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12. November 2012

«Die Kinder haben sich verändert, sie sind es gewohnt, alles sofort zu bekommen»

Das Berufsbild der Lehrerberufe hat sich radikal verändert. Lehrerinnen und Lehrer stehen heute vor ganz neuen Herausforderungen, sagt Jürgen Oelkers von der Universität Zürich.

Jürgen Oelkers
Jürgen Oelkers ist Professor für Allgemeine Pädagogik am Institut für Erziehungswissenschaften an der Universität Zürich. (Bild: Ex-Press)

Jürgen Oelkers ist Professor für Allgemeine Pädagogik am Institut für Erziehungswissenschaften an der Universität Zürich.

Jürgen Oelkers, wie hat sich der Lehrerberuf in den letzten Jahren entwickelt?

Die Entwicklung geht in Richtung geteilte Arbeitszeit. Zudem bleibt eine Lehrkraft nicht mehr einfach ein Leben lang an der ersten Stelle, wie das früher oft der Fall war. Lehrberufe ziehen heute auch andere Leute an.

Welche?

Früher konnte man ja praktisch nach der Matura anfangen zu unterrichten. Das ist jetzt ganz anders. Heute sind es vor allem gut ausgebildete Frauen, die sich für einen Lehrberuf entscheiden. Wünschenswert wäre ein grösserer Anteil Männer und eine grössere multikulturelle Durchmischung unter den Lehrkräften.

Was bringt die neue Quereinsteigerausbildung?

Da ist eine gute Sache. Diese Lehrer bringen Berufs- und Lebenserfahrung mit, und sie haben eine höhere Verweildauer im Beruf als solche, die jung eingestiegen sind. Von Letzteren steigen viele aus oder machen grössere Pausen.

Woran liegt das? Sind die Lehrer frustriert?

Die Verbürokratisierung des Jobs, die oft als belastend bezeichnet wird, ist nicht grösser als in anderen Berufen. Aber die Kinder haben sich verändert, sie sind es gewohnt, eine Vielfalt von Medien rasch zu konsumieren und alles sofort zu bekommen. Die Schule hingegen ist auf langfristige Prozesse ausgelegt und muss das auch durchsetzen. Das ist für die Lehrkräfte oft sehr anstrengend.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Lehrer, Kindern und Eltern verändert?

Es ist viel partnerschaftlicher geworden. Die Eltern sind für die Lehrer sichtbarer geworden, aber auch anspruchsvoller. Und sie klagen schneller, das ist die andere Seite.

Autor: Andrea Fischer Schulthess