Archiv
28. November 2016

«Die Jugend ist nicht sonderlich optimistisch»

Teenager sind auf die Gegenwart fokussiert und glauben nicht, dass sie ihre Zukunft gestalten können, sagt Jugendforscher Philipp Ikrath. Es gebe auch keine gemeinsame Jugendkultur mehr, stattdessen Szenen, die kaum miteinander zu tun haben.

Philipp Ikrath
Philipp Ikrath (36) ist Soziologe und arbeitet am Institut für Jugendkulturforschung in Wien.

Philipp Ikrath, ist es eine gute Zeit, um ein Teenager zu sein?

In gewisser Hinsicht schon: Jugendliche haben heute einen deutlich besseren Zugang zu Bildung als ihre Eltern oder Grosseltern. Und Kriegsdienst bleibt ihnen in der Regel erspart. Aber es gibt auch Aspekte, bei denen sie es schwieriger haben.

Zum Beispiel?

Eigentlich gehört zum Jugendalter eine gewisse Zuversicht. Die Jugend von heute hingegen ist nicht sonderlich optimistisch, sie ist eher abwartend und skeptisch bezüglich der Zukunft.

Es geht ihnen also ähnlich wie derzeit den Erwachsenen.

Schon, aber bei der Jugend hat das schon vor etwa zehn Jahren begonnen, also vor all den aktuellen Krisen. Und: Die Erwachsenen konnten sich schon ein gewisses Fundament aufbauen, die Jungen hingegen sind noch nicht etabliert im Leben. Die Unsicherheiten treffen sie also in einem heikleren Moment.

Sie erleben die Welt als einen Ort, wo sie nur reagieren können, aber kaum aus Eigeninitiative etwas bewirken.

Wie gehen sie damit um?

Es gibt unterschiedliche Strategien. Was aber fast alle gemeinsam haben: Sie sind sehr gegenwartsfokussiert. Vergangenheit und Tradition sind ihnen nicht mehr so wichtig, den meisten fehlt auch der Glaube, die Zukunft aktiv gestalten zu können. Sie erleben die Welt als einen Ort, wo sie immer nur reagieren können, aber kaum je aus Eigeninitiative etwas bewirken. Die eher privilegierten Jugendlichen mit guter Ausbildung können sich damit relativ gut arrangieren, sie sind flexibel, mobil und weltgewandt und sagen sich, dass sie das schon irgendwie schaffen werden. Aber es gibt auch die anderen, die sich überfordert fühlen, sich einigeln, mit Ablehnung und Furcht reagieren.

War das mit der Gegenwartsfokussierung früher wirklich so anders?

Tatsächlich gilt das tendenziell auch schon für die zwei, drei jungen Generationen vorher, dennoch hatten die je nach Herkunft schon ein ziemlich vorgezeichnetes Leben. Eine junge Frau aus der bürgerlichen Schicht in den 1950er-Jahren konnte davon ausgehen, dass sie sich später mal gut verheiraten und Kinder haben würde, für die sie sorgt. Ein Mann machte eine akademische Ausbildung und übernahm die Anwaltspraxis des Vaters. Es gab also selbstverständliche Lebensperspektiven, und auch die Jugendlichen der nächsten Generation konnten zumindest davon ausgehen, dass sie gute Jobs kriegen können und es im Leben besser haben würden als ihre Eltern. Heute sind Eltern schon froh, wenn es ihren Kindern später mal nicht schlechter geht als ihnen.

Überall wird ihnen eingetrichtert, dass sie sich stets verändern und weiterentwickeln müssen, dass sie so, wie sie sind, nie gut genug sind.

Selbst die eigene Identität ist heute offenbar fliessend?

Ja. Jugendliche dürfen sich auch gar nicht festlegen. Egal, ob im Privat- oder Arbeitsleben, überall wird ihnen eingetrichtert, dass sie sich stets verändern und weiterentwickeln müssen, dass sie so, wie sie sind, nie gut genug sind. Sie haben nie ausgelernt, sondern werden stets als Mängelwesen adressiert, die ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft haben. Gleichzeitig weiss man nie so genau, in welche Richtung man sich am besten weiterentwickelt, was wohl in der Zukunft wichtig und gefragt ist. Entsprechend bunt sind heutige Lebensläufe – und während solche Leute früher noch als Hallodris betrachtet wurden, die nicht wissen, was sie wollen, gelten sie heute als spannend.

Gibt’s noch Vorbilder, an denen man sich orientiert?

Ganz viele, aber nie nur eines für alles. Man nimmt sich immer nur einen Aspekt, etwa den Look eines Popsängers, den Rest holt man sich von woanders. Und meist ist es zeitlich begrenzt.

Sind junge Frauen selbstbewusster und emanzipierter als früher?

Auf jeden Fall, da hat sich einiges getan. Und zwar nicht nur in den akademischen Milieus sondern durch alle sozialen Schichten hindurch.

Gegenwartsfokus hin oder her: Zukunftsträume gibt’s schon, oder? Wie sehen die aus?

Natürlich. Aber die Wünsche eines urbanen Hipsters unterscheiden sich sehr stark von denen einer Gemeindeangestellten in einem Bergdorf.

Laut Studien stehen Familie mit Kindern und Eigenheim ziemlich hoch im Kurs.

Das stimmt, gilt aber vor allem auch für die Jugendlichen, die mit den Forderungen nach Flexibilität und Mobilität in Arbeitswelt und Leben Mühe haben. Die träumen davon, sich einen Ort der Sicherheit und Kontinuität zu schaffen, dafür stehen Familie, Eigenheim und Hundewelpen, die im Garten in der Sonne spielen. Ob sich das dann auch verwirklichen lässt, ist eine ganz andere Frage.

Viele Jugendliche sind ihren Eltern ähnlicher als Gleichaltrigen aus einem anderen Milieu.

Wie würden Sie die aktuelle Jugendkultur beschreiben?

Sehr zersplittert. Die meisten fühlen sich schon einer Jugendszene zugehörig, aber diese Szenen unterscheiden sich stark voneinander. Das sieht man auch daran, dass Musikfestivals, die bestimmte Szenen bedienen, wie Pilze aus dem Boden schiessen.

Gibt es übergreifende Trends?

Nicht wirklich. Oft gibts, vom Alter abgesehen, wirklich keinerlei Gemeinsamkeiten. Wichtiger ist das Milieu: Viele sind zum Beispiel ihren Eltern ähnlicher als Gleichaltrigen aus einem anderen Milieu.

Auch unter Erwachsenen sind die Milieus ja immer stärker zersplittert, oder?

Das ist richtig. Und diese Teilgruppen werden immer geschlossener und haben immer weniger miteinander zu tun.

Hat sich in den einzelnen Milieus in den letzten 20 Jahren viel verändert?

Der Jugendliche auf dem Land dürfte heute ähnlich traditionell leben wie jener vor 20 Jahren. Und er wird sein Leben vermutlich auch nicht mehr stark verändern. Anders der junge Punk-Fan: Die urbanen Szenemitgliedschaften sind viel unverbindlicher geworden, der heutiger Punker wird in zwei Jahren ziemlich sicher schon wieder in einer ganz anderen Szene unterwegs sein. Während Punk-Fans von vor 20 Jahren auch heute noch solche Konzerte besucht. Für sie ist das ein Lebensgefühl, das bleibt.

Selbst Kinder im Grundschulalter haben eigentlich alle schon mal sehr expliziten Darstellungen von Sex und Gewalt im Internet gesehen.

Die heutige Jugend ist wie noch keine zuvor mit Pornos und Sexualisierungen aller Art konfrontiert. Was hat das für Folgen?

Studien zeigen, dass das erste Mal heute im Schnitt nicht früher oder später stattfindet als früher. Aber Einstellungen und Erwartungen gegenüber Sex beeinflusst es natürlich schon – und die Realität ist dann in der Regel ernüchternd, weil das Leben halt nicht so ist wie Youporn. Selbst Kinder im Grundschulalter haben eigentlich alle schon mal sehr expliziten Darstellungen von Sex und Gewalt im Internet gesehen. Und für die jüngeren ist das zum Teil schon sehr verstörend. Die weiteren Auswirkungen wird man erst später sehen, es ist sozusagen ein laufendes Sozialexperiment.

Ist die Bindungsangst grösser als früher? Will man sich auch hier nicht zu schnell festlegen?

Ich glaube nicht, dass es Bindungsangst ist. Vielmehr haben viele Jugendliche heute einen sehr ökonomischen Zugang auch zu Beziehungen. Man trennt sich, weil man selbst «viel investiert, aber zu wenig zurückbekommen hat», zum Beispiel. Es geht darum, das romantische Kapital zu maximieren. Manche machen gar Beziehungsbilanzen mit Soll und Haben – wenn es nicht mehr passt, schaut man sich auf dem Partnermarkt nach neuen Optionen um. Nur schon die Sprache der Liebe ist mittlerweile völlig von ökonomischer Logik infiziert.

Sind die Jungen offener für andere Beziehungsformen und sexuelle Orientierungen?

Auf jeden Fall. Das Sexualleben wird nicht mehr übermoralisiert, innerhalb einer Partnerschaft kann man aushandeln, was man möchte. Das kann auch eine offene Beziehung sein, ob das dann in der Praxis funktioniert, ist eine andere Frage. Wenn gute Freunde so leben, will man es vielleicht für sich selbst nicht, wird es aber nur in den seltensten Fällen verurteilen. Das gleiche gilt für Schwule, Lesben und Transmenschen. Leben und leben lassen ist heute die verbreitete Einstellung. Widerstände gibts allenfalls noch bei der rechtlichen Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften mit der Ehe, weil das noch da und dort mit traditionellen Werten kollidiert.

Was bewirken Social Media und Digitalisierung bei den Digital Natives verglichen mit der Prä-digitalen Jugend?

Das alle fiel auf einen fruchtbaren gesellschaftlichen Boden, wodurch schon vorhandene Phänomene nochmals verstärkt wurden – zum Beispiel die Selbstvermarktung und strategische Selbstinszenierung, die Jugendliche heute geradzu meisterhaft beherrschen.

Telefonieren ist unfassbar unbeliebt geworden, das tun die meisten nur noch mit Mutti.

Hat sich auch die Art der Kommunikation verändert? Statt zu reden textet man sich lieber?

Ja, telefonieren ist unfassbar unbeliebt geworden, das tun die meisten nur noch mit Mutti. Eine Theorie besagt, dass die schriftliche Kommunikation bevorzugt wird, weil sie zeitversetzt stattfindet, was es ermöglicht, sich vor Spontaneität und unerwarteten Emotionen zu schützen, was im Telefongespräch schwierig ist. Man fürchtet, nicht adäquat reagieren zu können. Beim Text kann man sich in Ruhe überlegen, was man antwortet. Gut möglich, dass frühere Generationen das genauso gemacht hätten, wenn entsprechende Technologien schon existiert hätten.

Eine Ihrer Studien hat ergeben, dass die Jugend heute politisch-gesellschaftlich eher angepasst ist. Woher kommt das?

Die Politik hat einen sehr schlechten Ruf bei den Jungen. Sie denken, da engagieren sich nur Leute, die ihren eigenen Nutzen maximieren und so viel wie möglich in die eigenen Taschen stopfen wollen. Es glaubt kaum mehr jemand, dass Politik eine Sphäre des Guten und Wahren ist, die sich um das Gemeinwohl sorgt. Auch hier gab es also vom Image her eine Angleichung mit der Wirtschaft, in der es vor allem um Profitmaximierung geht. Und wer sich auflehnt oder irgend etwas anders machen will, der wird eh nur untergebuttert oder abgestraft. Also vermeidet man das lieber. Die Jugendlichen sind auch diesbezüglich sehr nutzenorientiert und pragmatisch.

Die Welt, in der wir leben, macht es den Jugendlichen sehr schwierig, in Alternativen zu denken.

Liegt das auch daran, dass sich das marktwirtschaftlich-kapitalistische System so umfassend durchgesetzt hat, dass Alternativen immer schwieriger vorstellbar sind?

So ist es. Ausserdem ist das marktwirtschaftliche Denken inzwischen in alle Lebensbereiche eingedrungen – für Romantik bleibt da kein Platz mehr, auch nicht in der Politik. Die Welt, in der wir leben, macht es den Jugendlichen sehr schwierig, in Alternativen zu denken.

Was heisst das für unsere Weiterentwicklung? Neue Impulse kamen doch eigentlich immer von den Jungen: Droht uns eine gesellschaftliche Stagnation?

Die 68er werden diesbezüglich immer als Vorbild präsentiert. Dabei vergisst man gern, dass auch sie nur eine kleine Minderheit waren, und die meisten Jugendlichen in dieser Zeit für die Schlagerstars Peter Kraus und Cornelia Froboess schwärmten. Solche Minderheiten sind auch heute aktiv, man denke an die Occupy-Bewegung, die vor ein paar Jahren von den USA aus nach Europa geschwappt ist. Nur prallen solche Versuche an der Mehrheitsgesellschaft ab, auch weil die Leute gar nicht so recht wissen, was sie konkret fordern sollen. Und wenn, dann formulieren sie ähnliche Alternativen wie die Menschen vor 50 Jahren, und diese Alternativen haben mittlerweile einiges von ihrer Sexiness verloren.

Dabei gäbe es genug zu protestieren: Die Generationen, die an der Macht sind, beuten den Planeten aus, schaffen zu wenige Jobs für Junge, geniessen eine Altersvorsorge auf ­Kosten der Jungen ...

Ja, Gründe gibt es genug, und sie sind den Jungen eigentlich auch bewusst. Umso bemerkenswerter ist ihre Resignation: Befragt man Jugendliche nach ihrer Pension, geht die Mehrheit davon aus, dass sie nichts mehr bekommen wird und dass man daran sowieso nichts ändern kann. Aber viele leben eben stark in der Gegenwart, lassen die Zukunft auf sich zukommen und hoffen das Beste.

Einige wirken aber auch recht engagiert: Gerade viele junge Männer unterstützen vermehrt rechtspopulistische Parteien, deren gesellschaftliche Weltbilder sich tendenziell an denen der 1950er-Jahre orientieren. Gibts da eine Sehnsucht nach den Werten und Sicherheiten der «guten alten Zeit»?

Absolut, bei derjenigen Gruppe, die Mühe hat mit den Zumutungen der Moderne und darauf mit Beharrung und Traditionalismus reagiert. Politisch fühlen sie sich vertreten von Parteien wie der SVP, der FPÖ oder der AfD. Und mir scheint, diese Bewegung wird in ganz Europa derzeit tendenziell stärker. Die Zustimmung für die FPÖ hier in Österreich ist unter den Jungen überdurchschnittlich. Das gleiche gilt aber auch für die Grünen – beide gelten als Alternativen zum Bestehenden und sind deshalb attraktiv.

Dass so viele Jugendliche zurück in die «gute alte Zeit» wollen, ist kein gutes Zeichen, oder?

Das sollte uns in der Tat zu denken geben. Es stellt der heutigen Zeit kein gutes Zeugnis aus.

Autor: Ralf Kaminski