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10. August 2015

Die Kesb am Pranger

Die Kritik an den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) will nicht verstummen. Fakt ist: Letztes Jahr wurde den Schweizer Kinderkliniken eine neue Rekordzahl von Fällen wegen Verdachts auf Misshandlung gemeldet.

Kesb in der Zeitung
Der aktuellste Fall: Christian Kast akzeptierte die Fremdplatzierung seiner Kinder nicht und organisierte ihre Flucht.

Anfang 2013 wurden die bisherigen rund 1400 kommunalen Vormundschaftsbehörden durch die neu geschaffenen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) ersetzt. Ein zentrales Anliegen der Gesetzesänderung ist es, die bisherigen Laien- durch professionelle Fachbehörden abzulösen. Seither reissen die Diskussionen um die kantonal organisierten Kesb nicht ab.

Einer der aktuellen Fälle: Der Aargauer Christian Kast half seiner philippinischstämmigen Frau und seinen beiden Töchtern, auf die Philippinen zu fliehen. Ein Aargauer Familiengericht hatte dem Paar im Herbst 2014 die Obhut für die Kinder entzogen. Sie waren in einem Heim untergebracht.

In den sozialen Netzwerken wird Kast nun als Held gefeiert. Im Interview sagt Fürsprecher Kurt Affolter-Fringeli (66): «Solche Sympathien entstehen, wenn man sich nicht fragt, wie es den Kindern geht. Der Vater steht als Held gegen die staatliche Macht da. Aber das Bild ist falsch: Die Kesb ist keine Feindin, sondern eine Freundin und Helferin.» Das Ziel der Behörden sei nicht, sich gegen Eltern durchzusetzen, sondern mit ihnen einen Weg zu suchen, um einem Kind bessere Chancen zu ermöglichen.

Affolter-Fringeli stellt den schweizweit 150 Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden ein gutes Zeugnis aus, räumt jedoch ein, dass Fehler gemacht werden. «Wenn die Kesb aber Schutz und Hilfe leistet, wird nicht darüber berichtet.» Die Beschimpfungskampagne würde es erschweren, geeignetes Personal zu finden.

«Die aktuelle Kampagne ist für die Arbeit der Kesb nicht repräsentativ»

Kurt Affolter-Fringeli, Mitgründer des Intituts für Angewandtes Sozialrecht

Kurt Affolter, die Kesb steht in der Dauerkritik. Zu Recht?

Aktuell werden ausgesuchte vermeintliche oder tatsächliche Fehler der Kesb öffentlich angeprangert. Wenn sie aber in ihrer täglichen Arbeit tausendfach Schutz und Hilfe leistet, wird nicht darüber berichtet. Die Kampagne, die momentan läuft, ist daher nicht repräsentativ für die Arbeit der Kesb.

Wer ist schuld am schlechten Ruf der Kesb? Die Medien?

Die Medien sind nicht die Hauptakteure. Es sind vielfach Leute, die mit den eigenen Erziehungsleistungen kein gutes Beispiel abgeben und dabei von Politikern instrumentalisiert werden. Am 19. Dezember 2008 hat das Parlament auf Antrag des damaligen Justizministers Christoph Blocher die neue Kesb-Organisation mit 234 zu 2 Stimmen gutgeheissen. Er zeigte sich überzeugt, das neue Instrument benötige zwingend eine Fachbehörde.

Heute werden Forderungen laut, Laien sollen bei der Kesb wieder mitentscheiden.

Die Schweiz hat eine jahrzehntelange Erfahrung mit Laienbehörden, die sich nicht bewährten, etwa in der Führung von Schulen, Spitälern und an Schwurgerichten. Ich halte diese Forderungen etwa für so sinnvoll, wie Spitalärzte durch Samariter zu ersetzen.

Gibt es für Sie keinen Grund, die Kesb zu kritisieren?

Fehler passieren überall. Dazu aufzurufen, die Kesb abzuschaffen, brächte gefährdeten Kindern wieder die alten Zustände zurück. Das kann niemand ernsthaft wollen. Das Parlament hat sich für eine komplizierte Organisation entschieden. Alle Kantone haben eine eigene Kesb-Struktur und ein eigenes Verfahren mit wenigen bundesrechtlich vereinheitlichten Vorgaben. Dieser politische Wille erschwert den Aufbau der neuen Behörde. In einigen Kantonen wie in Bern sind die Strukturen vorbildlich, in anderen nicht.

Wie kann die Kesb das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen?

Keine fünf Prozent der Bevölkerung haben mit der Kesb zu tun. Ihr Ruf ist in der täglichen Arbeit intakt. Klar, es passierten Fehler bei der Beschaffung und Auswertung von Informationen und dem Suchen nach Lösungen für die Betroffenen. Das ist ein anspruchsvoller Prozess, und einige Kesb-Stellen sagen, sie hätten die Zeit dafür nicht. Manchmal liegt es auch an der Arbeitstechnik, die gefördert werden muss.

Wann ist es nötig, den Eltern die Kinder wegzunehmen?

Nur etwa zwei Promille aller Kinder sind behördlich fremdplatziert, weil man versucht, so lange, wie es geht, die Eltern in die Mitverantwortung einzubinden. Ein Kind gehört zur Familie. Selbstverständlich gibt es Eltern, die Probleme haben. Dann muss die Kesb die Eltern auf das Fehlverhalten hinweisen. Viele sind dankbar für die Unterstützung.

Autor: Reto E. Wild