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03. November 2014

Die imaginäre Freundin

Superhelden, Fantasiegestalten, Wesen mit Zauberkräften: Viele Kinder haben eingebildete Freunde, die ihnen durchs Leben helfen.

Illustration imaginäre Freunde illumueller.ch
Kein Grund zur Sorge: Mehr als ein Drittel der Kinder haben imaginäre Freunde. (Illustration: illumueller.ch)

Die bald vierjährige Louise erzählt ihrer Mutter immer wieder von Selina. Die ist schon einmal in London gewesen, ist mit dem Doppeldeckerbus gefahren und war auch schon mal im Spital: «Sie hat das Bein gebrochen», sagte Louise gerade erst. Zuerst dachte Mami, Selina sei ein neues Kind in der Kita. Bald merkte sie: Dieses Mädchen ist der Fantasie ihrer Tochter entsprungen. Das ist normal: Mehr als ein Drittel der Kinder haben imaginäre Freunde.

«Unsichtbare Gefährten gehören zur kindlichen Entwicklung», sagt Corinna Martarelli (36), Psychologin an der Uni Bern. «Sie tauchen oft im Alter zwischen vier und sechs Jahren auf und verschwinden meist im Schulalter wieder.» Sie haben unterschiedlichste Charaktere, manchmal sind sie viel älter oder kleine Babys, Superhelden, Kinder mit Zauberkräften, Fantasiewesen oder Tiere – von fliegenden Delfinen, leuchtenden Vögeln, Raubkatzen bis hin zu Schmetterlingen oder Flöhen ist alles möglich. Sie sind meist niedlich und nett, können aber auch frech werden oder gar herrisch sein. Warum es diese imaginären Freunde gibt, weiss man nicht genau. Man weiss aber, dass sie eine Version des kindlichen Rollenspiels sind, dem «Tun-als-ob».

Dabei erfindet das Kind eine Fantasiefigur und spielt mit ihr, ohne dass es Requisiten dafür braucht. Teilweise spielen die Kinder mit dem imaginären Freund tatsächlich, teilweise interagieren sie mit ihm auf passivere Weise, in einer Art Tagtraum.

Kinder mit eingebildeten Freunden sind kreativer

Wichtig bei den unsichtbaren Gschpänli ist, dass sie eine positive Bedeutung haben, betont Martarelli. «Diese erfundenen Figuren bereichern den Alltag. Es ist nicht etwa so, dass diese Kinder unter einem Realitätsverlust leiden.» Im Gegenteil. «Es gibt Studien, die zeigen, dass Kinder mit imaginären Freunden Realität und Fiktion sogar besser auseinanderhalten können als andere Kinder.» Die Kinder wissen auch ganz genau, dass es diesen Fantasiefreund nicht gibt. Auch Louise hat ihrem Mami vor Kurzem offenbart: «Weisst du, Selina gibt es gar nicht.»

Die amerikanische Psychologin Marjorie Taylor erforscht das Thema seit 20 Jahren. Sie hat herausgefunden, dass Kinder mit imaginären Freunden kreativer sind, besser Geschichten erzählen und sich besser in andere hineinversetzen können. «Das deckt sich mit unseren Studien», sagt Martarelli. «Es braucht Fantasie, um sich in andere einfühlen zu können.» Kinder mit unsichtbaren Gschpänli haben diese Fantasie. Heutzutage wird Fantasievermögen in der Psychologie viel positiver bewertet als früher und mit Empathie in Zusammenhang gebracht.

Mal sind sie Sündenbock, mal Problemlöser

Die unsichtbaren Gefährten können verschiedenste Funktionen einnehmen. Sie müssen manchmal als Sündenbock herhalten oder werden beigezogen, wenn das Kind mit den Eltern ein Problem lösen muss. Louise würde nie zugeben, dass sie Angst vor dem Arztbesuch hat. Dass Selina Angst vor dem Arzt hat, sagt sie aber deutlich.

Auch wenn bei Erstgeborenen, Einzelkindern und bei Kindern, die frisch umgezogen sind, der Anteil an imaginären Freunden höher ist – sie werden nicht aufgrund eines Defizits erfunden, sondern aus Freude daran, Geschichten zu erfinden. Oft sind es gerade gesellige Kinder, die von einem unsichtbaren Begleiter erzählen. Mit zunehmendem Alter verschwinden sie, weil Jugendliche ihre Fantasie anders ausleben.

Imaginäre Freunde können aber auch ein Leben lang erhalten bleiben. Beobachten kann man dies immer wieder bei Schriftstellern. Von Agatha Christie sagt man, dass sie erzählte, ein unsichtbarer Gefährte diktiere ihr die Geschichten.

Erzählen Sie uns Ihre Geschichte!

Was sind die witzigsten Moment, für die imaginäre Freunde in Ihrem Umfeld gesorgt haben? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte in einem Kommentar.

Autor: Claudia Langenegger