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22. Mai 2017

Die Jungen müssen ran

In rund 80 000 kleinen und mittleren Unternehmen in der Schweiz steht ein Generationenwechsel bevor. Im Idealfall springen die Töchter und Söhne als Chefs ein. Doch in vielen Firmen ist die Nachfolge unklar.

Kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) sind das Herzstück der Schweizer Wirtschaft. Sie machen über 99 Prozent der Firmen aus und sie stellen gegen drei Millionen Arbeitsplätze. Oder anders ausgedrückt: Wenn es den ­Unternehmen mit 1 bis 249 Beschäftigten – so definieren sich die KMU – gut geht, geht es auch der Volks­wirtschaft gut.

Und just diese KMU stehen vor einer grossen Herausforderung, weil «in den kommenden fünf Jahren bis zu 80 000 KMU mit 400 000 Arbeitsplätzen an die nächste Generation weitergegeben werden dürften», wie eine Studie der Credit Suisse aufzeigt. «Die hohe volkswirtschaftliche Bedeutung erfolgreicher Nachfolgeprozesse ist damit unbestritten», heisst es weiter.

Nur: 30 Prozent aller Unternehmen steckenmitten im Prozess, den Generationenwechsel zu vollziehen. Die Mehrheit der KMU-Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer gehört der Babyboomergeneration an und ist heute zwischen 50 und 65 Jahre alt. Ihr Rückzug aus dem aktiven Geschäftsleben wird in den kommenden Jahren mit grosser Wahrscheinlichkeit zu deutlich mehr Nachfolgeregelungen bei Unternehmen führen.

Nachfolge muss von langer Hand geplant sein

Eine Nachfolge wird nicht von heute auf morgen geregelt. Im Schnitt dauert der Übergabeprozess rund vier Jahre. Und nicht immer muss der Sohn ran: Die Frauen könnten laut der CS-Studie in die Lücken springen. Derzeit sind laut der Studie aber nur zehn Prozent aller KMU-Chefs weiblich.

Wie lange ein Nachfolgeprozess dauern kann, zeigen die Beispiele des Sonden-Herstellers Contrinex oder der Haushaltgerätefirma Solis, wo inzwischen die junge Generation in die Chefetage eingezogen ist. Beim in Zürich domizilierten Uhrenunternehmen Maurice de Mauriac lässt sich Patron Daniel Dreifuss ­hingegen bewusst Zeit – seine Söhne stehen jedoch bereits in den Startlöchern. Und René Fleischli musste sein Lebenswerk, ein Filialnetz von Bäckereien, ausserhalb der Familie verkaufen, weil sich die vier Töchter für einen anderen Lebensweg entschieden haben.

Peter Heimlicher und Tochter Annette
Peter Heimlicher und Tochter Annette

Für Peter Heimlicher war Tochter Annette als Nachfolgerin «der sympathischste Weg».

Kein kleines Rädchen mehr

Bereits als kleines Mädchen fragte Annette Heimlicher ihren Vater Peter Heimlicher (71) immer wieder Löcher in den Bauch. Und der Ingenieur erklärte, woran er gerade tüftelte. Später, als Studentin, durfte sie den Vater auf Geschäftsreisen nach Japan, Korea und in die USA begleiten.

Seit vier Jahren ist Annette Heimlicher (39) CEO von Contrinex in Corminboeuf FR. Die Firma fabriziert Sensoren, die in eine digital vernetzte Produktion eingebunden und aus der Ferne gesteuert und überwacht werden können. Sie sind die Augen von Maschinen und kommen in einer Vielfalt von Anlagen zum Einsatz.

Nach dem Studium der Ökonomie begann die Tochter, im Unternehmen zu arbeiten, das der Vater 1972 gegründet hatte, und war für die neue Produktegruppe Sicherheitslichtgitter verantwortlich. «Niemand sollte den Eindruck bekommen, sie könnte jemandem den Job wegnehmen», sagt Peter Heimlicher. So war sie willkommen. «Den Respekt musste ich mir aber erst verdienen», sagt sie.

Einstieg über einen Umweg

Dank ihres unermüdlichen Einsatzes gelang ihr das zwar – dennoch verliess Annette Heimlicher nach zwei Jahren die Firma wieder. «Der Druck, als Nachfolgerin aufgebaut zu werden, war mir als 29-Jährige zu gross.» Sie ging zurück zum WEF, wo sie schon als Studentin tätig war. «Ich arbeitete rund um die Uhr, konnte aber vieles nicht selbst entscheiden.»

Danach war sie bereit, voll und ganz in den Familienbetrieb einzusteigen. Ihr Bruder, ein Ingenieur, hatte sich für eine eigene Firma entschieden, und ihr Vater wollte eine langfristige Lösung für seine finden. «Die Vorstellung, eines Tages an einen Konkurrenten verkaufen zu müssen, der die Firma in die Durchschnittlichkeit herunterwirtschaftet, war inakzeptabel.» Für Peter Heimlicher war die Tochter als Nachfolgerin «der sympathischste Weg».

Peter Heimlicher hat sich aus dem Tagesgeschäft verabschiedet, steht aber immer noch jeden Tag in der Firma und greift jungen Ingenieuren beim Tüfteln unter die Arme. Daneben hat er wieder Zeit, Klavier zu spielen und Bücher zu lesen.

Jetzt ist Annette Heimlicher verantwortlich für die Versorgungskette, die Logistik, die Produktion, die 550 Mitarbeiter, 80 davon in der Schweiz. Die Arbeit erfüllt sie: «Hier bin ich kein kleines Rädchen in einer Maschinerie.»

Thomas Nauer und Willy A. Nauer
Thomas Nauer hat mit der Firma Solis das Lebenswerk seines Vaters Willy A. Nauer übernommen.

Thomas Nauer hat mit der Firma Solis das Lebenswerk seines Vaters Willy A. Nauer übernommen.

Reif für die Firma

Der 20. Dezember 2016 markiert für Willy A. Nauer (76) einen neuen Lebensabschnitt: Nach 33 Jahren hat er das Schweizer Traditionsunternehmen Solis an seinen Sohn Thomas (38) übergeben. Er räumte sein Büro in der Solis of Switzerland AG, «seinem Lebenswerk». Er ist glücklich, weil er weiss, dass in der Firma nun auch ohne ihn alles rundläuft. Seine Frau Hildegard (75), die Mutter von Thomas, kümmerte sich 25 Jahre lang um die PR des Unternehmens.

Ganz ohne Weiteres hat Willy Nauer die Aktien der Firma seinem einzigen Kind aber nicht übergeben. Zwei Fragen wollte er geklärt haben. Erstens: Will Thomas die Firma mit den rund 100 Angestellten, der Entwicklung und Produktion in Mendrisio TI sowie Niederlassungen in Deutschland, Holland, China, Singapur und Japan wirklich übernehmen? Und zweitens: Kann er es?

Arbeitserfahrung in Peking und Schanghai

Die beiden Punkte waren auch für Thomas Nauer, der schon als Bub an freien Nachmittagen im Lagerhaus arbeitete, entscheidend. Bewusst wollte er ausserhalb des Familienunternehmens Erfahrungen sammeln. Nach der Matura und einem Abschluss in Wirtschaft sowie internationalem Management arbeitete Thomas Nauer während dreier Jahre für Nestlé in Peking und Schanghai. Er war der erste Ausländer, der vor Ort im regionalen Verkaufsbüro mit Chinesen zusammenarbeitete.

Nach den drei Jahren in China fragte Willy Nauer seinen Sohn, ob er nun bei Solis einsteigen oder in Asien bleiben wolle. «Mein Vater setzte mich nie unter Druck. Ich kam selber zum Schluss, genügend Erfahrungen gesammelt zu haben und reif für die Führung einer Firma zu sein», sagt Thomas Nauer.

2008 startete er als Direktor Verkauf und Marketing bei Solis in Glattbrugg ZH. Nach und nach kamen weitere Verantwortungs­bereiche dazu. Mit der Aufgabe des Euromindestkurses stand Thomas Nauer vor der ersten grossen Herausforderung. «Das war ein Schock.» Sie mussten im Eurogebiet ihre Preise erhöhen, um die Marge zu halten. Zum Glück habe der Markt das akzeptiert. «Hätte ich mich in der Funktion überfordert gefühlt, hätte ich den Karriereschritt nicht durchgezogen», sagt er.

Er ist nach Europa zurückgekehrt, weil er für das Unternehmen trotz starken Frankens ein riesiges Potenzial sieht. «Für mich ist es eine einmalige Chance, diese fantastische Firma weiterzuentwickeln.» Die Selbstbestimmung reize ihn. Zudem reist und isst er sehr gerne und kann das perfekt mit seinem Job verbinden. Spricht Thomas Nauer von China, leuchten seine Augen. Willy Nauer, der bereits 1977 erstmals geschäftlich in China war, schiebt voller Stolz ein, dass sein Sohn akzentfrei Mandarin spreche. Bei dieser Sprache geniesst der Junior Heimvorteil: Seine Frau Man (40) stammt aus Peking.

Daniel Dreifuss und Sohn Leo.
Daniel Dreifuss und Sohn Leo.

Sie haben beide ein Flair für Uhren und Streifen: Daniel Dreifuss und Sohn Leo.

Jeder steht für jeden ein

Daniel Dreifuss (57), ein Wirbelwind in Blazer und blauen Turnschuhen, wirkt eher wie ein Galerist, nicht wie ein Banker. Doch der Eindruck täuscht: Der Ostschweizer absolvierte eine Lehre beim damaligen Bankverein, tingelte dann durch die Finanzzentren von Zürich, Genf, London und New York, wo sein letzter Arbeitgeber nach dem Börsencrash von 1987 bankrottging. Zurück in der Schweiz, fragte ihn der Zürcher Gastronom Rudolf Bindella, ob er für ihn nicht 1000 Werbeuhren für das damalige Edel-Restaurant«Contrapunto» produzieren lassen könne.

«Als Ex-Banker konnte ich mir nicht vorstellen, damit ein Geschäft zu machen», sagt Dreifuss. Er sollte sich täuschen. Er erhielt immer mehr Anfragen von Firmen, die ihre eigene Werbeuhr wollten. 1997 gründete er das Uhrenunternehmen Maurice de Mauriac. Dreifuss sagt: «Ich merkte, dass ich ein Farbendenker bin und eine gute Nase für Uhrenkompositionen habe. Ich habe alles autodidaktisch aufgebaut.»

Die Mutter hilt bei der Ästhetik mit

Aus Maurice de Mauriac ist ein Familienunternehmen geworden: Neben drei Uhrmachern arbeiten Daniel Dreifuss’ Söhne Leonard «Leo» (21) und Massimo (24) in der Firma mit. Massimo, der Wirtschaft studiert und derzeit ein Austauschsemester in Dänemark absolviert, kümmert sich um Einkauf, Abläufe, das Lager und die Weiterentwicklung der Firma. Leo, der visuelle Kommunikation studiert, ist oft im Ladenlokal in der Zürcher Innenstadt anzutreffen. Mutter Claudia Ginocchio (56) entwickelt die ästhetischen Konzepte und arbeitet als Künstlerin.

Wie es mit der Uhrenfirma in den kommenden Jahren weitergehen wird, sollen einst die Söhne bestimmen. «Mein Vater», so Leonard, «hat Maurice de Mauriac als Haus aufgebaut. Wir dürfen entscheiden, ob wir daraus ein Einfamilien- oder ein Hochhaus machen wollen.» Die Söhne müssen sich allerdings ein wenig gedulden. «Bevor meine Kinder nicht mindestens 27 Jahre alt sind, frage ich sie nicht, ob sie den Betrieb übernehmen», sagt der Patron. Er möchte nicht über deren Zukunft verfügen. Leonard betont: «Im Zentrum steht für uns die Freiheit, das zu machen, was wir wirklich wollen.» Laufe etwas im Unternehmen nicht rund, fühle er sich allerdings schon heute mitverantwortlich. Gründervater Dreifuss: «Wir sind ein bisschen wie eine Bauernfamilie. Jeder steht für jeden ein.»

René Fleischli, seine Töchter Denise und Martina Fleischli und Konrad Pfister
Stabübergabe (von links): René Fleischli, seine Töchter Denise und Martina Fleischli und Konrad Pfister, der den Familienbetrieb übernommen hat.

Stabübergabe (von links): René Fleischli, seine Töchter Denise und Martina Fleischli und Konrad Pfister, der den Familienbetrieb übernommen hat.

Die viele Arbeit schreckte sie ab

René Fleischli (61) hat eine Tellerwäscherkarriere hingelegt: Als siebtes von neun Kindern ging der Aargauer mit 15 Jahren ins Welschland, um Französisch zu lernen. Am Morgen lieferte er für eine Bäckerei Brot aus, am Nachmittag drückte er die Schulbank. Die Arbeit inspirierte ihn zu einer Lehre als Bäcker: «Im Team etwas Handfestes und Sinnvolles zu machen, gefiel mir.»

1986 übernahm er mit seiner Frau Elsbeth (62), gelernte Bäckereiverkäuferin, eine Dorfbäckerei in Niederglatt ZH mit fünf Angestellten. Heute umfasst das Familienunternehmen zehn Filialen im Zürcher Unterland und beschäftigt 300 Mitarbeitende. «Ich bin Unternehmer,nicht Unterlasser», sagt René Fleischli. Sah er eine gute Chance, nutzte er sie. So war er einer der Ersten, der sonntags Brot verkaufte. Der Bäcker verstand sich immer auch als Patron, der eine Verantwortung trägt: Sein Unternehmen bildet zurzeit 20 Lernende aus und unterstützt kulturelle und sportliche Aktivitäten für Jugendliche in der Region.

Die Eltern arbeiteten rund um die Uhr

Die Eltern arbeiteten rund um die Uhr Bei so viel Engagement blieb nur wenig Zeit für die vier Töchter Janine (35), Susanne (32), Denise (30) und Martina (30). «Die Eltern waren stets im Geschäft», erzählt Martina. Und doch empfand sie es als Privileg, in einer Backstube aufzuwachsen. «Wir durften immer naschen, und da wir im Haus oberhalb der Bäckerei wohnten, waren die Eltern immer nah, wenn wir sie brauchten.» Sie wurde Politologin. Auch ihre Schwestern haben andere Karrieren eingeschlagen: Janine ist Heilpädagogin, Susanne Kosmetikerin, Denise Umweltingenieurin.

René und Elsbeth Fleischli liessen ihre Töchter ihre eigenen Wege gehen. Schade finden sie es dennoch, dass keine ihr Lebenswerk übernehmen wollte. «Wir haben wohl zu viel gearbeitet», sagt René Fleischli. «Das war schon abschreckend», stimmt Martina Fleischli zu.

Mit Konrad Pfister (47) hat René Fleischli einen Nachfolger gefunden, dem er vertraut. Er hat den Lebensmittelingenieur über eine Gruppe von Bäckern kennengelernt, die sich regelmässig austauschen. Denn Pfister hatte sich nach seinem Job bei einem Pharmaunternehmen auf seine Wurzeln besonnen und war als Geschäftsführer einer Basler Bäckerei tätig.

Die folgenden fünf Jahre ist René Fleischli als VR-Präsident mit noch 49,6 Prozent am Unternehmen beteiligt und mit einem 50-Prozent-Pensum im Tagesgeschäft involviert. «So kann ich mich langsam zurückziehen.» Der erste Schritt ist schon getan: Er wohnt mit seiner Frau nicht mehr oberhalb der Bäckerei in Niederglatt. «Wenigstens rieche ich jetzt nicht mehr, wenn etwas schiefläuft – das hilft beim Loslassen.»­ 

Autor: Reto E. Wild, Monica Müller

Fotograf: Paolo Dutto