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26. März 2012

Die Jugend: Einfühlsam, verantwortungsbewusst und motiviert

Die im Migros-Magazin interviewten Jugendlichen hinterfragen ihr Verhalten und Selbstverständnis. Eine Studie belegt: Im Durchschnitt sind Teenager erstaunlich verlässliche Mitglieder der Gesellschaft – fast wie Erwachsene!

Die Schweizer Öffentlichkeit bekam in den letzten zehn bis zwanzig Jahren einen immer schlechteren Eindruck von der ins Erwerbs- und Erwachsenenalter nachrückenden Generation, speziell geprägt von einigen Gewaltverbrechen, Alkohol- oder Drogenkonsum oder zunehmender Abfallproblematik in den Städten. Eine breit angelegte Lanzeitstudie der Universität Zürich und der Jacobs-Stiftung nahm ihrerseits jedoch das Verhalten älterer Jugendlicher unmittelbar vor oder beim Antreten von Beruf oder Berufsausbildung unter die Lupe. Das Fazit der Cocon-Studie: Die heutigen Teenager treten im Durchschnitt praktisch so vertrauenswürdig auf wie die Erwachsenen. Den minimen Rückstand verdanken sie allein den leicht hinter den Mädchen hinterherhinkenden Jungs.

Das Migros-Magazin greift aus den Daten der Universitätsstudie, die mit Befragungen und Einschätzungen von 3000 Jungen den Zustand im Kindesalter mit sechs Jahren, im Teenageralter mit 15 und zuletzt im jungen Erwachsenenalter mit 21 Jahren erhoben wurden, drei Schlüsselkategorien heraus, die die Fähigkeit zum Eintritt ins Erwachsenen- und insbesondere ins Erwerbsleben belegen. In allen drei Bereichen schnitten die 15-jährigen zwar noch nicht ganz, aber bereits fast so gut ab wie die 21-jährigen.

1. Das Mitgefühl
a) Es ist in erstaunlich hohem Masse bereits mit 15 vorhanden.
b) In einer Skala von 0 (nicht vorhanden) bis 1 (voll ausgeprägt) steigerten sich die 3000 Probanden im Durchschnitt von 0,535 mit sechs Jahren auf 0,795 mit 15 Jahren. Die Steigerung von 15 bis 21 Jahre machte maximal bloss noch 0,01 aus.
c) In dieser Sparte (Empathie) hängten die Mädchen mit einem Plus von zwischen 0,06 und 0,07 die Jungs deutlich ab. Weil die Unterschiede mit 6 Jahren verschwindend klein sind, legt nahe, dass die sich öffnende Schere danach eher auf anerzogene, nicht angeborene Gründe zurückgeht.
d) Die Basis des Mitgefühls wird zu erstaunlich hohem Grad schon in der Familie udn in frühen Jahren gebildet.
e) Das Ermöglichen von Hobbys und Freizeitformen ausser Haus stellt sich hier als besonders gewinnbringend heraus. Lern- und Erfahrungswelten heissen die Schlüsselbegriffe.
f) Besonders die zeitweilige Betreuung ausserhalb der Familie (Krippe etc.) wirkt sich steigernd auf die Empathie aus. Auch noch im Teenageralter nützen zudem vermehrte Aktivitäten mit Gleichaltrigen.

2. Das Verantwortungsbewusstsein
a) Die Vermutung, dass dieses bei der Jugend aufgrund von Schlagworten wie Individual- und Freizeitgesellschaft unterentwickelt wäre, lässt sich nicht belegen. Im Gegenteil: Heranwachsende zeigen ein hohes Mass an Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
b) Bei einem Durchschnittswert von 0,825 mit 15 Jahren ist der grosse Entwicklungsschritt etwas überraschend auch in diesem Bereich schon erfolgt. Bis 21 steigert sich der Wert bloss noch um 0,02.
c) Hier schneiden die Mädchen sowohl bei den 15- wie bei den 21-jährigen 'bloss' um 0,03 besser ab als die männlichen Kollegen.

3. Die Motivation
a) Die Vermutung, die heutigen Jugendlichen wiesen generell Schwächen bei der Leistungsbereitschaft oder auch Anstrengungsbereitschaft, wie die Cocon-Studie es nennt (um Willen und Einstellung zugleich zu treffen), auf, lässt sich nicht untermauern.
b) Allerdings ist bei der Motivation, die sich speziell beim Eintritt in die Lehre, höhere Ausbildung oder den Beruf zeigt, doch noch ein grösserer Entwicklungsschritt zwischen den 15- und den 21-jährigen festzustellen: Von 0,63 auf 0,78 legt der um vergleichsweise starke 0,15 im Durchschnitt zu.
c) Gerade bei den männlichen Jugendlichen geschieht nach 15 Jahren noch einiges: Liegen sie bei der Leistungsbereitschaft erst noch um gut 0,06 zurück, machen sie bis 21 fast die Hälfte des Rückstands auf die weiblichen Testpersonen noch wett. Unklar ist, ob die 15-jährigen Jungs gerade bei der Selbsteinschätzung ihre schwächeren Werte realistisch zu Protokoll geben, oder ob es für sie in diesem Alter schlicht nicht 'cool' ist, Motivation zu zeigen, selbst wenn man sie hat.
d) Die ausserschulischen Erfahrungen haben geringe Auswirkungen auf Motivation und Leistungswillen. Doch bei genauerem Hinschauen zeigt sich, dass die Feedbacks von lehrerschaft und Schulkolleg(inn)en auf eigene Leistungen udn das Auftreten viel wichtiger sind als etwa die einfach mess- udn vergleichbaren Schulnoten.
e) der emotionale Zusammenhalt in der Familie, das Gefühl, dort unterstützt zu werden, ist die wichtigste ausserschulische Komponente für die Anstrengungsbereitschaft.

Unbeschwert, aber nicht nur: Die Schweizer Jugend
Unbeschwert, aber nicht nur: Die Schweizer Jugend

Zahlen: Cocon-Studie von Universität Zürich und Jacobs Stiftung, ab 2006

Autor: Reto Meisser

Fotograf: Victoria Loesch