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05. September 2016

Die kleine Seilbahn ins Glück

Dort, wo keine Strasse mehr hinführt, sind sie eine der letzten Verbindungen zur Aussenwelt: Die Seilbahnen. Insbesondere in der Zentralschweiz sind dutzende kleine Bähnli der Lebensnerv von Menschen, die in der Abgeschiedenheit und Ruhe ihr Glück gefunden haben – oder: Wer sein Bähnli liebt, der schwebt.

Die Materialbahn bringt die Alpmilch ins Tal
Die Materialbahn bringt die Alpmilch runter ins Tal – und Feuerholz und Proviant auf die Alp Zingel.

Die Fahrt mit einer der kleinen Seilbahnen ist nicht selten ein Abenteuer. Zum Beispiel dann, wenn die Rollen der kleinen Gondel beim Masten vorbeirattern, und die Kabine hundert Meter über dem Boden leicht zu schaukeln beginnt. Je kleiner solche Seilbähnli nämlich sind, umso direkter, umso intensiver spürt man die Fahrt.

Es gibt Menschen, für die hat eine Seilbahnfahrt nichts mit Abenteuer zu tun, sondern sie gehört zu ihrem Arbeitsalltag. Ihr eigene Seilbahn ist die schnellste und kostengünstigste Verbindung ihrer Alp oder ihres Bauernhofes zur Aussenwelt. Zu teuer wäre der Bau einer Strasse, zu aufwendig deren Unterhalt. Drei Familien, hoch oben auf dem Berg, erzählen, wie das Leben mit einer Seilbahn als Transportmittel funktioniert.

ALP ZINGEL, URNERBODEN UR

Die Materialbahn für den Alpkäse

Gemeinsam belädt die Familie Imholz ihr Bähnli mit Milchkannen.
Gemeinsam belädt die Familie Imholz ihr Bähnli mit Milchkannen.

Ohne ihr Seilbähnli könnte sich Familie Imhof das Älplern nicht vorstellen. Gut 1800 Meter über Meer liegt die Alp Zingel. Wer hierher kommen will, der muss gute Wanderschuhe tragen und erstmal einen Aufstieg vom «Urnerboden» aus von rund einer Stunde in Kauf nehmen. Eine Strasse zur Alp gibt es nämlich nicht. «Hier oben ist man in einer anderen Welt», sagt Rita Imhof (44), die zusammen mit ihrem Mann Klaus (54) und ihren beiden Kindern Thomas (16) und Sarah (14) seit Juli auf der Alp lebt.

In dieser anderen Welt grasen 21 Kühe und zwei Kälbli auf einer saftig grünen Wiese, die Alp selber liegt auf einem kleinen Zwischenboden, hinter ihr ragen die Felswände 100 Meter weit in den Himmel. Unten im Tal schlängelt sich die Strasse des Klausenpasses. «Wir geniessen die Zeit auf dem Zingel als Familie sehr. Sie schweisst uns zusammen», sagt Rita Imhof. Viel Platz bietet die kleine Alphütte nicht. Die Imhofs schlafen in einem Massenlager alle nebeneinander, in der kleinen Stube spielen sie abends Brettspiele, klopfen einen Jass oder lesen Zeitung.

Ihre Tage auf der Alp sind geprägt von viel Arbeit. In den 100 Alptagen stellen sie knapp eine Tonne Alpkäse her. Dies wäre jedoch nicht möglich, hätten sie hinter dem Haus nicht ein kleines Seilbähnli, das die Verbindung zur Welt unten im Tal ist. Mit ihr transportiert die Alpfamilie Holz für das Feuer,einen Teil der Milch für die neue Alpkäserei Urnerboden, Lebensmittel aus dem Dorfladen, Medikamente und sonstigen Proviant.

Die Seilbahn sei dafür ein sehr zuverlässiges Transportmittel. Die Imhofs dürfen jedoch nur Material und keine Personen auf der Seilbahn transportieren. Dafür fehlt die Bewilligung. «Nur im absoluten Notfall, bei schwerer Krankheit oder Unfall, wenn die Rega nicht fliegen kann, könnten wir jemanden aufs Bähnli binden», sagt Klaus Imhof.

Damit die Seilbahn zuverlässig fährt, wird sie einmal im Jahr von der Familie gewartet. Dazu gehört unter anderem, das Stahlseil der einen Kilometer langen Bahn neu einzufetten. «Mein Mann kann vieles selber flicken. So ist der Betrieb der Bahn günstig», sagt Rita Imhof.

Gebaut hat die mit einem Benzinmotor betriebene Seilbahn Rita Imhofs Vater vor bald 50 Jahren. «Ohne sie wären wir auf Helikopterflüge angewiesen, um die Milch und den Käse ins Tal transportieren zu können. Das würde sich finanziell nicht lohnen», sagt Klaus Imhof. Auch sonst werde man mit Arbeit auf der Alp sicher nie reich. «Darum geht es ja auch nicht. Wir wollen zur Natur Sorge tragen und sie pflegen. Älplern ist ein Virus. Ist man mal mit ihm infiziert, will man nichts anderes mehr», sagt Rita Imhof.

WITERSCHWANDEN-EGGENBERGLI, SPIRINGEN UR

Das Seilbähnli für Menschen und Kälber

Martin Gisler ist froh, dass sein Hof nur über die Seilbahn erreichbar ist
Martin Gisler ist froh, dass sein Hof nur über die Seilbahn oder zu Fuss erreichbar ist und der Stress unten im Tal bleibt.

Die Seilbahn Witerschwanden-Eggenbergli kennt Martin Gisler schon sein ganzes Leben. Sie ist die Verbindung seines Bauernhofes mit dem Tal. Als Bub kam er dank der Seilbahn zur Schule, als Jugendlicher in den Ausgang und heute, mit 54 Jahren, sorgt er als stellvertretender Betriebsleiter der Seilbahngenossenschaft Witerschwanden-Eggenbergli in Spiringen im Kanton Uri für deren reibungsloses Funktionieren.

Seit dem Jahr 1953 existiert die Seilbahn schon. Gebaut wurde sie von der ehemaligen Zentralschweizer Seilbahnbaufirma Remigi Niederberger und Söhne. Eine Strasse auf den Berg gibt es nicht. 30 bis 40 Personen sind auf die Seilbahn angewiesen. Mit ihr fahren sie ins Tal, um zum Beispiel Einkäufe zu erledigen. «Da überlegt man sich vorher schon gut, was man die nächsten Tage so braucht», sagt Gisler, der mit seiner Frau Annagret (50) und den drei Kindern Paul (27), Franziska (25) und Sepp (21) auf dem Eggenbergli wohnt.

Nicht nur die Einheimischen sondern auch viele Wanderer benützen die Seilbahn regelmässig. Die Fahrt mit einer der beiden kleinen grünen Gondel ist beschaulich und romantisch. Langsam gleitet sie den Berg hinauf. Oben bietet sich eine fantastische Weitsicht: Unten im Tal liegt der dunkelblaue Urnersee, Bürglen und Altdorf wirken wie Dörfchen im Swissminiatur.

Wegen des atemberaubenden Panoramas ist das Eggenbergli auch im Winter bei Touristen beliebt. «Dann kommen Varianten-Skifahrer auf den Berg. Auch wir fahren regelmässig im Pulverschnee ins Tal», sagt Gisler. Wenn Touristen die Seilbahn benutzen wollen, müssen sie für acht Franken einen Jeton lösen in einem von fünf Restaurants im Tal. Das Jetonsystem gibt es seit 1984. Vorher musste extra jemand die Bahn bedienen.

Nicht nur Menschen fahren mit der Seilbahn ins Tal, sondern auch Tiere. Martin Gisler mästet auf seinem Hof Kälber. Im Frühling bringt er sie mit der Seilbahn ins Tal hinunter. 180 bis 200 Kilo wiegt so ein Kalb, für die Seilbahn ist das kein Problem. «Wir binden das Tier jeweils an und fahren mit ihm die 1500 Meter lange Strecke runter», sagt Gisler. Gefährlich sei das nicht. «Das Kalb bleibt in der Regel ruhig».

Auch sonst sei die Fahrt mit dem Seilbähnli sicher. Nur wenn es stürmt sorgt ein Windmesser dafür, dass die Seilbahn automatisch abstellt. Einen Unfall habe es jedenfalls in all den Jahren noch nie gegeben. «Die Bahn wird ja auch jedes Jahr von den kantonalen Behörden kontrolliert», sagt Gisler. Und sie sei – für ihr Alter – ziemlich gut in Schuss. Martin Gisler hofft, dass das Seilbähnli aufs Eggenbergli noch lange weiter fahren kann. «Wir mögen die Abgeschiedenheit. Wir sind nicht so gestresst wie die im Tal unten. Eine Strasse würde uns diese Ruhe nehmen.»

WISSIFLUH BEI VITZNAU LU

Die Seilbahn zum Berggasthof

Jürg Trionfini schwärmt für sein historisches Seilbähnli
Jürg Trionfini schwärmt für sein historisches Seilbähnli: «Das ist für die Ewigkeit gebaut.»

Die Fahrt auf die im Kanton Luzern, oberhalb von Vitznau, gelegene Wissifluh beginnt mit einem Anruf zur Bergstation. Ein nostalgisches, schwarzes Telefon mitsamt schwerem Hörer hängt an der Wand im Tal. In der Gaststube vom Berghotel Wissifluh nimmt der Seilbahnbetreiber, Gastronom und Bauer Jürg Trionfini den Anruf entgegen. Trionfini bittet zunächst um ein wenig Geduld, da nach einem Blitzschlag in der vergangenen Nacht die Bahn nur manuell und nicht über die Fernsteuerung vom Hotel aus bedient werden könne. Die 930 Meter lange Fahrt auf die Wissifluh ist auch ohne Blitz und Donner abenteuerlich. Dichter Nebel ist aufgezogen, langsam entschwebt die kleine rote Gondel darin, ei den Masten schaukelt sie leicht, auf der Hälfte der Strecke kreuzen sich die beiden Kabinen.

Oben wartet bereits Jürg Trionfini, der zusammen mit seiner Frau Sylvia (61) und seinem Sohn Sydney (21) seit 29 Jahren auf diesem Stückchen Heimat lebt und arbeitet. «An diesem autofreien Ort ist die historische Seilbahn der Lebensnerv unseres Geschäfts», sagt Trionfini. Der 57-Jährige ist nicht nur Gastgeber des Berghotels, sondern auch Landwirt. In seinem konsequent biologisch geführten Kleinbetrieb leben Grauvieh-Rinder, Wollschweine und Bienen. Die daraus erzeugten Nahrungsmittel werden ausschliesslich im angegliederten Gastgewerbe verbraucht. Weil die Ressourcen begrenzt sind, sollten sich die Gäste vorher bei Trionfini anmelden und reservieren. Dann steht der gemütlichen Fahrt mit der historischen Seilbahn nichts mehr im Weg.

Seit 1908 existiert die Pendel-Umlaufbahn auf die Wissifluh schon. Die anfänglich mit Wasserballast betriebene Bahn wurde 1942 vom Ingenieur Franz Hunziker, der später in die USA auswanderte und in den Rocky Mountains einige weitere Anlagen baute, elektrifiziert.
Mit dem Segen der zuständigen Behörde wurde im Jahr 2000 die Anlage durch Jürg Trionfini und seinen langjährigen Freund Peter Meyer mit einer Fernsteuerung erweitert. Trionfini ist überzeugt, dass die Wissifluh-Seilbahn durch diese Investitionen noch viele Jahre vor sich hat. «Diese Bahn ist in ihrer Einfachheit genial – die ist für die Ewigkeit gebaut.» 

Mit zweimal 230 Personen Kapazität und einem Stützpfeiler von über 188 Metern Höhe.

AUFBRUCHSTIMMUNG

Schweizer bauen grösste Seilbahn der Welt

Die Schweizer Seilbahnfirma Doppelmayr/Garaventa hat in Vietnam mit einer neuen Seilbahn gleich zwei Rekorde gebrochen. In den beiden Kabinen haben je 230 Personen Platz und mit 188,88 Meter steht in der Halong-Bucht im Norden von Vietnam die höchste Seilbahnstütze der Welt. Die Gesamtlänge der Anlage beträgt 2165 Meter.
«Was momentan in Vietnam in Sachen Investitionen in touristische Infrastruktur vor sich geht, ist vergleichbar mit der Aufbruchstimmung Mitte des 20. Jahrhunderts im Alpenraum», heisst es in einer Medienmitteilung der Firma. Seit der Eröffnung am 25. Juni 2016 können nun die jährlich rund sieben Millionen Besucher die «Bucht des untertauchenden Drachens» mit der Pendelbahn überqueren.

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Daniel Winkler