhe. Auf dem Markt in Kairo könne man lange nach solchen Arbeitshandschuhen suchen. Und die sind für die Arbeit zwingend notwendig. «Fasst man das jahrtausendealte Holz des Sarkophags mit blossen Händen an, hinterlässt man Flecken», sagt die Professorin.

Ich freue mich über jede Tonscherbe, die wir finden!

Frühmorgens, knapp nach sieben Uhr, wenn die Sonne über den umliegenden Gebirgsketten aufgeht, die Luft noch kalt und es ganz still ist, weil noch keine Touristen da sind, gefällt ihr das Tal der Könige am besten. Funde dokumentieren, Skizzen anfer- tigen, Vermessungen machen, Fundstücke säubern. Vor Ort gearbeitet wird bis nachmittags um halb zwei. Nach einem Glas traditionellen Schwarztees geht es zurück in das Haus, das die Wissenschafter gemietet haben. Dort verfassen sie Berichte, lesen Fachbücher. Feierabend ist um 21 Uhr, und bereits um 6 Uhr am nächsten Morgen geht es wieder zu den Gräbern.

Keine Grenze zwischen Arbeit und Privatleben

Und wie steht es um ihr Privatleben? Eine Grenze zwischen Arbeit und Freizeit gebe es nicht. «Ich lebe sehr intensiv, mache das, was mir Spass macht», sagt die Mutter einer 17-jährigen Tochter und eines 14-jährigen Sohns. Hätte sie mehr Zeit, würde sie mehr musizieren, Klavier und Cello.

Voraussichtlich bleibt Susanne Bickels Agenda jedoch weiterhin so voll wie bisher, denn im Tal der Könige gibt es noch zwei weitere Gräber, die die Basler Forscher in den nächsten Monaten öffnen werden. Doch es müsse nicht jedes Mal ein solcher Sensationsfund sein, sagt die Ägyptologin. «Ich freue mich über jede Tonscherbe, die wir finden.»

Autor: Nathalie Bursać

Fotograf: Matthias Willi