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15. Juni 2015

Die Jungen als hoffnungslose Nichtromantiker

Der Glaube an die ewige Liebe – ein altmodisches Konstrukt? Eine aktuelle Umfrage unter jungen Menschen scheint das zu bestätigen. Auch Treue soll nur mässig wichtig sein. Wächst eine Generation von Beziehungsverweigerern heran?

Junges Paar mit gemeinsamer Zukunft?
Eine gemeinsame Zukunft? Oder wenn Blicke in die Ferne schweifen ... (Bild: Getty Images)

Nur ein Fünftel der 18- bis 39-Jährigen glaubt an die ewige Liebe. Das zeigt eine Umfrage des Forschungsinstituts GFS Zürich zum Thema Partnerschaft und sexuelle Treue. Die Studie wurde im Auftrag der freikirchlichen Schweizerischen Evangelischen Allianz durchgeführt. Befragt wurden über 1000 Personen aus der Deutsch- und Westschweiz.
Auffallend sind die Zahlen ins­besondere im Vergleich mit den anderen Altersgruppen: Knapp 40 Prozent der Bevölkerung zwischen 40 und 64 träumen von ­e­iner ­lebenslangen Partnerschaft und sehen sexuelle Treue als ­wichtigen Teil der Beziehung an. Bei den Über-65-Jährigen sind es ­sogar mehr als 60 Prozent.

Die Zahlen sind beispielhaft für die Anything-goes-Generation. Schliesslich entspricht es dem Zeitgeist, sich alle Optionen offenzuhalten – es könnte ja noch etwas Besseres kommen, so etwas wie ein Update. Sich festzulegen ist out. Die Juso-Spitze sagte kürzlich sogar der Ehe den Kampf an. Sie sei ein «überholtes Konstrukt», heisst es in einem Papier, das die «Schweiz am Sonntag» publik gemacht hat. Die Jungpartei will den Bund fürs Leben abschaffen.

Sind experimentelle Formen wie offene Beziehungen die Zukunft? Nein, sagt Bettina Höchli vom Gottlieb-Duttweiler-Institut. Ab 30 wünsche man sich oftmals wieder eine traditionelle Beziehungsstruktur.
In Zeiten globaler Krisen und Unsicherheiten steige das Bedürfnis nach familiärer Geborgenheit. Und: Die Scheidungsrate ist in den letzten fünf Jahren auf gut 40 Prozent gesunken. 

EXPERTENINTEVIEW

Bettina Höchli (28) vom GDI
Bettina Höchli (28) analysiert gesellschaftliche Veränderungen mit dem Schwerpunkt soziale Identitäten am Gottlieb-Duttweiler-Institut. (Bild zVg)

«Primär geht es bei Dating-Apps um Spass und nicht um die grosse Liebe»

Bettina Höchli (28) analysiert gesellschaftliche Veränderungen mit dem Schwerpunkt soziale Identitäten am Gottlieb-Duttweiler-Institut.

Bettina Höchli, die meisten Jungen glauben nicht an die grosse Liebe. Woran liegt das?

Für mich ist dies eine nachvollziehbare Entwicklung. Die junge Generation ist Teil der Multi-Options-Gesellschaft. In der Liebe ist Experimentieren angesagt, im Job werden Umschulungen verlangt, die Hobbys werden immer ausgefallener, und sogar ein Wohnortwechsel ist für viele normal. Kurz: Wir können immer zwischen vielen Möglichkeiten wählen. Unsere Lebensläufe sind weniger stark vorbestimmt als früher. Stattdessen riskieren wir Umwege, Brüche und Neuanfänge. Das hat natürlich auch Folgen für die Partnerschaft. Heute sind alternative Beziehungs- und Familienformen normal. Früher wären beispielsweise Patchworkfamilien oder Zweitehen viel weniger akzeptiert worden.

Welche Rolle spielt die Gleichstellung von Frau und Mann in dieser Entwicklung?

Die Geschlechterrollen lösen sich auf. Es ist nicht mehr so klar, wie sich ein Mann oder eine Frau heute in einer Partnerschaft zu verhalten hat. Zudem lösen sich auch die eindeutigen Beuteschemen auf. Diese Rollen werden jetzt neu definiert. Das ist für Männer und Frauen eine grosse Herausforderung, denn gesellschaftliche Vorgaben geben immer auch Sicherheit und Orientierung.

Angesichts der Scheidungsraten um 40 Prozent scheinen die Jungen Beziehungen realistischer zu sehen als die Älteren. Stimmt diese Einschätzung?

Das kann man schon so sagen. Wenn man miterlebt, wie bestehende Partnerschaften scheitern und neue Beziehungen entstehen, prägt einen das. Man weiss, dass man sich auch trennen oder scheiden lassen kann, wenn eine Liebe nicht funktioniert. Das war früher anders. Paare blieben eher zusammen, weil eine Scheidung gesellschaftlich nicht akzeptiert war. Das heisst aber nicht, dass sich diese Paare noch geliebt haben.

Ist ewige Liebe nicht ohnehin bloss ein romantisches Ideal?

Das Bedürfnis, in guten wie in schlechten Zeiten von der Liebe begleitet zu werden, ist nach wie vor stark vorhanden. Insbesondere bei der jüngeren Generation wächst das Bedürfnis nach Familie, Treue und Sicherheit wieder. In der Multi-Options-Gesellschaft gewinnt die Vorstellung der Sicherheit einer ewigen Liebe an Attraktivität. Dass die Realität der Beziehungen oft anders aussieht, ist dennoch vielen klar. Die monogame und treue Partnerschaft existiert selten über das ganze Leben, insbesondere bei einer Lebenserwartung von über 80 Jahren. Sie kann aber sehr wohl mehrere Male hintereinander gelebt werden.

Wie verbreitet sind die Alternativen zur Zweisamkeit?

Es gibt zum Beispiel das Konzept der offenen Beziehung. Man geniesst die Vertrautheit einer Beziehungsstruktur, ist aber dennoch unabhängig. Diese Beziehungsformen sind aber primär bei Leuten unter 30 ein Thema. Danach wird bei vielen der Wunsch nach einer klassischen Familie stark. Die Lebensvorstellungen sind mit 18 ganz anders als mit 39 Jahren.

Dating-Apps wie Tinder boomen. Zerstören sie die Romantik?

Diese Apps sind Phänomene des Zeitgeistes. Der gegenwärtige Information-Overload macht uns ungeduldig, wir wollen jederzeit sofort Feedback und bringen kaum Toleranz für Komplexität auf. Auch unsere Aufmerksamkeitsspanne sinkt. Mit Bildern wird die Kommunikation bequem, einfach und leicht verständlich. Das erklärt auch die Beliebtheit solcher Apps. Primär suchen die meisten Menschen auf Tinder und ähnlichen Dating-Plattformen aber Spass oder Unterhaltung. Um die grosse Liebe geht es in den seltensten Fällen. 

Autor: Anne-Sophie Keller