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20. Februar 2012

«Die Isolation wird so verstärkt»

Fünf Fragen an  Marco Hüttenmoser (69), Erziehungswissenschafter, Gründer und Leiter der Forschungs- und Dokumentationsstelle Kind und Umwelt in Muri AG.

Marco Hüttenmoser, Erziehungswissenschafter, Gründer und Leiter der Forschungs- und Dokumentationsstelle Kind und Umwelt in Muri AG.
Marco Hüttenmoser, Erziehungswissenschafter, Gründer und Leiter der Forschungs- und Dokumentationsstelle Kind und Umwelt in Muri AG.

1. Marco Hüttenmoser, eine englische Studie stellte fest, dass bereits Schulkinder Entzugserscheinungen haben, wenn man ihnen das iPad oder das iPhone vorenthält. Was sagen Sie dazu?

Viele Kinder nutzen heutzutage elektronische Geräte bereits im frühen Alter — oftmals mangels alternativer Beschäftigungsmöglichkeiten. Und das Suchtpotenzial von Spielkonsolen, iPad und Co. ist deutlich höher als dasjenige des Fernsehgeräts. Denn beim Spiel mit diesen Geräten ist auch die Motorik gefragt. Kombiniert mit klanglichen Anreizen wirkt das suchtfördernd.

2. Was wäre die bessere Alternative, statt die Langeweile mit iPad und Co. totzuschlagen?

Kinder brauchen gute Alternativen. Das Beste wäre, wenn Paare, die sich Kinder wünschen, eine Wohnung mit einem attraktiven Umfeld suchten. Zum Beispiel in einer Wohnsiedlung, wo viele Familien leben und es andere Kinder sowie viele Möglichkeiten zum Spielen gibt.

3. Ab welchem Alter sollten Kinder an iPad und Co. herangeführt werden?

Ich würde darauf verzichten, sie gezielt heranzuführen. Die Kinder werden von sich aus entsprechende Wünsche äussern, angeregt durch andere Kinder. Ist das der Fall, kann man zu einem vernünftigen Gebrauch beitragen, indem man mit ihnen über die Inhalte spricht, die sie über iPad oder iPhone konsumieren, auf Gefahren hinweist und klare Regeln aufstellt.

4. Führen Computerspiele bei Kindern in die soziale Isolation?

Ich sehe es umgekehrt. Haben Kinder keine Freunde, mit denen sie im Freien spielen können, werden sie sich verstärkt mit iPad und Co. abgeben. Und die Isolation wird so noch verstärkt.

5. Was halten Sie von Wii und anderen Sportspielen als Bewegungsersatz?

Sogenannte Bewegungsspiele am Computer können nie einen Ersatz zum Spiel im Freien bieten. Die vom Bildschirm vermittelten Bewegungsanregungen wirken eher peinlich. Das Argument, Kinder würden sich vor dem Fernseher immer wieder bewegen, mag zutreffen, zeigt jedoch nur, dass Kinder sich bewegen wollen. Entweder man verfolgt eine Sendung intensiv mit, oder man bewegt sich. Beides zusammen funktioniert nicht und fördert die Oberflächlichkeit.

Laut einer britischen Studie drücken Eltern schon kleinen Kindern Touch-Screen-Geräte wie das iPhone in die Hand.
Laut einer britischen Studie drücken Eltern schon kleinen Kindern Touch-Screen-Geräte wie das iPhone in die Hand. (www.20minuten.ch, vom 7.2.2012)

Hier finden Sie den ganzen «20 Minuten»-Artikel zum Thema.

Autor: Thomas Vogel